Steht ein Taucher auf der Kreuzung Dank ihnen steht die Münchner U-Bahn nicht unter Wasser

Marco Weisser taucht in den Untergrund ab. Foto: Matthias Balk/dpa

Kaum ein Fahrgast macht sich darüber Gedanken, dass die Münchner U-Bahn zu weiten Strecken durch grundwasserhaltige Schichten fährt. Damit alles trocken bleibt, gibt es spezielle Anlagen - und Experten, die regelmäßig abtauchen. Was zu verwunderten Blicken führt.

 

München - Marco Weisser steht in voller Tauchmontur auf einer Münchner Straßenkreuzung. Um ihn herum braust der Verkehr, Autos, Busse, Trams fahren auf Armeslänge vorbei. Die Passagiere verrenken sich die Köpfe, aber das nimmt der 33-Jährige nicht wahr. Hochkonzentriert klettert er in einen Schacht im Asphalt, an dessen Grund glasklares Wasser schimmert.

Alle paar Minuten hört er es dort Rumpeln und spürt Erschütterungen: Unmittelbar neben dem Schacht fahren die Züge der U5 durch den Untergrund. Weisser inspiziert eine Düker-Anlage, die die unterirdischen Tunnel und Bahnhöfe der U-Bahn vor Grundwasser schützen.

"Das U-Bahn-Bauwerk liegt großteils im Grundwasser, und zwar so, dass sich das Grundwasser anstauen würde. Damit das nicht passiert, sind Düker-Anlagen verbaut, die auf der einen Seite Wasser aufnehmen und auf der anderen Seite wieder in den Grundwasserstrom abgeben", erklärt Bernhard Kallweit von den Stadtwerken München.

So ausgeklügelt ist das System

"Vor und nach dem Bauwerk ist jeweils ein Schacht gebaut, von denen fächerweise Horizontaldrainagen abgehen. Diese Schächte sind unterm Bauwerk mit einer Leitung verbunden, der Düker-Leitung", schildert Kallweit. Genutzt wird das physikalische Prinzip der kommunizierenden Röhren, wonach eine Flüssigkeit in unten miteinander verbundenen, aber oben offenen Röhren aufgrund der Schwerkraft und des Luftdrucks immer gleich hoch steigt.

Die horizontalen Edelstahlrohre sind dicht an dicht von Schlitzen durchzogen, durch die das anströmende Grundwasser eindringen beziehungsweise auf der strömungsabgewandten Seite wieder versickern kann. Um sicherzustellen, dass diese Schlitze nicht mit Sand, Kies, Erzen oder Algen verstopfen, werden die Drainagen spätestens alle fünf Jahre inspiziert - was nur mit Hilfe von Tauchern und einer Unterwasser-Kamera auf einem Roboterwagen geht.

Denn die Horizontalröhren haben gerade einmal einen Durchmesser von um die 20 Zentimeter, manche gar nur zehn. Das eigentliche Düker-Rohr hat meist zwischen 40 und 50 Zentimeter. Für die Taucher mit ihrem gelben Helm, schwarzen Trockenanzug, Weste und Sauerstoffflasche ist es aber schon eng, wenn sie durch den meist 80 Zentimeter messenden Schachteingang in die Tiefe klettern.

Münchner U-Bahn zur Hälfte in Grundwasserschichten

Deshalb lässt das Team der Stadtwerke neben einer hellen Lampe Marke Eigenbau auch noch einen Kamerawagen hinab, den der Taucher dann in die jeweiligen Drainage-Rohre einsetzt. An der Oberfläche sitzt derweil Kallweit in einem Transporter mit abgeklebten Fenstern, vor sich drei Bildschirme und zwei Joysticks. Mit ihnen kann er den Wagen und die Kamera steuern und so sämtliche Schlitze, aber auch Muffen und Schweißnähte inspizieren und deren Zustand digital dokumentieren.

400 Düker-Schächte unterhalten die Stadtwerke zum Schutz des Münchner U-Bahn-Netzes, das etwa zur Hälfte durch grundwasserführende Erdreichschichten führt. Es sind aber längst nicht die einzigen Anlagen, die den Untergrund der Landeshauptstadt durchziehen: Auch andere Besitzer und Betreiber, etwa von Tiefgaragen, schützen auf diese Weise ihre Gebäude. Denn wenn das Grundwasser unreguliert auf ein Bauwerk trifft, können nicht nur die Keller volllaufen.

Von der Oberfläche wird mit dem Taucher kommuniziert

Das ganze Gebäude kann aufschwemmen - Risse und andere Schäden sind die Folge, wie der Chef des Tauchteams von der Spezialfirma Movienaut, Daniel Reger, erläutert. Er hält in seinem mit massig Equipment inklusive Tauchfunk, CO2-Absaugschlauch und Mini-Kran ausgestattetem Kleinlaster ständigen Sprechkontakt mit Weisser, der inzwischen gut zehn Meter unter dem Straßenboden im Wasser schwebt.

Für den gelernten Elektriker, der seit seinem 16. Lebensjahr regelmäßig und inzwischen hauptberuflich abtaucht, sind die Düker-Inspektionen vergleichsweise entspannend. Er muss nichts aufwendig reparieren, das Wasser ist mit 12 Grad angenehm zu ertragen und vor allem sauber: "Manchmal sieht man sogar kleine Flusskrebse." Die beobachte er dann, während er darauf wartet, dass das Licht des Kamerawagens wieder aus dem Horizontalrohr auftauche.

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