Sondersendung von "Hart aber fair" "Terror - Ihr Urteil": So haben die Zuschauer entschieden

, aktualisiert am 18.10.2016 - 15:02 Uhr
Die Talk-Sendung "Hart aber fair" befasst sich am Montagabend mit dem vorangegangen ARD-Film "Terror - Ihr Urteil". Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung/dpa/AZ

Im Rahmen des großen ARD-TV-Experiments "Terror - Ihr Urteil" wurde nach dem Film bei "Hart aber fair" darüber diskutiert. Die Zuschauer durften über Schuld oder Unschuld entscheiden – das eigentliche Ende des Films gab es dann erst in der Talk-Sendung zu sehen.

 

Rund anderthalb Stunden durften sich die TV-Zuschauer in "Terror - Ihr Urteil" ein Bild von der Situation machen: Bundeswehr-Pilot Lars Koch ist wegen 164-fachen Mordes angeklagt, weil er ein entführtes Flugzeug eigenmächtig abgeschossen hat. Der Airbus wurde von Terroristen entführt, die damit in die vollbesetzte Allianz Arena fliegen wollten. 164 Menschen töten um rund 70.000 zu retten? Das ist die große ethische Frage des Films.

Nach den gehaltenen Plädoyers war der Film vorbei – doch nur vorerst. Danach wurde live ins "Hart aber fair"-Studio übergeben, ab jetzt hatten die TV-Zuschauer zehn Minuten Zeit abzustimmen, ob Koch schuldig ist oder freigesprochen wird. Nach der Abstimmung wurde dann das eigentliche Ende des Films gezeigt – beide Versionen wurden vorgedreht.

Die Talk-Sendung wollte die Verbindung zwischen Fiktion und Realität herstellen: Nach dem ausgestrahlten Ende gab es eine Diskussionsrunde, in der über das Thema gesprochen wurde. Moderator Frank Plasberg erörtete mit seinen Gästen das Urteil und setzte dieses in einen realen Bezug. "Unsere Aufgabe ist an diesem Abend schlicht, einen Resonanzboden zu geben für eine Diskussion. Ich würde mich freuen, wenn während der Sendung diskutiert wird in den Familien", sagte Plasberg bei der Pressevorführung des Films über die geplante Live-Sondersendung.

Diese Gäste waren bei Plasberg

Der Film wurde gleichzeitig in insgesamt fünf Ländern ausgestrahlt. In Schalten zu den Partnersendern in Österreich und der Schweiz präsentierten auch der ORF und der SRF die Ergebnisse der Abstimmung in diesen Ländern. Daneben wurde der Film noch in der Slowakei und in Tschechien gezeigt. Als Gäste der Sondersendung waren zu Gast: Franz-Josef Jung (CDU, von 2005 bis 2009 Bundesverteidigungsminister), Thomas Wassmann (Major a.D.; ehem. Kampfjet-Flieger der Bundeswehr), Gerhart Baum (Rechtsanwalt, FDP-Mitglied; ehem. Bundesinnenminister 1978-1982) und Petra Bahr (Theologin, designierte Regionalbischöfin in Hannover).

Die TV-Zuschauer haben entschieden

Gegen 21.50 Uhr war das Ergebnis da – und das war ziemlich eindeutig. 86,9 Prozent der Zuschauer stimmten für nicht schuldig – Freispruch. 13,1 Prozent hätten den Bundeswehr-Piloten zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch in Österreich und der Schweiz sah das Ergebnis ähnlich, wenn nicht sogar genau gleich aus. Die Diskussionsrunde im ORF gab bekannt, dass ebenfalls 86,9 Prozent der österreichischen Zuschauer für unschuldig gestimmt haben, in der Schweiz plädierten etwas weniger als 84 Prozent für einen Freispruch Kochs. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, kam es allerdings zu erheblichen technischen Problemen während der Abstimmung. Die Internetseite, auf der abgestimmt werden konnte, war schwer erreichbar, die beiden Telefonnummern meist besetzt, oder es kam einfach die Ansage: "Ihr derzeit gewünschter Gesprächspartner ist derzeit nicht erreichbar."

Auch die Gäste im Studio bezogen klar Stellung: Während der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung auf unschuldig plädierte, bildete der Rechtsanwalt und Ex-Bundesinnminister Gerhart Baum sein genaues Gegenstück. Er beruft sich auf die Verfassung und das geltende Recht – für ihn war die Tat Kochs Mord. "Menschenleben zu verrechnen – das verbietet unser Grundsetz."

