Starkbieranstich aufm Nockherberg Doppelt und dreifach derbleckt im "Scheining"-Singspiel

Der Festakt „60 Jahre Opposition in Bayern“ ist eine wilde Party mit Gesang und Tanz. Dabei zeigen die Politiker einmal mehr, dass die Unterschiede zwischen den Parteien fast nicht vorhanden sind. Foto: Stefan Matzke/sampics

Beim Singspiel auf dem Nockherberg 2017 klonen sich die Politiker gegenseitig. Aber nicht ihre Klone machen sie lächerlich – das erledigen sie schon selbst. Ein kluger Dreh

Stellen Sie sich ein Bayern vor, in dem es zwei Seehofers, zwei Söders und zwei Aigners gibt. Zu hülf! Genau diesen schwarz-schwärzeren Alptraum hat Regisseur Marcus H. Rosenmüller in seinem Singspiel „Scheining“ verdichtet.

Denn am Nockherberg wird die CSU von der Opposition in eine Falle gelockt. Funktioniert natürlich überhaupt nicht. Zum großen Festakt „60 Jahre Opposition in Bayern“ sind die CSU und Angela Merkel geladen. Vordergründig. Der Plan vom SPDler Pronold und Co. ist, die CSU-Spitze zu klonen, auszutauschen und Ihnen den größten Schwachsinn einzuprogrammieren. „Ja aber sie sollten sich vom Original schon unterscheiden!“ gibt Sahra Wagenknecht von der Linkspartei zu bedenken.

„Deutschland ist nicht bereit für einen Mann als Kanzlerin“

Die Stärke des Singspiels ist, dass die Politiker nicht mehr Unsinn reden, als in der Realpolitik. Denn Autor Thomas Lienenlüke hätte es sich mit der Grundidee der schwachsinnigen Klone einfach machen können. Stattdessen stellen sich die echten Politiker bloß, weil sie sich untereinander weder in der CSU noch in der Opposition über den Weg trauen. Deshalb klonen sie sich auch innerparteilich beziehungsweise inneroppositionell.

Dankbar und glücklich müssen wir sein, dass wir Bayern einen Politiker wie Markus Söder haben – sonst wäre das Singspiel nur halb so lustig. Wie er gockelt und sich selbst liebt. Allein für den Satz: „Für mich sind SPDler wie Chinesen – gefährlich, aber ich kann sie nicht auseinanderhalten“, hat er die Lacher auf seiner Seite. Diesen Pronold und seine Funktion zu googeln, wird sich so mancher im Saal vorgenommen haben.

Oder als Söder (Stephan Zinner) ein Selfie mit der Opposition macht („so lange es euch noch gibt“) und Pronold und Hofreiter nicht auf dem Bild drauf sind. Söder genügt sich selbst. Gemeinsam singen und steppen sie den Song über die „tollkühnen Männer“, die „weltweit grassieren, die lenken statt denken und niemals verlieren“. Narzisstische Persönlichkeitsstruktur? Nicht mit Maggus. Der hat eine stylistische Persönlichkeitsfrisur. Und kann sogar rappen.

Mutti-Merkel und Heiland-Schulz beim Nockherberg 2017

Pronold hingegen ist ein Verlierer wie er im Buche steht. Schon seine Körpersprache erzählt, dass er nichts kann und nichts will. Seine fulminante Rede, die er zum Festakt gibt und auswendig gelernt hat, sei hier in voller Länge wiedergegeben: „Herzlich willkommen und viel Spaß! Das Buffet ist eröffnet!“ Damit scheint wirklich alles gesagt, was dieser Pronold (Stefan Murr) zu sagen hat. Gegen so viel Blässe kommt der Grüne Hofreiter (Wowo Habdank) nicht an. Pronold hat die Ideenlosigkeit zur Kunst erhoben, da bleibt Hofreiter nur, die Rampe für gute Gags zu sein.

Erstmals beim Singspiel dabei ist Sahra Wagenknecht – und das gleich dreifach. Weil Pronold und Hofreiter ihr nicht trauen, klonen sie die Linke. Mit ihren zwei (halben) Klonen bildet sie eine Einheit und verwechselt in Jandelscher Komik Lechts und Rinks verwechselt, gesungen auf den Gassenhauer Kalinka: „Mit Herz und Hand für die AFD, ach nee das war ja doch die Linke. Denn ich weiß genau, wo ich politisch steh.“ Oh weh!

Höhepunkt sind die Koalitionsgespräche von Mutti-Merkel und Heiland-Schulz. „Deutschland ist nicht bereit für einen Mann als Kanzlerin“, ruft Merkel (Antonia von Romatowski ) aus. Das Duett, bei dem sie zu „Zwei Königskindern, die hatten sich relativ lieb“ mit Schulz den Schieber tanzt, stört der schlafwandelnde Horst Seehofer (Christoph Zrenner), der „Obergrenze“ brabbelnd Merkel in die Knie zwängt. Hier fährt die Band unter der Leitung von Gerd Baumann (Gesang, Trompete) ihr ganzes Können auf. Fast wär’s romantisch, wenn’s nicht die Noch-Kanzlerin und der Rhein-Rausländer Schulz wären.

Ein Klon ist doch genau so, wie man sich die alberne Version eines Politikers vorstellt. Ilse Aigner (Angela Ascher )wurde als Erstes geklont und unwissentlich von Merkel darauf programmiert, nur noch zu sagen „Zack – Kanzlerin! Dann ist Schluss mit lustig!“ Das ist durch die ständige Wiederholung ziemlich lustig, auch oder gerade, weil’s flach ist.

Am Ende kommt es, wie es kommen muss. Die Klone geraten außer Kontrolle und die Realpolitiker müssen sich fragen, wer sie alle sind. Die Antwort: Eine Mischpoke! Ein Prosit der Wahrhaftigkeit.

 

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