Vier Fälle täglich Angriffe auf Retter: Bayernpartei fordert Kampagne für mehr Respekt

Emily Engels ist Rathaus-Reporterin der Abendzeitung.
Feuerwehrmann Stefan Kießkalt (45) wurde in der Randale-Nacht im April 2019 am Monopteros im Englischen Garten von Jugendlichen angegriffen. Foto: Daniel von Loeper

Einsatzkräfte werden täglich bei der Arbeit beleidigt oder attackiert. Die Bayernpartei fordert eine Kampagne zu dem Thema – und steht damit alleine da.

 

München - Einer der wohl schlimmsten Vorfälle, die Stefan Kießkalt (45) persönlich im Einsatz miterlebt hat, war die Randale-Nacht am Monopteros im Englischen Garten im April 2019.

Jugendliche griffen Feuerwehrmänner an - darunter auch Kießkalt. Es flogen sogar Flaschen, die Polizei musste helfen und schritt ein. "Richtige Angriffe auf uns, wie den im Englischen Garten, gibt es zum Glück seltener", sagt der Feuerwehrmann. Beleidigungen aller Art gehören hingegen für die Einsatzkräfte zum Alltag. Kießkalt spricht von "Schimpfwörtern aller Art" und Beleidigungen, die da fallen. Vor allem, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel seien. "Schön ist das nicht, was man da erlebt", sagt Kießkalt. Er vermutet jedoch, dass es andere Einsatzkräfte, etwa die Polizei, teilweise noch schlimmer trifft als Feuerwehrleute.

Polizisten in München beleidigt und bespuckt

Stadtrat Johann Altmann (Bayernpartei) war jahrzehntelang als Polizeibeamter auf Streife in München unterwegs, zuletzt als Polizeihauptkommissar. In München wurden 2018 durchschnittlich beinahe viermal täglich Polizeibeamte während ihres Einsatzes beleidigt, bespuckt - oder attackiert. "Als Polizist bekommt man über all die Jahre ein dickes Fell", sagt Altmann. Meist komme es zu solchen Situationen, entweder wenn Alkohol oder Drogen im Spiel seien, oder immer dann, wenn es um unangenehme Situationen geht. Ein Polizist, der einen Strafzettel verteilt, sei Aufreger - und Auslöser - genug.

"Polizei und Rettungskräfte sind 24 Stunden am Tag im Einsatz, um für die Sicherheit der Menschen da zu sein, um Leben zu retten", sagt Altmann.

Kampagnen zum Thema "Gewalt gegen Einsatzkräfte"

Seine Bayernpartei hatte unter anderem deshalb in einem Antrag eine stadtweite Kampagne für mehr Respekt gegenüber Polizei und Rettungskräften gefordert. Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle (SPD) teilte am Dienstag in einer Stadtratssitzung jedoch mit, dass eine solche Kampagne durch sein Kreisverwaltungsreferat (KVR) derzeit aus Kapazitätsgründen nicht erfolgreich entwickelt und umgesetzt werden könne.

Bis Juli 2020 seien bereits zwei städtische Kampagnen geplant - eine zur Kommunalwahl ("München wählt") und ab April 2020 eine Imagekampagne zur Fußball-Europameisterschaft. Er verwies zudem auf bereits existierende bundesweite Kampagnen zum Thema "Gewalt gegen Einsatzkräfte".

Außer Stadtrat Richard Progl (Bayernpartei), der seinen eigenen Antrag verteidigte, meldete sich im Stadtrat niemand zu dem Thema. Altmann ist darüber "sehr erschüttert und zutiefst enttäuscht", sagt er der AZ. Nicht nur von Referent Böhle, sondern auch von den anderen Fraktionen. "Hier sieht man die Wertigkeit unserer politischen Gesellschaft", sagt er. Er habe auf ein "Miteinander" gehofft, "statt auf eine Teilung".

Einsatz am Monopteros war eine "Ausnahmesituation"

Wenn er heute zum Einsatz ausrückt, denkt Feuerwehrmann Stefan Kießkalt nicht mehr an die Nacht am Monopteros zurück. Seit einigen Monaten gibt es bei der Feuerwehr München jedoch ein Meldesystem, bei dem auch Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehren Vorfälle melden können. Wenn er beleidigt oder beschimpft werde, helfe es Kießkalt, sich in die Gegenseite hineinzuversetzen. "Es handelt sich bei Einsätzen um Ausnahmesituationen, Menschen stehen unter psychischem Stress, sind vielleicht alkoholisiert, stehen unter Drogeneinfluss", erklärt er.

Ein bisschen mehr Respekt für Einsatzkräfte - das wünscht er sich trotz all des positiven Denkens aber trotzdem. Und Altmann? Der wünscht sich auch nach der Abfuhr im Stadtrat, dass dieser Respekt für Einsatzkräfte vielleicht doch noch durch eine stadtweite Kampagne vermittelt wird. "Wohlwollende Worte bekommen Rettungskräfte häufig", sagt der Polizist im Ruhestand. Die würden aber bei der täglichen Arbeit nur wenig helfen.

Johann Altmann: "Ich habe bis zum Schluss im Streifenwagen gesessen. Ich weiß, was Kollegen im täglichen Dienst widerfährt."


Angriffe auf Polizisten: 1.333-mal beleidigt, angespuckt oder attackiert

Durchschnittlich beinahe vier Mal täglich werden Polizeibeamte während ihres Einsatzes in der Stadt und dem Landkreis München verbal beleidigt, angespuckt oder attackiert.

In annähernd der Hälfte aller 1.333 im Jahr 2018 registrierten Delikte wurden die Beamten von anderen Personen körperlich angegangen: In 473 Fällen (35,5 Prozent) des seit Mai 2017 strafrechtlich novellierten "Angriffs auf Vollstreckungsbeamte" sowie insgesamt 76 Körperverletzungsdelikten attackierten Straftäter nicht nur die Polizisten, sondern verhinderten dadurch auch eine Hilfeleistung für andere. In drei Fällen wurden Polizisten mit einer Schusswaffe bedroht. Insgesamt wurden 459 Polizisten verletzt. In 505 Fällen (37,9 Prozent) wurden sie auf Grund ihres Berufes - teils massiv - beleidigt, davon 114-mal angespuckt.

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