TV-Kritik Gottschalk liest? So war die zweite Folge

Johanna Adorján, Thomas Gottschalk, Marlene Streeruwitz und Friedemann Karig (von links). Foto: BR/Ralf Wilschewski

In der zweiten Folge von "Gottschalk liest?" scheitert der Moderator an Marlene Streeruwitz.

 

"Johanna, wollen wir schon mal einen Wein trinken gehen?", fragte Friedemann Karig nach einiger Zeit seine Kollegin Johanna Adorján. Viele Zuschauer dürften diesen schönsten Satz der Sendung nicht mehr mitbekommen haben: Sie nahmen zu diesem Zeitpunkt bereits ihren eigenen Schlummertrunk, waren im Fernsehsessel eingeschlafen oder zu einem anderen Sender gewechselt.

Karig und Johanna Adorján blieben höflicherweise sitzen, um dem öden Missverstehen zwischen Thomas Gottschalk und Marlene Streeruwitz beizuwohnen. Die österreichische Schriftstellerin thronte als marmorne Kassandra auf dem Sofa und lachte über kein auch noch so bemühtes Witzchen des ewigen Sonntagskinds, dem sie am liebsten eine Kurz-Psychoanalyse verpasst hätte. Denn es kann nicht sein, dass jemand so hemmungslos fröhlich bleibt, wo doch der Schmerz das Größte im menschlichen Leben ist und jeder Mensch irgendein Trauma haben muss.

Gottschalk vermeidet alles Heikle

Das Gespräch über ihren Roman "Flammenwand" blieb bei der nackten Handlung stecken. Gottschalk fragte nicht nach und redete lieber über sein Lieblingsthema: sich selbst. Streeruwitz ging gleich ins Grundsätzliche und war nach höchstens drei Sätzen bei der Shoah. Dass sich der Roman (auch) um die aktuelle österreichische Politik dreht, blieb als Elefant im Raum stehen, nach dem Gottschalk nicht zu fragen wagte, weil der Leichtfuß alles Heikle vermeidet.

In den Büchern von Johanna Adorján und Friedemann Karig geht es – anscheinend – um Männer. Was Gottschalk zu diesem Thema zu sagen hat, hat er schon tausendmal vermeldet. Es mag schon sein, dass sich die kurzfristige Absage von Axel Milberg lähmend auf die zweite Folge von "Gottschalk liest" gelegt hat. Die öffentliche Verlesung von Klappentexten und gehobener PR-Prosa in den Zwischenfilmchen brauchen höchstens Verlage und Buchhändler.

Wenn aus der Anwesenheit fernsehunerfahrener, verlegen dreinschauender Autoren keinerlei Mehrwert entsteht, schaltet man besser das Endgerät ab, öffnet den Wein und greift ohne mediale Vermittlung selbst zum Buch.

 

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