Sigi Sommer Wenn Blasius unter der Kastanie Hof hielt

Das Sigi-Sommer-Denkmal am Roseneck muss manchmal für Gag-Fotos herhalten. Sigi Sommer würde darüber nur lachen. Quelle: Unbekannt

"Viele dachten, das geht schief": Preisträger Graeter über seine Zeit mit seinem Mentor Sigi Sommer.

 

MÜNCHEN Viele weinen ihm noch nach, auch wenn der letzte Spaziergang von „Blasius“ mindestens genauso elendig war wie der Weg in die Ewigkeit vieler großer Münchner – ob Weiß Ferdl oder Karl Valentin.

Bevor Sigi Sommer, mein Mentor, zum Herrgott musste, besuchte ich ihn bei den „Barmherzigen Brüdern“, brachte unerlaubt einen Kasten Augustiner Edelstoff mit, organisierte es, dass er aus dem Krankenzimmer kam, wo der populärste Schreiber der Stadt mit fünf anderen Menschen eingepfercht war, traf ihn im Gang der geschlossenen Station des „Rechts der Isar“ – und wenig später im Altersheim „St. Martin“, wo er mir im Beisein seines Fußball-Spezis Buale hilfesuchend zurief: „Mike, hol mich hier raus!"

Zwei Tage vor seinem Tod drückte ich dem Mann, der jahrzehntelang den Münchner Schmelz so unnachahmlich im Super-Weißblau widerspiegelte, die Hand in der Rinecker-Klinik. Ein Mütterchen, Typ Kräuterweiberl, das ich noch nie bei ihm gesehen hatte, stand an seinem Bett und fütterte ihn mit Suppe.

Seine treue Sekretärin Benita Lindner, die am Tag zuvor da gewesen war, sagte mir, dass sie Sigi, der nicht loslassen wollte, liebevoll besänftigt habe. Venezuela-Konsulin Marian Schulz wollte ihn in die Argirov-Klinik am Starnberger See verlegen lassen, aber der Boandlkramer griff schneller zu. Am 25. Januar 1996 blieb sein Herz stehen.

Als ich von Werner Friedmann zur AZ geholt wurde, teilte ich mit dem großen Zampano Sigi Sommer das Redaktionszimmer in der Sendlinger Straße. Viele dachten, das geht schief, aber sie irrten. Als väterlicher Freund auf den ersten Blick gab mir „Blasius“ über zwei Jahre journalistischen Feinschliff. Vor allem auch jenen Kunstgriff: Auf Kosten weniger viele zum Lachen zu bringen.

Er nahm mich überallhin mit, ich durfte an seinem Stammtisch im Augustinerkeller sitzen, wo er unter der Kastanie regelrecht Hof hielt. Schmelings, Schreibers, Scheels, Waldleitners, Ratzingers, Bombas oder die Steilwand-Kitty waren am runden Tisch, unter dem in der kalten Jahreszeit ein kleiner Kohleofen brannte, wohl gelitten und durften aus Sommers Brotzeit-Korb mitnaschen.

Kuppelpelz der Ehe von Bundespräsident Walter Scheel mit Mildred war „Blasius“ himself. OB Hans Jochen Vogel, der die Olympischen Spiele nach München brachte, und er duzten sich. Hollywood-Star Deborah Kerr war Sigis größte Jagdtrophäe, und in der Hoch-Sommer-Zeit konnte er Berge versetzen.

Er brachte es mit seinem Vitamin B fertig, dass nach dem Hochamt in der Herz-Jesu-Kirche die Bayernhymne gesungen wurde. Blasius, der für Mächtige so seine Schwäche hatte und dem kleinen Mann aus dem Herzen sprach, konnte auch beleidigt sein. Im „Nürnberger Bratwurstglöckl“ hatte Sigi immer am Samstag um 18 Uhr einen Stammtisch.

Als dieser heilige Table in den 80er Jahren einmal noch nicht gleich frei war, drehte sich der Wörter-Wotan mit seinen Gästen ohne großes Reklamieren um – und kam nie wieder. Ab dem Zeitpunkt war für Sommer die „Bratwurst“ gestorben.

Einmal hinterging ich den Zimmerkollegen (der übrigens Tennisschuhe salonfähig machte, noch ehe Produzenten sich damit auf offiziellen Anlässen ausstaffierten): Blasius kam vom Weißwurst-Essen in einer Hochburg in der Innenstadt zurück.

Wütend hielt er mir eine Kostprobe hin: Die lauwarme Wurst schmeckte wie ein Schwamm. Es war kaum zu glauben, dass sie aus dem damals für Weißwürste bekannten Restaurant stammte. Sommer murmelte über den Wirt: „Der wird sich wundern, wenn er den nächsten ,Blasius’ liest.“ Ich kannte den Senior-Wirt, einen Mann mit großem Herzen, und wollte ihn vor diesem Todesstoß bewahren.

Rasch lief ich zu dem in der Nähe liegenden Lokal, erklärte dem Hausherrn die aufkommende Schlechtwetterzone und empfahl ihm, zwei Dirndl-Bedienungen mit einem Kessel frisch gebrühter Weißwürste, einem Topf süßem Senf und frischen Brezn zur AZ-Redaktion zu schicken – unter dem Vorwand eines (frei erfundenen) Jubiläums des Restaurants.

Ich blieb die ganze Zeit weg. In der Lokalredaktion wurde indes der überraschende Brotzeit-Besuch jubelnd gefeiert und alle schwärmten, noch nie so gute Weißwürste gegessen zu haben. Fuchs Sigi Sommer war leicht irritiert und revidierte stillschweigend sein Vorhaben. Eigenartiger Weise ist er mir nie auf die Schliche gekommen.

 

0 Kommentare