"Unser Glaube ist nicht verkopft" Erstes Duo-Interview: Wie der Vater Herrmann, so der Sohn?

Clemens Hagen.
Fototermin hinter der Staatskanzlei: Herrmann Junior und Senior lachen trotz des durchwachsenen Wetters. Foto: API/Viviane Simon

Eine Familie, die Bayern prägt: In ihrem ersten Doppel-Interview reden Herrmann Senior und Junior über Religion, ihre Liebe zur Musik und einen Ami-Schlitten.

 

AZ: Herr Professor Herrmann, Sie sind ein herausragender Wissenschaftler, Sie haben in Ihren 24 Jahren als Präsident der Technischen Universität München Ihre Hochschule zu einer der angesehensten in der ganzen Welt gemacht – und Sie sind fünffacher Familienvater. Auf welche Lebensleistung sind Sie besonders stolz?
WOLFGANG A. HERRMANN: Ich habe fünf prächtige Kinder. Man braucht die nur anschauen – eine wahre Freude allesamt. Dann das wissenschaftliche Werk, das in eine ganze Reihe hochrangiger Preise gemündet ist. Und dann natürlich dieser lange Abschnitt, die 24 Jahre an der Spitze der Technischen Universität. Dazu habe ich mich damals in die Pflicht nehmen lassen, weil man mir sagte: Du kritisierst so viel an dieser TU, dass Du’s jetzt auch machen musst. Ich wollte nie Präsident werden, weil ich in der Wissenschaft erfolgreich war. Und weil ich als Professor viel freier war. Als Präsident ist man sehr an diszipliniertes Arbeiten gebunden.

Auch an ein gutes Verhältnis zur Politik?
WOLFGANG A. HERRMANN: Ja, es ist auch ein politisches Amt an der Spitze einer großen Einrichtung mit heute 41.000 Studierenden. Eine Zahl, die sich in meiner Zeit verdoppelt hat. Wir haben tolle Erfolge: drei Mal die Exzellenzinitiative. Also ich bin rundherum ein glücklicher Mensch. Wunschlos glücklich.

Herr Herrmann, oft haben Kinder solcher Übervater das Bedürfnis, im selben Metier erfolgreich zu werden. Sind Sie in die Juristerei und später in die Politik "geflüchtet"?
FLORIAN HERRMANN: Geflüchtet bin ich noch nie, und schon gar nicht vor meinem Vater. Bei mir war das so: vor 30 Jahren, 1988, 1989, große Wende, Mauerfall, Wiedervereinigung. Das war die Phase, als ich in der elften, zwölften Klasse war. Das hat mich sehr beschäftigt, diese historischen und politischen Zusammenhänge. Damals war die Idee, dass ich vielleicht mal in den diplomatischen Dienst gehen könnte. Dafür studiert man am besten was? Jura. So führte der Weg in die Juristerei. Ich war aber auch naturwissenschaftlich immer sehr interessiert, hatte Mathe-Leistungskurs. Physik mochte ich auch. Zugegeben, Chemie etwas weniger. Während des Studiums wurde mir dann aber schnell klar, dass es Diplomatie nicht sein wird. Schön ist, dass ich jetzt als Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, also als bayerischer "Außenminister", relativ viel mit Diplomaten zu tun habe.
WOLFGANG A. HERRMANN: Also ich bin froh, dass er nicht Chemiker geworden ist. Du wirst immer an den Vätern gemessen. Er hat in dem, was er tut, als Jurist, in der Politik, mit Sicherheit die sehr viel größere Begabung. Was in ihm steckt und was aus meiner beruflichen Laufbahn kommt, ist die Internationalität. Er war knapp vier, da sind wir nach Amerika in ein Forschungsjahr an der Pennsylvania State University gegangen. Wir haben dort viele Reisen unternommen. Weil wir noch kein Geld hatten, haben wir jede Nacht im Zelt geschlafen. Aber einen Straßenkreuzer, einen gebrauchten, haben wir gehabt, einen Pontiac Catalina. So einen wollte ich immer schon haben, seit ich Kind war und die Amis mit den großen Kisten bei uns rumfuhren.

Haben Sie Ihr Traumauto dann wenigstens mit nach Deutschland genommen?
WOLFGANG A. HERRMANN: Nein, den habe ich sehr gut verkauft, der hatte auch schon 120.000 Meilen drauf. Übrigens: Keines unserer Kinder ist Naturwissenschaftler geworden. Da ist eine Medizinerin dabei, eine Diplom-Kauffrau, eine Lehrerin für Latein und Französisch. Wunderbar, passt alles. Ein Blumenstrauß von Disziplinen und Begabungen.

