TV-Kritik "Heißer Stuhl" für Sarrazin? - Schon eher cooler Talk-Thron!

Autorenprofil Stephan Kabosch
, aktualisiert am 13.12.2016 - 10:05 Uhr
Der ehemalige Politiker und Buchautor Thilo Sarrazin (l) und Moderator Steffen Hallaschka diskutieren am 12.12.2016 in Berlin in der RTL-Talksendung "Der Heiße Stuhl" das Thema "Wie sicher ist Deutschland?". Foto: dpa

Nach 22 Jahren hat RTL den "Heißen Stuhl" aus der Requisitenkammer des deutschen Talk-Fernsehens geholt. Doch der darauf sitzende Thilo Sarrazin kam nicht einmal ansatzweise ins Schwitzen. Die TV-Kritik.

 

München - Die Älteren unter uns können sich noch erinnern an das RTL-Talkformat „Der Heiße Stuhl.“ Dabei vertritt einer eine provokante These und lässt sich 50 Minuten lang von vier anderen dafür "grillen". 1994 war der "Heiße Stuhl" im TV-All verglüht, am Dienstagabend feierte das Format ein Comeback. Keine mehr oder weniger entspannte Talkrunde sollte es werden, sondern eine knallharte Frontalkonfrontation.

RTL und Moderator Steffen Hallaschka wählten für die Comeback-Sendung die Ereignisse rund um die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht zum Thema. Und den Ex-Politiker und Gesellschafts- oder besser Islam- und Einwanderungskritiker Thilo Sarrazin als Gast. Umstrittener, provozierender, spannungsversprechender hätte es kaum gehen können.

Sarrazins Eingangs-These: "Wer hier Schutz sucht, muss sich auch benehmen. Kriminelle müssen konsequent abgeschoben werden." Und er schob gleich seine Analyse zu Köln nach: "Wenn man jung ist und ein Mann", möchte man "gerne auch etwas mit Mädchen haben". Darauf folgte die altbekannte Sarrazin-Platte: "Muslime im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungsgruppe sind häufiger gewalttätig." Nichts Neues also von dem Mann, der Deutschland auf dem Weg zur Abschaffung sieht.

Sarrazin lässt alle Argumente abprallen

Nicht viel Neues auch von seinen Gegnern, die unisono vor Pauschalierungen warnen. Schauspielerin Annabelle Mandeng etwa, die sagte: "Sexualverbrecher können Flüchtlinge sein. Aber nicht alle Flüchtlinge sind Vergewaltiger." Oder der Grünen-Politiker Kai Gehring, der ebenfalls appellierte, junge moslemische Männer nicht unter Generalverdacht zu stellen. Niemand käme auf die Idee, im Zusammenhang mit dem Münchner Oktoberfest zu behaupten, dass "bayerische katholische Männer potentielle Vergewaltiger" sind. Die moslemische Publizistin Khola Maryam Hübsch stellte fest, dass wir "das Ganze auf ein kulturelles Problem reduzieren", dabei gehe es um ein strukturelles.

Und Sarrazin? Der hat es sich auf seinem Stuhl bequem gemacht. Er lässt wie üblich all diese Argumente einfach abprallen und verweist - ebenfalls wie üblich - auf (nur?) "ihm vorliegende" Studien - ja, die von der höheren Kriminalitätsrate in bestimmten Bevölkerungsgruppen. "Sie wollen den Unterschied zwischen den Gruppen nicht wahrhaben", sagt er. Und nennt dann doch noch ein weiteres "Faktum". Nämlich, dass von den 300.000 Polen in Berlin keine solchen Probleme bekannt seien wie von den 300.000 Muslimen. Das bringt ihm von Journalistin Hübsch den Vorwurf des "Rassismus" ein und der "Unmenschlichkeit". Hübsch: "Sie haben dazu beigetragen, dass dieses Land vergiftet wurde." Der Grüne Gehring hatte Sarrazin schon zuvor als "postfaktischen Angstmacher" bezeichnet.

Publikum buht Muslima aus

Bei all dem sitzt Thilo Sarrazin auf seinem "heißen Stuhl", der für ihn wohl eher ein gemütlich-cooler Talk-Thron gewesen ist. Brenzlig wurde es da schon eher für Khola Maryam Hübsch. Für ihr Statement, dass der Islam zur Achtung von Frauen auffordert und man nicht die Religion für die Verfehlungen einzelner muslimischer Männer verantwortlich machen dürfe, erntet sie Lacher und Buhrufe aus dem Publikum.

Moderator Steffen Hallaschka lässt es gewähren. Auch das trägt zur Erkenntnis bei, dass der "Heiße Stuhl" zum fehlgeschlagenen Versuch wurde, die Kölner Silvesternacht mit den Mitteln des Krawallfernsehens aufzuarbeiten.

 

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