Söder, Kultur und Corona Bayerns Kulturpolitik: Fesselnde Lockerungen

Am Dienstag machten Münchner Kulturveranstalter in der Muffathalle mit einer Aktion auf ihre desolate Situation aufmerksam. Foto: Severin Schweiger

Ministerpräsident Markus Söder verspricht neue Regeln für das kulturelle Leben in Bayern, die aber nicht viel bewirken.

 

Pünktlich zur Verabschiedung der großen Staatstheater in der Sommerpause kommt eine neue Lockerung im Kulturleben: Ministerpräsident Markus Söder will in der kommenden Woche die in der Corona-Krise zulässigen Besucherzahlen für Kunst- und Kulturveranstaltungen in Bayern verdoppeln.

"Wir werden nächste Woche vorschlagen, das für die Kultur nochmals zu verdoppeln, auf 200 innen und 400 außen; allerdings mit Vorgaben, weil wir das anders nicht machen können", sagte der CSU-Chef am Mittwochabend bei einem Auftritt im BR-Fernsehen.

Erst in dieser Woche hatte das Kabinett die Begrenzungen für Besucherzahlen in dem Bereich auf 100 in Innenräumen und 200 in Außenbereichen erhöht. Die Entscheidung muss das bayerische Kabinett treffen, dessen nächste Sitzung am Dienstag stattfindet.

Atmosphärische Trostlosigkeit

Söders neue Lockerung ist allerdings nur auf den ersten Blick eine Erleichterung für die Kulturveranstalter, für die meisten ändert sich nichts. Das Deutsche Theater etwa hat über 1.300 Plätze zur Verfügung. Mit 200 verkauften Karten kann man keine Musicalveranstaltung finanzieren. Abgesehen davon dürfte die atmosphärische Trostlosigkeit eines nahezu leeren Zuschauerraums weder Anwesende auf noch vor der Bühne elektrisieren.

Auch für das Sommerfestival, das im Innenhof des Deutschen Theaters ab dem 31. Juli mit einem Kabarett- und Musikprogramm stattfinden wird, ändern die neuen Regelungen nichts. "Wir können mit den derzeit gültigen Abstandsregeln maximal 195 Stühle aufstellen", sagt Pressesprecher Georg Kleesattel. Immerhin aber ist der Kultursommer im Deutschen Theater nun wetterfest. Denn bei Regen oder Sturm kann die Veranstaltung in den Saal des Deutschen Theaters verlegt werden.

Am Dienstag hatte der Verband der Münchener Kulturveranstalter Alarm geschlagen und genau die Art von Kulturpolitik beklagt, die Söder nach Gutsherrenart weiter fortführt. Alle paar Wochen wird überraschend etwas verkündet. Von einer Planungssicherheit für Kulturveranstalter, die einen mehrmonatigen Vorlauf für Tourneen und Konzerte brauchen, ist nichts zu spüren.

Dazu kommt die Begrenzung der Besucherzahlen völlig ohne Bezug zur Größe eines Raumes. Niemand wird die Philharmonie im Gasteig mit rund 2400 Plätzen mieten können und wollen, wenn er nur 200 Tickets verkaufen darf. Aber dass das Kulturleben in virusfreien Zeiten zu großen Teilen von freien Veranstaltern getragen wird, ist bei Söder und seinem Kunstminister Bernd Sibler anscheinend noch immer nicht richtig angekommen.

Die Privaten schauen in die Röhre

Nur öffentlich finanzierte Staats- und Stadttheater können es sich leisten, Abende für 50 (oder nach der Sommerpause womöglich auch nicht mehr als 200) Zuschauer durchzuführen. Private Veranstalter schauen in die Röhre. Ohne eine Reduzierung des Mindestabstandes von 1,50 Meter lohnt es sich für Till Hofmann, Betreiber des Lustspielhauses, einfach nicht, seine Spielstätte überhaupt aufzusperren. Dort wo sonst bis zu 240 Menschen Kabarettisten und Musiker beklatschen, dürfte er derzeit 57 Personen hineinlassen.

Hofmann ist deswegen ins Freie ausgewichen und hat sein Festival "Eulenspiegel Flying Circus" zunächst in Passau auf dem Domplatz spielen lassen, auf den vor wenigen Wochen nur 100 Zuschauer kommen durften. Inzwischen steht die Festivalbühne im riesigen Innenhof des Deutschen Museums und bietet dort bis zum 3. September Kabarett und Konzerte.

Hofmann freut sich über die neuen Regeln. Er geht davon aus, dass er ab kommenden Mittwoch mindestens 300 statt 200 Gäste begrüßen wird, jedenfalls stellt er sich schon einmal darauf ein. "Es wäre natürlich besser gewesen, das früher zu wissen", sagt er. Nun muss er schnell den Internetauftritt und das Buchungssystem anpassen. "Und die Leute müssen es ja auch mitbekommen, dass es durch die neuen Regelungen wieder Karten gibt", sagt Hofmann. So haben jetzt kurzfristig auch die Fans der Spider Murphy Gang doch wieder die Chance auf Karten für die eigentlich ausverkauften Konzerte am 23., 24. und 25. August im Hof des Deutschen Museums.

Im Herbst wird es heiß

Mit seiner restriktiven Politik will Söder offensichtlich seine Kanzlerfähigkeit unter Beweis stellen, für die bayerischen Veranstalter hatte das bislang verheerende Auswirkungen: Sie sind – mehr als jede andere Branche – die Leidtragenden. Dass Söder nun innerhalb von zehn Tagen zwei Mal die Besucherzahlen verdoppelt (bei einer eher gleichbleibenden Zahl der Neuinfektionen im Land) ist nicht seiner "Weitsicht" geschuldet, sondern dem Umstand, dass Bayern sonst im Sommer ein geradezu groteskes Bild abgegeben hätte: Überall im Land werden Open-Air-Veranstaltungen mit 500 Zuschauern (oder gar 1.000) zugelassen.

Da hätte Bayern mit 100 verlorenen Zuschauern auf riesigen Plätzen doch recht kümmerlich ausgesehen, wenn am 5. September Daniel Barenboim von der Berliner Staatsoper unter Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters vor 2.000 Menschen ein Konzert mit Lang Lang dirigiert.

Am grundsätzlichen Problem aber ändern auch die neuen Lockerungen nichts: Freie Veranstalter unterliegen zwar keinem Berufsverbot, haben aber weiterhin kaum eine Möglichkeit, ökonomisch sinnvolle Veranstaltungen zu organisieren. Und wenn die Zeiten für Open-Airs im Herbst vorbei sind, wird sich dieses Problem noch einmal beträchtlich verschärfen. 

Lesen Sie hier den Kommentar zum Thema: Corona-Hilfen für die Kultur - die Hausaufgaben


 
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