Schnitte, Kopfwunden, Alkohol Wiesn-Notaufnahme: Zuagnaht werd!

Acht Kabinen gibt es in der chirurgischen Notaufnahme, dazu zwei Handnähplätze und einen Schockraum für die schweren Fälle. Foto: Petra Schramek

Zur Wiesn herrscht in der Notaufnahme der Nußbaumstraße Hochbetrieb. Schnitte, Kopfwunden, Alkohol – ein Nachtbesuch

München - Dicht gedrängt starren die rot-gelb leuchtenden Rettungssanitäter, Krankenschwestern und Ärzte in einem kleinen, stickigen Raum auf den Mann hinter der Glasscheibe. „Speibt der jetzt?“, fragt der Arzt, während er immer wieder einen Blick auf das Computerbild wirft, auf dem der Kopf des Mannes zu sehen ist. Der liegt regungslos in der riesigen CT-Röhre: Er ist groß, schwer und hat breite, von oben bis unten tätowierte Oberarme, die in eine weiße Banderole gezwängt sind. Er hält aber auch so still. Und behält alles bei sich. Glück gehabt.

Der Patient, aus der Slowakei eigens angereist, ist der erste akute Wiesn-Notfall in der Nachtschicht von Unfallchirurg Sebastian Baumbach. In der chirurgischen Notaufnahme des Uniklinikums in der Nußbaumstraße geht’s jetzt, kurz vor halb elf, in die heiße Phase. Der Wiesn-Besucher ist beim Feiern nach hinten gekippt und war ganze fünf Minuten bewusstlos. Jetzt muss er in den Schockraum, wo geprüft wird, ob eine Verletzung im Kopf die Ursache ist. Das Ergebnis ist negativ. Schuld war bloß der Alkohol. Wieder Glück gehabt.

Der Patient mit tiefen Schnittwunden ist erstaunlich gelassen

Kaum ist der Schockraum-Patient zurück auf der Station, öffnet sich die milchige Glastür schon wieder. Ein junger Mann humpelt herein, die Lederhose unversehrt, das Knie dafür blutüberströmt. Es tropft auf den Boden des mit weiß-blauen Fähnchen und Brezn dekorierten Raums. „Jetzt sprudelt’s grad so richtig“, sagt er mit erstaunlich ruhiger Stimme. Das linke Auge ist zugeschwollen und blau. Er auch.

Baumbach fragt, was passiert ist. Eine Wiesn-Schlägerei im Zelt. Streitpunkt: Eine Bierbank, die angeblich schon besetzt war. Das Ergebnis: tiefe Schnittwunden am Bein und drei Schläge gegen den Kopf. „Können Sie sehen, wohin mein Finger sich bewegt?“, fragt Baumbach den Verletzten. Kann er. Genäht werden müssen die Wunden trotzdem.

„Ich bin hart im Nehmen“, sagt er, während der Arzt mit blauem Faden Stich für Stich die Wunden vernäht. „Kann ich kurz aufs Handy schauen?“ – „Sie können auch spielen, mir ist das egal.“ Dann bekommt er noch einen blauen Verband. Der Haferlschuh ist voller Blut, deshalb gibt’s einen beigefarbenen Ballerina. „Gibt’s auch in rosa!“, bietet die Schwester an, was der Verarztete dankend ablehnt.

Die Tür geht wieder auf. Sanitäter fahren einen grün-weißen Trachtler mit blutender Kopfwunde herein. Während er zu einem freien Bett gerollt wird, schaut er aufs Smartphone und tippt. Erst als die zweite Ärztin auf der Station beginnt, seinen Kopf zu nähen, legt er das Handy kurz aus der Hand.

Acht Kabinen gibt es in der chirurgischen Notaufnahme, dazu zwei Handnähplätze und einen Schockraum für die schweren Fälle. Während der Wiesn ist die Patientenzahl gegenüber dem Normalbetrieb etwa drei- bis viermal so hoch, die Notaufnahme liegt ja quasi fast auf der Festwiese. Am häufigsten sind alkoholbedingte Stürze, Schädel-Hirn-Traumata, Kopfplatzwunden und Verkehrsunfälle. Dafür sind eine Ärztin und eine Schwester mehr vor Ort, dazu die Security-Arbeiter, die eigens zur Wiesn abgestellt sind.

In jedem zweiten Dienst muss die Polizei anrücken. „Am schlimmsten ist es, wenn uns Patienten tätlich angreifen oder Mobiliar zerstören“, erzählt eine Schwester, die schon zum zehnten Mal während der Wiesn im Einsatz ist. „Nur in der Silvesternacht ist ähnlich viel los.“

Der mittlerweile erwachte Slowake hat auch noch ein kaputtes Sprunggelenk, vermutlich durch sein plötzliches Umkippen. Als Sebastian Baumbach ihm eine Spritze setzen will, wird der große Mann panisch: „Was machen Sie?“, ruft er laut. „Gips! Oder soll ich’s abschneiden?“, gibt Baumbach nun ebenfalls lauter zurück. „Nix Spritze! Keine Spritze!“, tönt es ängstlich. „Dann ohne“, entscheidet der Arzt.

Und als er das Sprunggelenk richtet, hallen slowakische Schreie durch die ganze Station. Am Ende ist der Gips dran.

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Inzwischen ist es drei Uhr. Langsam kehrt Ruhe ein. Eine Südkoreanerin schläft ihren Rausch aus. Die Radiomusik, vorher auf der ganzen Station zu hören, wird etwas gedimmt. Der Großkampf scheint fürs Erste vorbei zu sein. „Man hat sich irgendwann dran gewöhnt“, sagt Baumbach. Er klingt leicht resigniert, geht selber nur noch selten auf die Wiesn.

Rund 1000 Patienten hat die Chirurgische seit Wiesn-Beginn versorgt. In dieser Nacht sind es 40. Eine normale Nacht in der Nußbaumstraße.

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