Sorglosigkeit in den Bergen Bilanz der Bergwacht: Helfer rücken immer öfter aus

Rettungseinsatz an der Riesending-Schachthöhle. Die Bergwacht zieht zu allen Einsätzen Bilanz. Foto: Nicolas Armer/dpa (Archivfoto)

Immer mehr wollen in Bayerns Berge - sehen aber die Risiken nicht. Die Folge: Helfer rücken öfter aus. Was sich noch hoch oben (und in den Hütten) verändert.

 

München - Wlan, Dusche, Zweibettzimmer auf der Hütte – und dazu eine garantierte Gipfelbesteigung. Besucher in den Bergen reisen mit ganz bestimmten Vorstellungen an – und haben dabei oft weniger Bezug zu Natur, zu den Schwierigkeiten und Gefahren in den Bergen.

Wandern und Bergsport in Bayern boomen

Fakt ist: Wandern und Bergsport boomen. Damit strömen immer mehr Menschen in die Berge - darunter viele, die nie zuvor einen Fuß in höhere Regionen gesetzt haben. Rund sechs Millionen Menschen lebten allein in Bayern etwa eine Autostunde von den Bergen entfernt, sagt Roland Ampenberger von der Bergwacht Bayern, die am Freitag über steigende Einsatzzahlen berichtete. 8639 Mal mussten die Helfer 2018 ausrücken, rund 500 Mal mehr als 2015.

Immer mehr Pedelecs am Berg

Auch Pedelecs - sprich Elektrofahrräder - verstärkten den Zustrom. "Damit kommen mehr Menschen in entlegene Gegenden, die bisher für sie nicht erreichbar waren", sagt er. Wolfgang Wabel vom Deutschen Alpenverein (DAV) berichtet von ersten Einsätzen, weil E-Bikefahrer mit den schweren Rädern nicht weiterkamen.

Mountainbiken boomt weiter; der DAV testet deshalb in Modellregionen Lenkungsmaßnahmen. Für Extra-Einsätze sorgt der Klimawandel. Wenn Hangrutsche Wege verschütten, Lawinen auf Straßen abgehen oder der Bergwald brennt, rücken neben anderen Einsatzkräften auch Bergwachtler aus.

Handy gibt nur scheinbar Sicherheit am Berg

Immer öfter rufen zudem Menschen die Retter nicht wegen eines tatsächlichen Unfalls, sondern weil sie erschöpft sind oder nicht weiterkommen. Das Handy gibt scheinbar Sicherheit. Dass Einsätze Aufwand bedeuten und auch Retter in Gefahr bringen, bedenken viele offenbar nicht. "Es gibt eine entrückte Wahrnehmung, was sinnvoll und machbar ist", sagt Chris Semmel, Leiter der Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Berg- und Skiführer (VDBS). Früher seien Menschen in den Bergen gewesen, die sich über lange Zeit Erfahrung angeeignet hätten.

Das sei nun anders. Ein Faktor seien die sozialen Medien. "Jeder will cool sein, jeder will Abenteuer erleben." Und den Kollegen und Freunden zeigen: Ich war da.

Der Nationalpark Berchtesgaden kämpft mit den Folgen eines solchen Internethypes. Seit in den Netzwerken Bilder von einem Wasserfall am Königssee kursieren, erlebt die ehemals idyllische Stelle einen regelrechten Ansturm. 2018 stürzten zwei Menschen auf dem Weg dorthin ab, kamen aber glimpflich davon. Im April starben zwei 21-Jährige aus Sachsen, als sie in die Gumpe sprangen (AZ berichtete) - sie unterschätzten vermutlich die Strömung und das Schmelzwasser.

Steine, Eis oder Lawinen lostreten - eine riesige Gefahr

Mehr Menschen bedeuten teilweise mehr Gefahr - weil sie Steine, Eis oder Lawinen lostreten. Dabei kommen manche mit festgefügten Plänen. Ein Gipfel mit knapp 3000 Metern, ein weiterer mit knapp 4000 Metern - und dann gleich Mont Blanc: Mit dieser Vorstellung sei ein Kunde zu ihm gekommen, berichtet Bergführer Hajo Netzer. "Die Leute kommen mit einer klaren Erfüllungsvorstellung. Man hat ja gebucht. Dass schlechtes Wetter sein kann, dass man scheitern kann, dass warum auch immer etwas nicht funktioniert - das kommt in deren Vorstellungswelt nicht vor."  Manche gingen trotz widriger Bedingungen los und beklagten sich, wenn die Bergretter, vielfach Ehrenamtliche, dann schlecht gelaunt seien.

Wlan auf der Berghütte wird immer öfter nachgefragt

Auch Hüttenwirte spüren eine Veränderung. "Die Leute kommen mit Vorstellungen vom Hotel im Tal - und wissen gar nicht, dass das am Berg nicht realisierbar ist", sagt Thomas Gesell, Hüttenreferent der DAV-Sektion München. Duschen, früher undenkbar, gibt es vielfach. Der DAV hat Grundsätze: "Nur wenn wir genügend Wasser und Energie aus regenerativen Quellen wie Wasserkraft oder Photovoltaik haben, stellen wir den Gästen Duschen zur Verfügung. Es kann in Zeiten des Umweltschutzes nicht sein, dass man dafür den Diesel laufen lässt."Strom aus Dieselkraftwerken sei auf DAV-Hütten die Ausnahme.

Immer öfter werde nach Wlan gefragt, um die eigenen Erfolge gleich in die Welt zu posten. Auf der Höllentalangerhütte im Zugspitzgebiet machten die Betreiber einen Versuch und beobachteten die Gäste mit Wlan und ohne. An Abenden mit Netz hätten 60 Prozent der Gäste nur ins Handy geschaut, sagt Gesell. Damit war klar: Kein Wlan. "Die Leute sollen miteinander reden und nicht in die Blechkiste schauen."

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