Stiftung Warentest zieht Bilanz Die Bio-Abrechnung: Wo es sich lohnt - und wo nicht

Wie gut ist Bio? Stiftung Warentest hat es herausgefunden. Foto: dpa

Die Stiftung Warentest hat Bilanz aus gut fünf Jahren Testarbeit gezogen: Bei welchen Produkten ist Bio besser, bei welchen lohnt sich der Aufpreis nicht? Öko allein ist kein Garant für Qualität, oft schneiden diese Waren sogar schlechter ab.

 

München - Bio ist in, und das nicht erst seit gestern. Die Zeiten, in denen „Kerndlesser“ in Jutegewand sich in winzigen Läden trafen und vom Rest der Gesellschaft nur milde belächelt wurden, sind vorbei. Bio essen, das steht für Gesundheit, gute Qualität und Frische – und ist inzwischen sogar beim Discounter zu haben. Doch wie gut ist Bio wirklich? Gar nicht mal so, hat die Stiftung Warentest herausgefunden. Bio punktet bei manchen Lebensmitteln. Bei anderen versagt Öko aber.

1020 konventionell hergestellte und 217 Bio-Produkte flossen in die Auswertung ein. Stiftung Warentest führte die Ergebnisse von 50 Lebensmitteltests der vergangenen fünf Jahre zusammen. Das nüchterne Fazit der Tester: Öko-Ware ist nicht besser als herkömmliche Lebensmittel. Vergleicht man, welche Testnoten die untersuchten Lebensmittel bekommen haben, zeigt sich sogar: Konventionell liegt vorne (siehe Grafik rechts). 48 Prozent der getesteten herkömmlichen Produkte bekamen ein „gut“, bei Bio waren es nur 43 Prozent. Bei den Wertungen „befriedigend“, „ausreichend“ und „mangelhaft“ lag hingegen Bio vorn. Ein bitterer Sieg.

Wer genauer hinsieht, stellt jedoch weitere Unterschiede fest.

Wie unser Warenkorb oben zeigt, liegen in den Tests je nach Warengruppe bestimmte Produkte vorn. Fleisch und Vollkorniges kauft man am besten Bio, bei Nudeln oder Milch braucht’s das Bio-Siegel nicht.

Die Ergebnisse im Detail:

SCHADSTOFFE

Wer gerne gutes Gemüse isst, sollte durchaus zu Bio-Erzeugnissen greifen. Denn: Diese sind deutlich seltener mit Pestiziden belastet als konventionelle Ware. Bei Letzteren findet man bei 80 Prozent diesen Schadstoff. Bei Biolebensmitteln sind es nur 15 Prozent.

Diese guten Ergebnisse gelten ebenso für Südfrüchte, die importiert werden.

Aber Vorsicht: Bio hat andere Probleme. Stiftung Warentest konnte in Öko-Produkten Schwermetalle und Mineralöle nachweisen. In Schwarztee fanden die Tester krebserregende Inhaltsstoffe. Bio-Spirelli waren mit kritischen Mineralölen belastet.

Je ein Drittel der konventionellen und Bio-Waren bekamen zwar die Schadstoffnote „gut“ oder „sehr gut“. Allerdings wurden Bio-Lebensmittel öfter mit „ausreichend“ (elf gegenüber vier Prozent) oder „mangelhaft“ (fünf gegenüber zwei Prozent) bewertet als herkömmliche Ware.

GESCHMACK

Bio schmeckt automatisch besser – zumindest ist das die Erwartung der Kunden. Beim Blindtest können viele Öko-Lebensmittel das jedoch nicht halten. „Sehr gut“ und „gut“ kommen als Geschmacksprädikat bei Bioware und konventionellem Essen etwa gleich häufig vor. Etwa die Hälfte aller getesteten Produkte bekamen dieses Siegel.

Bei den schlechten Noten sieht es ähnlich aus. Will heißen: Egal ob Bio oder ohne Öko-Zertifikat, guten oder faden Geschmack gibt es überall. Spitzennoten fanden die Tester im Bio-Bereich bei schwarzen Oliven und Schinken. Bei Gemischthackfleisch lag Bio-Ware klar vorn.

Wer Lust auf Chips hat, sollte sein Gewissen nicht mit dem Griff zur Bio-Tüte beruhigen. Die getesteten Sorten waren bitter und ranzig. Gesünder sind die Öko-Knabbereien übrigens auch nicht. Im konventionellen Segment fanden die Tester besonders Gschmackiges etwa bei einem jungen Gouda, Senf und geräuchertem Forellenfilet.

PREISE

Bio geht ins Geld. Das ist nicht wirklich überraschend. Wie drastisch die Unterschiede ausfallen, hängt jedoch davon ab, was man kauft.

Gemischtes Hackfleisch kostet in Bioqualität das Doppelte von konventionellem Fleisch. Dafür macht es den Aufpreis in puncto Geschmack wieder wett. Hähnchenbrustfilet kosten sogar drei Mal so viel, wenn es ein Öko-Siegel hat. Das ist nicht verwunderlich: Die Aufzucht im Bio-Sektor ist aufwendiger als auf üblichen Hendl-Farmen.

