Sommerjobs in München Bademeister im Schyrenbad: Mehr als nur am Beckenrand sitzen

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Ein verantwortungsvoller und abwechslungsreicher Job: Bademeister/in im Schyrenbad. Foto: SWM, Jasmin Menrad, AZ-Montage

Viel mehr als nur am Beckenrand sitzen: Bei einem Praktikum im Schyrenbad stellt die AZ-Redakteurin fest, dass hier Allrounder arbeiten, die Techniker, Hausmeister und Lebensretter sind.

 

München - Die Kinder nennen Pia Riedl (25) nur "Frau Bademeister", wenn sie kleine Wunden versorgt, Seepferdchen abnimmt oder ein Schließfachproblem löst.

Pia Riedl ist aber mehr als die Frau Bademeister, die das Becken im Blick hat. Pia Riedl ist Fachkraft für Bäderbetriebe und im Schyrenbad seit Sommer 2018 für Wartung, Pflege und das Büro verantwortlich.

An dem Julitag, an dem ich ein Praktikum bei Pia Riedl mache, ist es ruhig im Schyrenbad. An der Breitwasserrutsche – so stelle ich mir das vor – werde ich den ganzen Tag unter dem Schirm sitzen, Pommes essen und kleinen Menschen das Leben retten. Dann reiße ich mir Rock und T-Shirt vom Leib und mache einen Köpfer, um ein ertrinkendes Kind aus dem Wasser zu ziehen.

Ein Tag im Münchner Schyrenbad

Pia Riedl, mit der ich mich wegen der ständigen "Frau Bademeister"-Anfragen in den Betriebshof zurückgezogen habe, klärt mich darüber auf, dass sie bei einer Rettung in Polohemd und Hose ins Wasser geht. "Meist schreiten wir ein, bevor Schlimmeres passiert. Das sind dann Kleinkinder, die entwischt sind und über die Treppe ins Becken wollen."

Aber ja, Pommes isst sie auch gerne – selten in den Sommerferien bei gutem Wetter, wenn bis zu 7.000 Gäste hier sind. Dann geht sie in ihrer Mittagspause auch nicht schwimmen.

Aber auch bei schlechtem Wetter kommen Stammgäste: Etwa 100 Menschen schwimmen jeden Tag im Schyrenbad, viele haben Lust auf einen Ratsch. Ratschen, das merke ich schnell, kann man wunderbar im Freibad.

Im Schyrenbad geht es auch tierisch zu

Am liebsten erzählt Pia Riedl von den Tieren: Von der Entenmutter mit ihren sechs Küken, die im Südbad – wo Riedl zuvor acht Jahre war – in den Strömungskanal gekommen sind, den Pia Riedl sofort ausgeschaltet hat. Von dem Murmeltier, das zwei Kollegen und später am Tag die Feuerwehr fast zur Verzweiflung getrieben hat, weil es sich nicht einfangen lassen wollte. Von dem Babyigel, den Vögel zwischen die Krallen bekommen hatten und den Pia Riedl in einer Kiste aufgepäppelt hat. Und von der Umsiedlung des Bienenstocks: "Da wurde die Königin rausgenommen und in eine Kiste darunter gesetzt. Im Laufe des Tages ist der ganze Stock nach unten gewandert."

Wespen- und Bienenstiche kommen trotzdem häufig im Freibad vor. Pia Riedl fürchtet sie nicht, sie ist fast immer barfuß und noch in keine getreten. Sie nimmt mich mit, um mir einen Auffrischungskurs in Erste Hilfe zu geben, erzählt, wie sie neulich einem Baby, das allergisch auf einen Stich reagiert hat, den Mund mit einem Eiswürfel gekühlt hat, bis der Rettungswagen kam. Eine heikle Situation.

Herzdruckmassage im Takt von "Staying alive"

Mit der Übungspuppe Anne übe ich Herz-Lungen-Wiederbelebung: 30 Mal im Takt von "Staying Alive" eine Herzdruckmassage machen. "Am besten mit dem eigenen Körpergewicht richtig drüberhängen, sonst wirst du gleich müde", sagt Riedl. Dann zwei Mal beatmen. "Wenn du dir das nicht zutraust oder die Person sich übergeben hat, mach einfach weiter die Herzdruckmassage."

Sogar einen Übungsdefibrillator gibt es im Schyrenbad. Ich kann berichten: Das Ding ist idiotensicher. Ich habe es ausprobiert.

Wir tauchen unter das Sonnendeck ab. Zwischen Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken stehen unter der Erde Umwälzpumpen, die Haargummis und Bonbonpapiere rausfiltern und in ein weißes Haus am Freibadrand pumpen, wo es gereinigt und aufbereitet wird. Dreimal täglich muss die Wasserqualität händisch überprüft werden – falls was mit den Maschinen nicht stimmt. "Die Werte sind mal wieder bestens", sagt Riedl, nachdem sie wie im Chemieunterricht hantiert und alles eingetragen hat. Das Beckenwasser hat Trinkwasserqualität, so ist es vorgeschrieben. Dank Beckenheizung hat das Wasser mindestens 24 Grad. Wenn es mehrere Tage heiß ist bis zu 28 Grad.