Herr Herrmann, wenn man Ihren Vater reden hört, gewinnt man den Eindruck, dass ihm Ordnung und Disziplin wichtig sind. Hatten Sie jemals den Drang, gegen Ihren Vater rebellieren zu wollen? Sie hätten ja auch Punk werden können.
FLORIAN HERRMANN: Ich kann mich an derartige Episoden nicht erinnern. Ich bin Jahrgang 1971, das heißt, dass mein Vater damals 24 war. Da hatte er noch nicht einmal promoviert, geschweige denn, dass er Lehrstuhlinhaber gewesen ist. Ich habe also seine komplette Laufbahn miterlebt.
WOLFGANG A. HERRMANN: Stimmt, als ich meine Habil-Arbeit auf einer IBM-Kugelkopfmaschine geschrieben habe, hat er im selben Zimmer auf unserer alten Maschine getippt. Da war er sechs Jahre alt und das Arbeitszimmer war damals gleichzeitig auch sein Zimmer. Der berufliche Erfolg war bei uns zu Hause nie ein Thema. Ich war immer im Institut, immer im Labor.
FLORIAN HERRMANN: Da muss ich kurz einschreiten. Natürlich warst Du viel unterwegs, das ging ja so weit, dass Du gesagt hast, Du seist Gastprofessor zu Hause. Aber ich habe das nie so empfunden. Diese klassischen Dinge wie Drachen steigen lassen, Fahrradfahren lernen, schwimmen lernen – dafür war immer Zeit. Das war bei meiner allerjüngsten Schwester vielleicht anders, da war der Vater schon Uni-Präsident.
WOLFGANG A. HERRMANN: Die Jüngsten werden dann erzogen von den Älteren. Das ist halt so bei fünf Kindern.

Was Herrmann Senior und Herrmann Junior verbindet, ist die Liebe zur Musik?
WOLFGANG A. HERRMANN: Stimmt, wir waren in unserem Dorf beide Organisten, erst ich, dann er. Ich habe da zuerst den Gesangsverein geleitet, weshalb die Leute dachten, ich sei Musikprofessor. Die Musikalität haben wir beide vom Großvater geerbt.
Musizieren Sie denn heute noch viel?
FLORIAN HERRMANN: Ich habe während des Studiums noch Gottesdienste im ganzen Landkreis Freising an der Orgel begleitet. Danach ging es berufsbedingt nicht mehr. Aber ich habe erfreulicherweise zum 40., der schon eine gewisse Zeit her ist, von meinem Vater einen Flügel geschenkt bekommen. Zumindest habe ich seitdem die Gelegenheit zu spielen. Ich habe Musik immer als sehr entspannend empfunden.

Spielen Sie ausschließlich kirchliche Musik?
FLORIAN HERRMANN: In der Kirche ja (lacht). Ansonsten spiele ich fast alles, von Beethoven-Sonaten bis Schlager.
WOLFGANG A. HERRMANN: Bei mir ist es fast ausschließlich geistliche Musik. Wenn ich am ersten Adventssonntag im Gasteig die Adventsmatinee spiele, ist es halt Händel oder Mendelssohn oder was auch drankommt. Da muss ich jedenfalls schwer üben.

Herr Herrmann, der Führungsstil Ihres Vaters galt beinahe schon als legendär patriarchalisch-autoritär. Haben Sie einen strengen Vater?
FLORIAN HERRMANN: Man muss immer unterscheiden zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des Präsidenten, des Forschers, des Hochschulreformators und der privaten als Sohn. Das kann man gar nicht miteinander vergleichen, das ist eine andere Welt. Was uns allen, also auch den Schwestern, mitgegeben wurde, ist, dass ohne harte Arbeit keine Wunder geschehen. Das wurde uns auch so vorgelebt. Auch am Wochenende hört die Arbeit nicht auf. Also diese Denke, dass man acht Stunden arbeitet und danach geht es auf die Couch, die hatte ich nie.

