Sechzig im Sechzger TSV 1860: Jetzt sprechen Löwen-Fans - Warum wir ums Grünwalder kämpfen

, aktualisiert am 04.06.2019 - 19:07 Uhr
Faninitiative beim TSV 1860: Sechzig im Sechzger. Foto: Rauchensteiner/Augenklick

Eine Faninitiative will den TSV 1860 dauerhaft in Giesing im Grünwalder Stadion spielen sehen. Die AZ hat sich mit drei Aktivisten getroffen.

 

München - Christian Jung war in Parma. Er war in Leeds. Löwen-Fans wissen sofort, was das bedeutet. Jung, heute 44 Jahre alt, war in den 90ern mit den Sechzgern auswärts unterwegs. Und hat noch die letzten großen Europapokal-Abende vor Ort erlebt. Sechzig München international!

TSV 1860 ist tief gefallen

Seitdem ist der Klub tief gefallen, bis auf den Dorf-Sportplatz in Pipinsried hinter Dachau. Aber wenn man mit Jung – einem Familienvater aus Solln mit Grünwalder-Stadion-T-Shirt – an einem Mittag vorm Bäcker am Wettersteinplatz sitzt, kann er in einer Sekunde von Parma und Leeds schwärmen. Und kurz darauf von der Gegenwart, die sich mancher Außenstehende doch so trist vorstellt.

"Das war schon geil damals", sagt Jung. "Es waren Festtage. Aber jetzt, jetzt haben wir alle zwei Wochen Festtage hier in Giesing."

TSV 1860 in Giesing: "Viel mehr als 90 Minuten Fußball"

Jung ist aktiv in der neuen Initiative "Sechzig im Sechzger", die sich für einen dauerhaften Verbleib der Löwen einsetzt. Die Mitglieder verteilen Plakate in Wirtschaften, trommeln an ihrem Stand auf der Straße und wollen dafür werben, was für eine positive Bedeutung die Löwen für Giesing haben. Tausende Unterstützer haben sich eingetragen. Und viele Gruppen, die so unterschiedlich sind wie die Menschen, die alle zwei Wochen in der Westkurve stehen. Die "Freunde des Sechzgerstadions" sind Unterstützer, klar, junge Ultras, aber auch die alten Haudegen von den Blue Lions Forstenried oder Fanclubs aus dem Oberland.

Es stehen wichtige Wochen und Monate an für die große Frage: Können die Löwen langfristig in Giesing bleiben? Und unter welchen Bedingungen? Die Stadt hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, eine politische Entscheidung im Rathaus wird bald erwartet. Die Initiative will, dass weniger die Probleme wahrgenommen werden, dass nicht nur lärmgeplagte Anwohner zu Wort kommen. Sondern auch solche, die selbst zu Sechzig gehen. Und die Straßen des Viertels den ganzen Tag beleben, in all den Initiativen aktiv sind, die sich rund um Sechzig gebildet haben.

TSV 1860: Die Fans schwärmen

Einer der Aktiven ist Alexander Zeilhofer. Der 30-Jährige ist zu jung für Parma und Leeds, aber der Opa war 1965 mit Sechzig in Wembley. Zeilhofer selbst ist wegen Sechzig nach Giesing gezogen. Mit seiner zweijährigen Tochter dreht er am Spieltag vormittags schon eine Runde durchs Viertel, das Spieltags-Flair genießen.

Vom Außenrum, dem Flirren in der Giesinger Luft, wenn schon Stunden vor den Spielen die Fan-Gruppen ihre Stände aufbauen, sich laut ratschende Löwen vor den Boazn und an den Straßen versammeln, schwärmen sie alle.Eva Modlmayer ist 48, wohnt in Johanneskirchen. Auch sie ist natürlich schon sehr lange Löwin, doch seit der Rückkehr nach Giesing hat sie noch mal ganz neu Feuer gefangen. "Ich habe bestimmt 300 Leute kennengelernt in den letzten zwei Jahren", sagt die Wirtschaftsfachwirtin, die ein Sechzig-Tattoo am Unterarm trägt. Vor den Spielen geht sie zum Trepperlwirt, an den Grünsitz. "Man kann den jungen Leuten auch was beibringen hier", sagt sie. "Dass nicht immer alles total sauber sein muss, dass nicht immer alles Geld kosten muss. Man kauft den Kindern eine Cola irgendwo, setzt sich an den Grünspitz und ist mitten drin."

Mitten drin, das ist auch für Christian Jung, den Parma-Veteran, ein wichtiges Stichwort. "Sechzig in Giesing, das geht weit über den reinen Sport hinaus", sagt er. "Das Fußballspiel ist natürlich der Anlass, warum wir hier zusammenkommen. Aber was man hier an Spieltagen erlebt, das geht eben nur mitten in der Stadt – nicht in Ingolstadt oder Augsburg an diesen neuen Stadien auf der grünen Wiese."