Bademeister ist mehr als am Beckenrand sitzen

Unter der Rutsche parkt der Saugroboter. In dreieinhalb Stunden reinigt er das große Becken – während Wasser drin ist. Gestern war er kaputt und Pia Riedl hat ihn repariert. "Wir versuchen, alles selbst zu richten. Wenn’s nicht geht, rufe ich den Techniker von der SWM und schaue, was der macht. Damit ich’s beim nächsten Mal selbst machen kann."

Bei schlechtem Wetter langweilen sich die vier festangestellten Mitarbeiter nicht. "Rasenmähen ist meins, da streite ich mich mit dem Chef, wer ran darf." An Schlechtwettertagen bespannt Pia Riedl auch mal selbst die Sonnenschirme. Der Chef, der heute frei hat, aber zum Kaffeetrinken im Betriebshof vorbeischaut, hilft, wenn Pia Riedl für solche Aktionen Kraft braucht.

Während die Festangestellten von ihrem turbulenten Alltag erzählen, von dem Mann, der sich in der Dusche die Haare gefärbt hat und der Mutter, die wegen einer Zecke ohnmächtig geworden ist, haben Rettungsschwimmer die Becken im Blick. Einen Rettungsschein in Silber braucht’s dafür. Die SWM sucht noch Menschen, die Lust auf diesen verantwortungsvollen Job haben.

SWM sucht noch Rettungsschwimmer

Über Funk sind die Rettungsschwimmer ständig mit den Kollegen verbunden. Spät am Nachmittag kommt eine Meldung durch, die typisch für einen Tag im Schyrenbad ist, von dem man nie weiß, was er bringt: Eine Frau meldet sich, die regelmäßig im Schyrenbad schwimmt. Im Betriebshof, dessen Tür wegen einer Lieferung offen steht, hat sie eine merkwürdige Beobachtung gemacht: Ein Mann steht dort an der Wand und bieselt in einen Becher. Pia Riedl zieht los und klärt die Situation: Die Frau hat eine Polizeikontrolle beobachtet.

Ich beobachte derweil die Rutsche – zugegeben, neben mir sitzt jemand, der im Notfall richtig reagieren könnte. Den Blick für Kinder, die die Rutsche durch das Bilden von langen Ketten blockieren oder vom Beckenrand springen, habe ich mir schon abgeguckt. Der Rettungsschwimmer pfeift nicht, er schaut nur streng. Die meisten Menschen – auch Kinder – wissen, wenn sie was machen, was nicht so ganz erlaubt ist. Pia Riedl und ihre Kollegen arbeiten viel pädagogisch. Heuer wurde Pia Riedl ein Diebstahl auf der Liegewiese gemeldet.

Es stellte sich heraus, dass ein Kind dem anderen ein halbes Würstl weggegessen hatte. Die Eltern des beklauten Kindes wollten die Polizei rufen. Riedl konnte in der dreisten Diebstahlsituation noch vermitteln: Die Eltern des Diebeskindes kauften ein Würstl und teilten es mit dem bestohlenen Kind.

Schyrenbad: Wegen Würstlklau - Eltern wollen Polizei rufen

Beim Beobachten gerate ich ins Sinnieren: Erstaunlich, wie unterschiedlich Kinder rutschen können – mit Augen zu und Augen auf, drehend oder still auf Bauch, Rücken oder klassisch auf dem Po, mit festhalten, anschucken, draufspringen, aber immer mit Grinsegesicht. Die Erwachsenen hingegen sind meist langweilige Poporutscher.

Genauso gesittet liegen sie auf dem Sonnendeck, etwas erhöht und bräunen sich. Die Kinder lassen sich nach dem Baden direkt fallen und liegen auf dem warmen Steinboden. "Raclettekinder" nennt Pia Riedl das. Überhaupt benutzt sie viele Fachausdrücke: "Korkenschwimmer", das sind die Rentnerinnen, die sich die Haare nicht nass machen wollen.

Eine ihrer liebsten Rentnerinnen ist eine 86 Jahre alte Dame, die seit etwa 80 Jahren ins Schyrenbad kommt, mittlerweile täglich. Das Bad ist das älteste in München und wurde 1847 als Männerbad eröffnet.

Schyrenbad ist das älteste Bad in München

Wenn die Gäste weg sind, machen die Mitarbeiter das Bad fertig. Sie picken Müll von der Liegewiese auf, fahren mit dem Trecker die Mülleimerrunde und schalten Rutsche und Sprudel aus.

Ein Mitarbeiter bleibt da, er lebt in einer Dienstwohnung auf dem Gelände. Pia Riedl füllt am Abend noch den Erste-Hilfe-Schrank auf. Damit die Frau Bademeister morgen wieder Pflaster kleben kann. Dass kaum jemand weiß, was sie alles organisieren und reparieren kann, stört sie wenig. "Die Leute sehen uns ja nur, wenn wir am Beckenrand sitzen", sagt Pia Riedl.

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