Staatstheater am Gärtnerplatz Herbert Föttinger über Verdis "Rigoletto"

Aris Argiris (Rigoletto) und der Herrenchor des Staatstheaters am Gärtnerplatz in Verdis Oper. Foto: Christian Pogo Zach

Warum der Regisseur Herbert Föttinger „Rigoletto“ in die Gegenwart versetzt und was der Hofnarr aus Giuseppe Verdis Oper mit dem Joker zu tun hat 

 

Vor drei Jahren inszenierte Herbert Föttinger für das Gärtnerplatztheater Mozarts „Don Giovanni“ – damals umbaubedingt im Cuvilliéstheater. Nun kehrt der Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt als Regisseur zurück: mit Verdis „Rigoletto“. Premiere ist am Donnerstag, Anthony Bramall dirigiert.

AZ: Herr Föttinger, könnte der Herzog von Mantua in „Rigoletto“ als erfolgreicher Don Giovanni durchgehen?
HERBERT FÖTTINGER: Es gibt da schon eine gewisse Seelenverwandtschaft. Nur fehlt da, was ich den „faustischen Trieb“ nennen möchte. Der Herzog ist zwar ein Frauenverführer, aber eher einer mit kriminellem Hintergrund.

Dass die Oper im Mafia-Milieu spielt, ist seit Jonathan Millers Londoner Inszenierung von 1982 nichts Neues.
Bei uns spielt „Rigoletto“ in der Gegenwart, und jede kriminelle Männergesellschaft hat etwas Mafiöses. Bei uns ist das nicht explizit. Man könnte auch an die Börsenmakler in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ denken. Oder an Waffen- oder Drogenschmuggler, bis hin zur Kinderprostitution. In so einer Welt spielt das, und mit solchen Leuten kollaboriert Rigoletto.

Bei Verdi ist die Titelfigur ein Hofnarr, was ist er bei Ihnen?
Rigoletto ist ein Schauspieler, ein Stand-up-Comedian, ein Entertainer. Vor allem aber ist er ein Opportunist, der sich mit dem Bösen und der kriminellen Welt des Herzogs anfreundet. Er schießt einen Bumerang in
die Welt, nicht ahnend, dass er am Ende selbst getroffen wird.

Wenn die Oper in der Gegenwart spielt, ist es nicht besonders glaubwürdig, dass Gilda nicht weiß, wie der Herzog aussieht: Sie müsste ihn aus Instagram kennen.
Finde ich nicht. Das ist doch eine eigenartige Geschichte. Gilda ist irgendwo bei einer Pflegefamilie, in einem Internat oder in einem Kloster aufgewachsen und erst seit drei Monaten in Mantua. Sie hat keine Berührungspunkte mit der Welt und weiß auch nicht, was ihr Vater beruflich macht. Ich glaube nicht einmal, dass sie ein Handy besitzt.

Wenn man die Handlung von „Rigoletto“ schnell überfliegt, kommt sie einem unwahrscheinlich vor, wenn man sich in die Details vertieft, wirkt sie psychologisch genau.
Rigoletto und seine Tochter können in der kurzen Zeit keine vernünftige Beziehung aufbauen. Er verschweigt ihr alles, sie sehnt sich nach einem echten Elternhaus und möchte ihrem Vater eine gute Tochter sein. Rigoletto wiederum möchte seiner Tochter ein guter Vater sein. Beide scheitern an ihren Wunschvorstellungen. Dies Oper ist für mich ein völlig psychologisches Stück.

Liebt Gilda den Herzog oder mehr seine Verkleidung als Student?
Vielleicht liebt sie auch ihre Projektion. Man kann sich auch in einen Popstar verlieben, ohne ihn wirklich zu kennen. Der Herzog hat womöglich eine echte Sehnsucht nach einem einfachen Mädchen. Auch er ist in seiner Welt gefangen, weil er annehmen muss, dass man ihm nur aus Berechnung schmeichelt. Auch Verbrecher sehnen sich nach Liebe.

Haben Sie die Vorlage gelesen, das Drama von Victor Hugo?
Selbstverständlich. Es hilft einem, die Vorgeschichte Gildas besser zu verstehen – und die Gesellschaft, in der die Oper spielt.

Kann Rigoletto heute noch ein Buckliger sein?
Eine schwierige Sache. Wie soll ein Mensch aussehen, dass man allein über sein Aussehen lacht, wie das die Oper voraussetzt? Ich habe mich entschieden, dass das keine Rolle spielt. Rigoletto ist primär ein seelischer Krüppel. Er kommt mit sich und seiner Person nicht zurecht. Das ist viel spannender. Entscheidend ist, wie man die Figur einführt, als jemanden, der den Clown macht. Und da haben wir eine gute Übersetzung gefunden: Er ist ein Zyniker, eine Art Joker, keiner, mit dem gut Kirschen essen ist.

Am Ende steckt Gilda tot in einem Sack. Das ist vielen Regisseuren peinlich. Ihnen auch?
Wieso? Es gibt moderne Leichensäcke. Osama Bin Laden wurde in einem solchen Sack abtransportiert. Das hat gar nichts Komisches. Bei einem normalen Jute-Sack würde ich allerdings auch lachen.

Ist das wirklich erst Ihre vierte Operninszenierung?
Die erste war „Fidelio“ mit Nikolaus Harnoncourt, dann kam Darius Milhauds „La mere coupable“ – die Fortsetzung von „Figaros Hochzeit“ – und nun der Münchner „Don Giovanni“. Einmal in der Saison ist auch für einen Direktor eine Gast-Inszenierung drin. Mich reizt an der Oper die überhöhte Form, die da beginnt, wo die Worte aufhören und die Musik einsetzt.    

Premiere am Donnerstag um 19.30 Uhr im Gärtnerplatztheater. Weitere Vorstellungen am 1., 7., 12. und 22. Februar, sowie im März. Karten unter Telefon 2185 1960


 
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