Löwen-Fans wollen in Grünwalder Stadion bleiben

Und vor allem nicht in der Arena, finden die drei. Die langen U-Bahn-Fahrten "raus an den Müllberg", die Tristesse im Alltag im viel zu großen Stadion der roten Konkurrenz. "Ich habe die Arena überhaupt erst 2011 das erste Mal betreten", sagt Jung. "Mein Sohn wollte unbedingt auch mal zu den Profis." Wie war‘s? "Ganz nett, aber es hatte halt mit Sechzig nichts zu tun."

Die Initiative schlägt Töne an, die auch viele andere Gruppen in der Stadt dieser Jahre bemühen. "In der Stadt leben, anstatt nur dort zu wohnen", heißt es in einer Erklärung. Die für den Autoverkehr optimierten Arenen am Stadtrand hätten "ihren Zenit überschritten". "Ich lebe in der Stadt, ich bin hier kulturell unterwegs, natürlich will ich hier zum Fußball gehen", so sagt es Jung. Er geht regelmäßig mit seinen Söhnen (8 und 12) zu Sechzig. Und sagt, ihnen täten diese Tage sehr gut. Die vielen Reichen, die großen Autos bei ihm in der Sollner Nachbarschaft, das hätte schließlich "mit dem realen Leben nichts mehr zu tun. Hier erleben meine Kinder einen ganz normalen Querschnitt."

Die drei Fans betonen, dass die Organisation in Giesing nicht schlechter funktioniert als an der Allianz Arena. Sondern, aus ihrer Sicht, sogar besser. "Man muss mir erstmal den Verein zeigen, wo eine ganze Stadionkapazität mit den Öffentlichen hergebracht werden kann", sagt Jung. Alexander Zeilhofer, der Anwohner, sagt, an einem normalen Freitagabend sei der Autoverkehr ums Stadion auch nicht weniger als an Spieltagen.

Grünwalder Stadion: Bezirksausschuss ist kritisch

Und die Fantrennung? Sei doch eh perfekt. Die Gästefans werden von der Polizei zum Wettersteinplatz und von dort direkt zum Gästeeingang begleitet. Mit den Sechzigern in der U2 und vor den Kneipen kommen sie nicht in Berührung. Tatsächlich hat auch die Polizei diese Saison über von so gut wie gar keinen Problemen berichtet.

Trotzdem gibt es auch Anwohner-Proteste im Viertel, der zuständige Bezirksausschuss ist mehrheitlich nicht gegen Sechzig, steht einem Ausbau aber eher kritisch gegenüber. Der Giesinger Zeilhofer aber glaubt an die Unterstützung der Wirte, des Einzelhandels, aber auch vieler Nachbarn. Bei der Bürgerversammlung habe sich eine 78-jährige Frau zu Wort gemeldet. Es gebe doch nichts Schöneres, als das Gewusel, wenn Sechzig spielt. Wie früher!

TSV 1860: Fans für ligaunabhängigen Verbleib in Giesing

Also glauben die drei vorm Bäcker am Wettersteinplatz an einen Ausbau? Am wichtigsten sei, für einen ligaunabhängigen Verbleib zu werben, sagt Zeilhofer. Diese Frage endgültig zu beantworten, sei entscheidend. "Damit nie wieder jemand auf die Idee kommt, das hier in Frage zu stellen", sagt er. "Wir müssen nicht größenwahnsinnig werden. Es ist doch der Größenwahn, der Sechzig fast kaputtgemacht hat."

Jung betont, dass das Stadion heute durch die Kapazitätsbegrenzung ja gar nicht voll ist, wenn ausverkauft gemeldet wird. Eigentlich gehe es also erstmal gar nicht um einen Ausbau, sondern nur darum, das Stadion besser zu füllen.

Aus all dem spricht viel Kampfgeist, auch Optimismus. "Man darf ja nicht vergessen, dass das Ding geistig schon mal abgerissen war", erinnert Zeilhofer an die Rathaus-Entscheidungen der Christian-Ude-Jahre. Auch damals hätten ja Löwen für Erhalt und Sanierung des Stadions demonstriert, betonen die drei. Wer in Parma war und später nach Pipinsried musste, weiß, dass im Leben viel passieren kann. "Aber hier in Giesing kann man alles besser wegstecken", sagt Eva Modlmayr. Und alle nicken.


Grünwalder Stadion: Wie es weiter geht

Aktuell dürfen 15.000 Zuschauer ins Grünwalder Stadion. Die Stadt lässt mit einer Machbarkeitsstudie untersuchen, ob und unter welchen Umständen eine Erweiterung der Kapazität auf 18.600, 25.000 oder 30.000 Zuschauer möglich ist. Ein Ergebnis wird in den nächsten Wochen erwartet, schon im Herbst könnte dann eine Stadtrats-Entscheidung fallen.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat sich bisher eher vage für eine Erweiterung, die aber auch Interessen der Anwohner berücksichtigt, ausgesprochen. Umbauten oder Erweiterungen wird es – wenn überhaupt – aber wohl frühestens zur Saison 2020/21 geben. Auch die zweite Mannschaft des FC Bayern ist in die dritte Liga aufgestiegen. Ob das einen Umbau des Stadions erleichter oder erschwert, dazu gibt es im Rathaus verschiedene Meinungen.

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