US Open "Wie eine Katze mit neun Leben"

Angelique Kerber gehört bei den US Open zu den Geheimfavoritinnen. Foto: firo Sportphoto

Deutschlands Tennis-Hoffnung Angelique Kerber ringt bei den US Open Lokalmatadorin Venus Williams nieder - und ist noch längst nicht am Ende.

 

NEW YORK - Die kleine Schummelei in der nächtlichen Geisterstunde trug Beata Kerber mit einem augenzwinkernden Lächeln vor. Als der Tenniskrimi zwischen ihrer Tochter Angelique und der großen Venus Williams in den dritten Satz gegangen sei, da sei sie "plötzlich ganz ruhig” geworden, sagte die Mama: "Denn dann gewinnt Angie doch sowieso fast immer.”

Dann stieß die ausgebildete Tennislehrerin aber doch einen weithin hörbaren Stoßseufzer der Erleichterung aus und gestand: "Ich habe Blut und Wasser geschwitzt da draußen.”

Tatsächlich folgte die neueste Grand-Slam-Großtat, der 6:2, 5:7, 7:5-Zweitrundentriumph der Kielerin bei den US Open, einem geradezu eingeschworenen Krimi-Drehbuch – und war zugleich der Höhepunkt einer beispiellosen Aufstiegsstory in den letzten zwölf Tourmonaten.

"Das war ein Sieg, der unter die Top Fünf meiner persönlichen Hitparade kommt”, sagte Kerber, die auf der Zielgeraden des 165-Minuten-Krimis eine fulminante Aufholjagd startete und die ältere der beiden Williams-Schwestern so aus allen Siegträumen katapultierte. 2:4 hatte die Weltranglisten-Sechste im finalen Akt des Dramas zurückgelegen, beim 4:5 war sie nur noch zwei Punkte vom Turnier-Aus entfernt.

Doch mit hohem Risiko, starken Nerven und generöser Unterstützung der flatterhaften Amerikanerin gelang der fast schon selbstverständliche Kerber-Umschwung. "Sie wirkt auf mich wie eine Katze mit neun Leben”, sagte US-Tennislegende Chris Evert, "sie ist so unheimlich schwer zu schlagen, das ist grausam für jede Gegnerin.”

Das stimmt: 19 von 21 Drei-Satz-Spielen hat sie zuletzt gewonnen. "Als es eng wurde, habe ich einfach gedacht: Du hast das auch in der Vergangenheit schon oft geschafft, warum nicht jetzt auch wieder”, sagte Kerber, sozusagen aus Erfahrung gut bei den Big Points.

Symbolisch bündelte das Zweitrunden-Gastspiel in der größten Tennisarena der Welt daher auch, was die deutsche Frontfrau auszeichnet und inzwischen zur Anwärterin auf die verlockendsten Trophäen des Tourgeschäfts macht.

Die Hartnäckigkeit, sich in schwierigsten Matchsituationen noch eine erstaunliche Gelassenheit und Ruhe zu bewahren. Die Zähigkeit, Rückstände wieder und wieder aufzuholen. Der lange Atem und die Willensstärke, in den Tennis-Marathons im dritten Satz die schweren Wege zu gehen. Und die mentale Kraft, selbst Gegnerinnen vom Schlage einer Venus Williams noch unerbittlich auf den letzten Metern in die Knie zu zwingen.

"Man darf schon mal erwähnen, was da gerade passiert ist", meinte Kerber-Coach Torben Beltz, "Angie hat jetzt zum vierten Mal hintereinander in dieser Saison eine der Williams-Schwestern geschlagen.”

Genauer gesagt: Gegen Venus war es der dritte Triumph, nach dem Madrid-Masters und dem olympischen Medaillenkampf in Wimbledon, Serena schlug sie unlängst beim US-Open-Aufwärmwettbewerb in Cincinnati. Beltz betonte das auch, weil er noch die andere Seite der Medaille kennt – noch bis zum Start der aktuellen Saison hatte Kerber ja keinen einzigen Sieg gegen eine Top-Ten-Rivalin gelandet.

Und keinen Triumph wie diesen – gegen Venus Williams, gegen 24000 freakige Zuschauer, irgendwie gegen ganz Tennis-Amerika. "Es macht mich schon stolz, was ich da geschafft habe. Heute und in den ganzen letzten Monaten”, sagte Kerber, als die Bewährungsprobe gegen die wiedererstarkte Venus überstanden war.

"Angelique im Wunderland” ist diese Kerber des Jahres 2012 längst nicht mehr, sondern eine gereifte Spitzenkraft, die genau da hingehört, wo sie jetzt steht. In den Top Ten, knapp hinter den Grand-Slam-Gewinnerinnen. Aber mit der Perspektive, auch in diesen exklusiven Zirkel vorzustoßen.

"Sie hat das Potenzial, um Grand-Slam-Titel zu gewinnen, keine Frage”, meinte Altmeister John McEnroe. Ein "Phänomen” sei Kerber, "sie findet immer irgendwie eine Lösung zum Sieg”, sagte Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner nach Kerbers Erfolg, die damit das Tor bis weit in die zweite Grand-Slam-Woche aufstieß. Nächste Gegnerin am Samstag ist die Weißrussin Olga Govortsowa.

Beim Einmarsch in das größte Tennisstadion der Welt habe sie in die schwindelerregenden Höhen schauen müssen, in die Zuschauerreihen weit oberhalb des Platzes, sagte Kerber später: "Ich habe irgendwie keine Grenze mehr gesehen.” Nichts anderes gilt für sie selbst. Für ihre Tennis-Karriere, aber vielleicht auch schon für diese US Open.

 

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