Schokolade ist ebenfalls etwa doppelt so teuer, wenn man sie Bio kauft. Was den Geschmack betrifft, nehmen sich die Öko- und die herkömmliche Variante jedoch nicht viel. Da Bio-Schoki meist auch Fair Trade ist, bekommen die Hersteller einen gesicherten Lohn. Hier entscheidet der Kunde, ob das bei der Kaufentscheidung wichtig für ihn ist.

Der Kauf anderer Bio-Waren hinterlässt jedoch kein viel größeres Loch im Geldbeutel. Nudeln, Öl und Tee bekommt man Öko fast genauso günstig wie konventionelle Ware – vor allem, wenn man beim Discounter einkauft.

Bio oder Discounter? Der große Hackfleisch-Test

UMWELTSCHUTZ

Wenn Bio in einem Bereich vorne liegt, dann hier – schon allein, weil die Standards strenger sind als bei herkömmlich hergestellter Ware. Stiftung Warentest schaute sich ebenfalls an, wie Hersteller ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Dabei stellten sie fest: Bio-Anbieter arbeiten häufiger transparent und kennen ihre Lieferanten.

Bei der Tierhaltung sind im Bio-Segment engere Grenzen gesetzt. Die Ställe dürfen nicht so eng besetzt sein wie auf konventionellen Höfen. Zudem leben Bio-Hühner im Schnitt bis zu 90 Tage länger als konventionell gehaltene. Trotzdem muss man fairerweise sagen: Das bäuerliche Idyll von den glücklich pickenden Hühnern in der Morgensonne können auch viele Bio-Betriebe nicht halten.

Durch die große Nachfrage sind in den vergangenen Jahren große Bio-Hühner-Farmen entstanden. Weil sich das mit dem Image beißt, überlegt etwa der Verband Naturland, die Ställe wieder zu verkleinern.

Dasselbe Dilemma stellt sich beim Umweltschutz: Bio ist gefragt, allerdings werden in Deutschland nur sieben Prozent der Landwirtschaftsflächen im Öko-Landbau betrieben. Das führt dazu, dass viele Bio-Produkte importiert werden, etwa aus den Niederlanden oder Spanien. Wer im Supermarkt bereits verwundert ein Bio-Honigglas aus Brasilien oder eine Bio-Knoblauchknolle aus China in der Hand gehalten hat, versteht das Problem.

Was weit reist, hat in der Regel eine schlechtere Öko-Bilanz als Produkte aus der näheren Umgebung. Womit man bei einem weiteren Trend wäre: dem regionalen Produkt. Das kann gerne auch noch Bio sein.

HIER IST BIO BESSER

HIER IST KONVENTIONELL BESSER

Obst und Gemüse

Bio-Obst und Gemüse enthalten deutlich weniger Pestizide als konventionell
erzeugte Lebensmittel.

Fisch

Ob Lachsfilet oder Räucherlachs: Hier kann herkömmlicher Fisch eher punkten als Bio-Fisch.

Native Öle

Viele dieser Öle tragen ein Bio-Siegel. Sie sind nicht raffiniert und haben oft mehr wertvolle Inhaltsstoffe.

Raffinierte Öle

Beispiel Sonnenblumenöl: Es ist günstiger und hat bei Stiftung Warentest meist gute Werte.

Fleisch

In Biobetrieben haben Tiere oft mehr Platz und eine höhere Lebensdauer. Hackfleisch und Bio-Bratwürste schnitten bei Tests besser ab als Produkte aus konventioneller Haltung.

Beilagen

Nudeln, Knödel oder Senf müssen nicht Bio sein. Hier ist konventionelle Ware meist besser.

Fertiggerichte

Bei schnellem Essen lohnt der Griff ins Bio-Regal.

Genussmittel

Schokolade und Chips schmecken Bio nicht besser als herkömmliche Produkte.

Vollkorn

Bio bietet nicht nur eine große Auswahl an Vollkornprodukten. Im Test schnitten diese auch gut ab.

Milch und Käse

Bio-Kühe geben nicht unbedingt bessere Milch. Gouda und fettarme Milch aus konventioneller Produktion liegen in Tests vor Bio-Ware.

Ist Bio gesünder? Es kommt ganz auf die Studie an!

Je nachdem, welche Untersuchung man zurate zieht, schneiden Bioprodukte in puncto Gesundheit besser oder gleichgut ab wie herkömmliche Produkte. Eine Übersicht:

BIO IST GESÜNDER

♦ Laut Newcastle University haben Biofeldfrüchte mehr sekundäre Pflanzenstoffe, die vor Krebs schützen sollen.
♦ Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau kommt zum Ergebnis, dass Biogemüse einen höheren Gehalt an Vitaminen, Antioxidantien und bioaktiven Stoffen hat.
♦ Zudem soll Bio-Milch bis zu 60 Prozent mehr Omega-3-Fettsäuren enthalten.

BIO IST NICHT GESÜNDER

♦ Die Stanford University hingegen fand nur geringe Unterschiede zwischen Bio und konventioneller Kost, was die Wirkung auf die Gesundheit und die Inhaltsstoffe betrifft.
♦ Das Institut für Tropenmedizin in London kam zu ähnlichen Ergebnissen.

 

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