Ski alpin Wörndl: "Neureuther fährt auch mit 40 noch"

Felix Neureuther gilt für Olympia als Favorit. Hier erklärt Experte Wörndl, warum der Deutsche die Saison seines Lebens fährt. „Er ist von der Psyche hungrig auf Skifahren, fährt mit anderem Willen.“

 

AZ: Herr Wörndl, als Slalom-Weltmeister von 1987 und Olympia-Zweiter 1988 können Sie uns erklären, warum Felix Neureuther, der am Freitag beim Slalom in Kitzbühel startet, so erfolgreich ist.

FRANK WÖRNDL: Er ist schon im vergangenen Jahr eine sehr stabile Saison gefahren – auf der baut er heuer auf. Das Komische ist, dass er eine saumäßige Vorbereitung hatte: die Operation am Knöchel, die Wundinfektion, Magen-Darm-Probleme kurz vor der Saison, die ihn einige Kilo kosteten, dann der Trainingssturz, wo er sich das Kreuz prellte und den Daumen verletzte. Aber dadurch, dass er erst so spät und so wenig trainieren konnte, hat er so intensiv trainiert wie nie, jeden einzelnen Schwung genossen. Mario Matt (Slalom-Weltmeister 2001 und 2007, Anm.d.Red.) geht es ganz ähnlich: Der ist jetzt 34 und hat aus der Erfahrung sein Training total zurückgeschraubt – das geht im Slalom allemal.

Ach ja?

Schon. Felix ist von der Psyche her hungrig auf Skifahren und fährt deswegen mit einem anderen Willen, einer anderen Lust, intensiver – deswegen hat er jetzt diese Erfolge. Wenn du jeden Tag Champagner trinkst und Kaviar isst, schmeckt der Champagner irgendwann wie Limonade. Wenn du das nur ein Mal im Jahr hast, genießt du das.

 Das heiißt, man muss Neureuther das wegnehmen, was er am Liebsten hat, damit er so richtig scharf darauf wird?

Wenn ich in München bin, wenig zum Skifahren komme und mal einen freien Tag habe, ist mir wurscht, ob das Wetter schlecht ist. Wenn ich jeden Tag die Chance habe Skifahren zu gehen, dann gehe ich bei schlechtem Wetter nicht. So ist das bei Felix auch. Jetzt kann er endlich wieder, und dann legt er da jetzt alles rein: Intensität, Material, alles. Wenn du tausend Tore weniger fährst, müssen diese Tore mehr Qualität haben. Und dann ist er natürlich auch im reifen Sportleralter. Da macht man keinen Mist mehr.

Welchen Mist meinen Sie?

Unkonzentriertheiten, unüberlegte Dinge, die dem Körper Ärger bereiten, solche Sachen.

Wie waren Sie als junger Athlet?

Mit 18, 19 war ich sehr gut. Als Junger glaubt man, dass das immer so weitergeht. Doch dann kommt man an den Punkt, wo man kämpfen muss. Da habe ich drei, vier Jahre gebraucht, bis ich mich aus diesem Sumpf wieder rausgezogen hatte. In der Zeit habe ich alle Fehler gemacht, die man machen kann. Aber man lernt ja nur aus Fehlern.

Das ist Neureuther so gut gelungen, dass er nun auch im Riesenslalom siegen kann.

Das hat sich abgezeichnet, weil er schon Mitte der vergangenen Saison im Riesenslalom eine bessere, stabilere Technik gefahren ist als im Slalom. Nur der Erfolg nach ganz vorne war noch nicht gegeben, auch startnummernbedingt.

Im Slalom gehört er zu den absoluten Top-Fahrern.

Er fährt unglaublich stabil, macht so gut wie keine Fehler.

Neureuther hat heuer so viele gute Ergebnisse, dass er nun sogar in zwei Disziplinen Medaillenkandidat ist.

Im Slalom ist er derzeit fast stärker einzuschätzen als Marcel Hirscher.

Schauen wir mal über Sotschi hinaus: Neureuther hat angekündigt, nach der Saison eine Auszeit zu nehmen und über seine Zukunft nachzudenken

S ein Leben kostet unglaublich viel Energie, auch vom Kopf her. Irgendwann wird der Akku mal leer sein.

Müssen seine Fans fürchten, dass er die Ski in der Ecke stehen lässt?

Wenn er Doppel-Olympiasieger wird und auf dem Höhepunkt abtreten könnte? Mir hat er gesagt, er fährt auch mit 40 – weil es nichts Schöneres gibt. Wahrscheinlich müsste sämtlicher Schnee dieser Welt schmelzen, dass der Bursche nicht mehr fährt.

 

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