"Kann ich diejenigen Menschen im Stadion retten?"

Auch Thomas Wassmann, ehemaliger Kampfjet-Pilot der Bundeswehr, befand den Angeklagten für unschuldig. "Ich würde in dieser konkreten Situation auch schießen – auch wenn ich dann ein Mörder bin. Laut Theologin Petra Bahr ist Koch schuldig, doch sie schwächt ihre Meinung etwas ab und pocht nicht in dem starken Maße auf die Verfassung, wie Baum. "In solchen Extrem-Situationen gibt es nicht die Alternative zwischen falsch und richtig, es gibt nur die Alternative zwischen falsch und falsch." Für sie ist Koch schuldig im Sinne des Gesetztes, doch sie macht auch klar, dass er Schuld auf sich genommen hat, um mehrere Tausend Menschenleben zu retten und so "größeres Unheil zu verhindern."

Für Jung, Bundesverteidigungsminister von 2005 bis 2009, hat der Staat die Aufgabe, Leben zu schützen. Er sagte, dass die Menschen im Flugzeug keine Chance mehr hatten, zu überleben und das auch den TV-Zuschauern klar geworden sei. "Die entscheidende Frage ist doch: Kann ich diejenigen Menschen im Stadion retten?"

"Der todgeweihte Mensch ist doch auch zu schützen"

Währenddessen beruft sich Baum weiter klar und deutlich – mit viel Leidenschaft – auf das Grundgesetz und die Verfassung: "Man muss klar entscheiden: Das Gericht hat gesagt, dass so etwas rechtswidrig ist. Es bleibt das Prinzip. Leben darf nicht gegen Leben aufgerechnet werden." Für ihn stehen die Prinzipien also über den Menschenleben – auch so, wie es die Staatsanwältin im Film in ihrem abschließenden Plädoyer mitgeteilt hat. Baum dazu: "Wir brauchen eine rechtliche Grundlage, dass der Staat keine Menschenleben opfern darf." Auf die Frage Plasbergs, ob die TV-Zuschauer gegen den Kern unseres Grundgesetzes entschieden haben, gab es ein knappes aber klares "Ja" von Baum zu hören. "Mit dem Piloten hat man Mitgefühl, aber hier geht es um ein Rechtsprinzip. [...] Der todgeweihte Mensch ist doch auch zu schützen, es muss einen klaren rechtlichen Rahmen geben."

"Der Mann wird seines Lebens sowieso nicht mehr froh"

Während es zwischen Jung und Baum auch mal etwas lauter wurde, fungierten Wassmann und Bahr als ruhigere Vermittler. Der ehemalige Kampfjet-Pilot Wassmann brachte auch etwas Realität in die doch sehr theoretische Diskussion der beiden Politiker. "Die Entscheidung bleibt letztendlich beim Piloten, doch die Politik lässt ihn im Stich. [...] Der Mann wird seines Lebens sowieso nicht mehr froh, egal ob er schießt oder nicht schießt."

Während der Diskussion gab es einen Einspieler im Studio, der einen Test zeigte: In einem kleinen Kinosaal schauten sich zwölf Personen den Film "Terror - Ihr Urteil" an. Der Clue: Während des Films durften die Testpersonen mehrmals entscheiden, ob sie Koch für schuldig oder unschuldig halten. Das Endergebnis: Neun der zwölf "Schöffen" plädierten auf Freispruch, drei auf schuldig – doch zwischen Anfang der Ausstrahlung und Endergebnis haben sich die Personen insgesamt 28 Mal umentschieden. Es wird deutlich: Die Frage, ob man 164 Menschen für 70.000 Menschenleben opfern darf, ist mit Sicherheit nicht einfach und auch nicht innerhalb weniger Sekunden zu beantworten. Klare Gesetze der Verfassung geraten mit moralischen und ethischen Fragen in Konflikt.

Das TV-Experiment rückt solche Extrem-Situationen, in denen Verfassung und Moral gleichermaßen beachtet werden, wieder in den Fokus der Gesellschaft – und möglicherweise auch der Politik. Ziel von "Terror - Ihr Urteil" war es, die Menschen zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen. Wer die sozialen Netzwerke während der Ausstrahlung am Montagabend und auch danach beobachtet hat, wird erkannt haben: Die Macher haben ihr Ziel erreicht.

 

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