Streit über Neubau-Projekte Schillerstraße in München: Hotel-Bau vorerst gestoppt

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Die Schillerstraße ist ein Nadelöhr im Verkehrsknotenpunkt am Hauptbahnhof. Hier sind links und rechts zwei große Hotels geplant. Foto: Daniel von Loeper

Motel One darf frühestens 2021 bauen. Die Stadt-Politik streitet darüber, wie weit sie gehen kann, um immer neue Bettenburgen im Viertel zu verhindern.

 

Ludwigsvorstadt - Kein Neubauprojekt beschäftigt den Stadtrat so sehr wie das geplante Motel One mit 281 Zimmern in der Schillerstraße 3 und 3a. Das ist jenes Haus mit Sexkino, Sportcafé Schiller und 36 Apartments.

Gegenüber, in der Bayerstraße 25, soll ein zweites Motel One gebaut werden mit 177 Zimmern. Die Politiker sorgen sich um die Viertelstruktur, wo sich auf 0,2 Prozent der Stadtfläche schon jetzt 60 Prozent der Hotelbetten konzentrieren.

Derzeit schaut's so aus, als würde sich der Baubeginn der Motel-Projekte verschieben. Heuer sollte es bei der Motel-One-Baustelle in der Schillerstraße losgehen, doch der wehrhafte Mieter einer kleinen Gewerbefläche hat in erster Instanz vor dem Landgericht gewonnen. Er darf bis Februar 2021 bleiben.

Schon zwei Bauanträge für Motel One gingen nicht durch

Nicht nur das: Der Projektentwickler, die Concrete Capital von Immobilien-Unternehmer Hubert Haupt, hat schon zwei Bauanträge eingereicht. Der Bauantrag vom Mai 2018 wurde wegen unvollständiger Unterlagen zurückgegeben. Im Oktober 2018 wurde ein vollständiger Bauantrag eingereicht, der geprüft wird.

"Außerdem befindet sich ein Bauantrag vom April 2019 in Bearbeitung, der zusätzlich zum vorherigen Antrag zehn Wohneinheiten beinhaltet", schreibt das Planungsreferat.

Zehn Wohneinheiten klingen gut, sind auf dem Bauplan aber 13 Hotelzimmer, die in zehn Angestelltenwohnungen umgewandelt wurden – teilweise unverändert im Grundriss. 251 m² haben die Kleinst-Apartments, die 1148 m² im alten Haus gegenüberstehen. Der Ersatzwohnraum in Neuperlach wurde laut Concrete Capital vom Sozialreferat genehmigt. So mancher im Stadtrat jubelt, dass die Concrete Capital ein Einsehen gehabt habe.

Die Schillerstraße ist ein Nadelöhr

Der Schwachpunkt im Bauplan: die Anlieferungszone. "Nachbarn, die klagen wollen – und das sind alle in der Schillerstraße, deren Hausnummer höher als 3a ist – können hier ansetzen. Denn die Schillerstraße ist und bleibt auch mit dem Bahnhofsumbau ein Nadelöhr,", sagt Paul Bickelbacher (Grüne), der im Stadtrat und im Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (BA) gegen das Projekt und für ein vielfältiges Viertel kämpft.

Da droht der nächste Prozess: Der wehrhafte Gewerbemieter, der das Bauprojekt verzögert, ist gleichzeitig Nachbar in der Schillerstraße.

Verzögerungen: Motel One bleibt entspannt

Offenbar kein Problem für das Münchner Unternehmen Motel One mit 71 Hotels weltweit: "Es ist nicht unüblich, dass es im Laufe der Planungs- und Genehmigungsverfahren zu Verzögerungen kommt. Nach unseren Erfahrungen beträgt die durchschnittliche Entwicklungszeit für ein Hotel etwa drei bis vier Jahre. Wir hatten jedoch auch schon Fälle, die städtebaulich hoch komplex waren und bis zu sieben Jahre gedauert haben.", schreibt Motel-One-CEO Dieter Müller der AZ.

"Frau Merk hat mir persönlich versichert, dass wir dieses Hotel bauen können", sagte Haupt. Die Stadtbaurätin (parteilos) lässt durch ihr Referat erklären: "Es wurde Herrn Haupt mitgeteilt, dass er, wenn die Prüfung der Lokalbaukommission ergibt, dass das Vorhaben dem geltenden Baurecht entspricht, einen Anspruch auf Erteilung einer Baugenehmigung habe."

Aus zeitlichen Gründen antwortet Merk nicht auf diese Frage: "Offenbar verzögert sich der Baubeginn für die Schillerstraße 3 und 3a auf mindestens Anfang 2021. Was bedeutet das für die Bayerstraße 25? Verzögert sich auch dort der Baubeginn oder könnte diese Ecke zwei so große Baustellen gleichzeitig schaffen?" Keine Antwort. Die Bauvoranfrage für die Bayerstraße 25 – das weitere Motel One, das der Projektentwickler DC Values baut – wurde nach AZ-Informationen zurückgezogen.

Motel-One-Projekt nicht Thema in der Stadtgestaltungskommission

Eine weitere Frage, die Merk nicht beantwortet: "Weshalb waren die beiden Motel-One-Projekte nicht Thema in der Stadtgestaltungskommission?" Das ist ein Gremium, das für Bauprojekte eine Empfehlung abgibt. Der Bezirksausschuss hatte das gefordert.

Merk argumentiert in ihren Antworten auf die Stadtrats-Anfragen zu den Bauprojekten damit, dass die Stadt eine Baugenehmigung ausstellen müsse, da sonst hohe Schadensersatzforderungen auf die Stadt zukämen.

Ende Mai schritt Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) im Planungsausschuss ein und forderte das Planungsreferat auf darzustellen, wie hoch Schadenersatzforderungen wären – die Stadt würde diese gegebenenfalls in Kauf nehmen.

Wohnungsanteil - nur für städtische Bauvorhaben vorgeschrieben

Die Stadt steht vor einem Paradox: Zwar sieht das Innenstadtkonzept im Kerngebiet 30 Prozent Wohnungsanteil und den Erhalt einer ausgewogenen Nutzungsmischung vor. Allerdings ist das eine Zielsetzung des Stadtrats, die nur bei städtischen Bauprojekten greift. Für private Investoren gilt hier der Bebauungsplan, der 100 Prozent Gewerbe erlaubt.

Reiter lässt nun prüfen, ob der Bebauungsplan geändert werden kann. Das allerdings hätte auf bestehende Bauvorhaben wie das Motel One keinen Einfluss, außer der Stadtrat erlässt eine Veränderungssperre: Das heißt, kein Antrag würde mehr genehmigt, solange der Bebauungsplan nicht steht.

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