Terror-Experte im AZ-Interview Kampf gegen IS: "Keine Rückeroberung ohne Armeen"

Kurdische Kämpfer feiern die Befreiung von Kobane. Doch wie geht es jetzt weiter? Foto: dpa

Kobane ist befreit. Welche Folgen das für den Kampf gegen den IS hat, erklärt Dr. Sebastian Huhnholz, Politikwissenschaftler an der LMU München.

 

AZ: Herr Huhnholz, die Kurden haben Kobane befreit – welche Auswirkungen hat dies auf den Kampf gegen den IS?

SEBASTIAN HUHNHOLZ: Das ist vorbehaltlich der Nachhaltigkeit dieses Sieges fraglos ein symbolisch wichtiger und propagandistisch nützlicher Sieg. Überdies legitimiert er nachträglich die westliche Unterstützung für die kurdischen Kämpfer: Er legitimiert sowohl die Unterstützung in Form von Waffenlieferungen wie auch die in Form taktischer Luftunterstützung.

Der voraussichtliche Erfolg des kurdisch getragenen Widerstands wird meines Erachtens zwei unmittelbare Wirkungen haben: Erstens die Schwächung des IS in Nordsyrien und an der türkischen Südgrenze, die nicht zuletzt identisch mit der NATO-Außengrenze ist. Zweitens werden nun Forderungen an den Westen folgen, seine direkte und indirekte militärische Unterstützung zu intensivieren.

Ist das der Beginn einer großflächigen Rückerroberung der IS-Gebiete?

Nein, ganz sicher nicht. Die riesige, zwischen dem kernsyrischen Bürgerkriegsgebiet und der von IS überschwemmten ostsyrischen und nordirakischen Region wird auf absehbare Zeit nicht zurückerobert werden können.

Was wäre dazu nötig?

Ohne eine massive und international koordinierte militärische Intervention mitsamt entsprechenden Bodentruppen, also ganzen Armeen, die dauerhaft als Besatzungsmacht in der Region stationiert werden müssten, wird es keine erfolgreiche und langfristig stabilisierende Zurückeroberung geben. Eine solche Intervention ist meines Erachtens auf Jahrzehnte hinaus ausgeschlossen.

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Wahrscheinlicher ist, dass Schrumpfgebiete des IS sich werden behaupten können, dass also nach Abflauen der derzeitigen Kampfintensität einzelne Strömungen innerhalb des IS versuchen werden, faktische Souveränität über Teilgebiete Ostsyriens und Nordiraks zu erhalten. Solche Splittergruppen wird man dann auf mehr oder minder üblichen Wegen differenziert bekämpfen, einbinden oder isolieren können, jedoch noch nicht heute.

Ist es überhaupt möglich, die Terrorgruppe gänzlich zu vernichten?

Nein, das ist meines Erachtens nicht möglich – gemessen an der nicht vorhandenen westlichen Bereitschaft und der derzeitigen militärischen Unfähigkeit, sich nocheinmal langfristig auf verschiedene Militäroperationen und Nachkriegsstabilisierungen in der Region des Nahen und Mittleren Ostens einzulassen.

 

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