Wenn man eine Riesenuni wie die TU leiten will, darf man nicht konfliktscheu sein, oder?
WOLFGANG A. HERRMANN: Auf keinen Fall! Da magst dann vielleicht a netter Mo sein. Wir Professoren sind ja von der Entstehungsgeschichte her eitel und haben immer recht. Wenn man einer von denen ist, dann muss man andere Methoden anwenden, um die dann zusammenzubringen und die Uni ein Stück voran. Ich war nie konfliktscheu. Das sehen Sie ja an der tiefgreifenden Reform in Weihenstephan, das waren brutale Eingriffe. Jetzt steht Weihenstephan international da, spricht Englisch und publiziert in "Science and Nature" (englischsprachige Fachzeitschrift für naturwissenschaftliche Themen, d. Red.). Weihenstephan lag mir sehr am Herzen, weil es dort um die Life Sciences (Biowissenschaften, d. Red.) geht, das sind die Jahrhundertthemen – Ernährung, Landnutzung, Umwelt.

Alles Dinge, die auch in die Klimaproblematik hineinspielen, die die Welt gerade beschäftigt. Wie ist Ihre Position?
WOLFGANG A. HERRMANN: Als ich noch junger Chemiker war, habe ich nachgeplappert, was die Industrie bei Chemieunfällen relativiert hat. Mittlerweile sind wir die stärkste Umwelttechniknation der Welt. Obwohl damals gesagt wurde, die Firmen gehen unter, wenn sie strengere Auflagen bekommen. Das hat aber im Gegenteil die Kreativität gestärkt und wir sind top geworden. Bei der Energie ist es das Gleiche. Ich bin für den Ausstieg aus der Atomenergie. Es war eine Übergangsenergie, hauptsächlich, weil wir die Abfallproblematik nicht beherrschen.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat sich zum Vorreiter in Sachen Klimaschutz gemacht. Zurecht?
WOLFGANG A. HERRMANN: Was er macht, ist goldrichtig. Ich glaube, er wird es mit Augenmaß hinbekommen, Klimaschutz bei gleichzeitiger Wirtschaftsprosperität zu erreichen. Umweltschutz ist nicht ohne Technologien möglich. Ich find des guad.

Sie besitzen einen seltenen disziplinübergreifenden Überblick. Werden Sie der bayerischen Politik auch in Zukunft ein Berater sein?
WOLFGANG A. HERRMANN: Ich bin ein bayerischer Staatsbürger. Es ist ein wunderbares Land, in dem wir das Privileg haben zu leben. Jemand, der sich dankbar fühlen durfte, dass er 1967 überhaupt studieren durfte, der fühlt sich seinem Land verpflichtet. Man soll sich da nicht dazwischendrängen. Obwohl: Manchmal mache ich auch Zwischenrufe, weil ich es nicht lassen kann.

Letzte Frage: Sie haben über geistliche Musik gesprochen. Offensichtlich ist Ihnen Ihr Glaube wichtig. Wie wichtig?
WOLFGANG A. HERRMANN: Ich komme aus einem niederbayerischen Dorf, wo mein Vater Lehrer war und sich um die Leute gekümmert hat. Ich bin tief im katholischen Glauben verwurzelt, war Ministrant. Meine Mutter hätte immer gerne gehabt, dass ein geistlicher Herr aus mir wird. Mein Vater hat gesagt: Wirst dann schon sehen mit dem Zölibat. Je erfolgreicher ich in der Naturwissenschaft wurde, je mehr wissenschaftliche Fragen geklärt waren, desto mehr Fragen sind an die Geheimnisse des Lebens entstanden und umso ausgeprägter wurde der Glaube. Ich bin auch sicher, dass die Religionsausübung, egal welche, den Menschen toleranter gegenüber anderen Religionen werden lässt.
FLORIAN HERRMANN: Also meine Prägung ist genau dieselbe. Und zwar von Kindesbeinen an: Ministrant, Lektor, Organist. Nur bis hinter den Altar habe ich’s nie gebracht. Unsere Herangehensweise war immer eine natürliche im Glauben, gar nicht verkopft, sondern gewachsen mit Gottvertrauen. Altbayerische Gottesfürchtigkeit und -verbundenheit. In meiner Funktion sind natürlich auch Fragen wichtig wie die Zukunft der Institutionen, das Verhältnis von Staat und Kirche. Das Wertefundament, auf dem unsere Demokratie aufgebaut ist, wird extrem von der christlichen Tradition geprägt. Das ist der politische Teil, das andere ist der private. Da gilt für mich der alte Satz aus dem Faust: "Was Du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen."

Lesen Sie hier: TU München bekommt einen neuen Präsidenten

 

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