Schmerzlich: Zunehmender Hass 75 Jahre jüdische Gemeinde: Zurück im Herzen der Stadt

Julius Spanier (r.), IKG-Gemeindepräsident, beim Festakt zur Eröffnung der Synagoge in der Reichenbachstraße im Mai 1947. Foto: Stadtarchiv

Vor 75 Jahren gründen Münchner Überlebende der Shoah die jüdische Kultusgemeinde neu. Die Probleme von damals sind auch heute aktuell.

 

München - Reichenbachstraße 27: In einem Hinterhof kommen 1945 einige wenige Juden zusammen. Von ehemals 12.000 Münchnern jüdischen Glaubens haben weniger als Hundert die Shoah überlebt. Für sie klar: Sie wollen ihren Glauben leben – und ihr Gotteshaus wieder aufbauen.

Knobloch: Seit 35 Jahren Präsidentin der IKG

Am 15. Juli ist der 75. Jahrestag der Wiedergründung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG). Es ist ein Jubiläum, das die IKG-Vorsitzende Charlotte Knobloch angesichts wachsender antisemitischer Straftaten in ihrer Heimatstadt München nachdenklich macht: "Die Probleme von damals sind leider auch heute noch nicht überwunden. Der Judenhass, dem schon die Überlebenden hier in München die Stirn boten, wächst seit Jahren wieder an", sagt sie der AZ.

Und doch sei der Jahrestag etwas ganz Besonderes, da die wiedergegründete IKG Teil der Stadtgesellschaft geworden sei. "Aus meiner Kindheit in den Dreißigerjahren kannte ich nur eine jüdische Gemeinde, die ständig schrumpfte und in der Sorgen und Angst jeden Tag bedrückender wurden", so Knobloch. Seit 35 Jahren engagiert sich die 87-Jährige als Präsidentin an der Spitze ihrer Münchner Gemeinde.

Charlotte Knobloch hat den Genozid an den europäischen Juden unter falschem Namen versteckt in Mittelfranken überlebt. Nach Kriegsende kehrte sie auf Wunsch ihres Vaters Fritz Neuland in ihre Geburtsstadt zurück. "Meine Rückkehr war schrecklich. Ich wollte nicht zurück", sagt sie. Ihr Vater arbeitet in der Nachkriegszeit als Anwalt. Auf seine Initiative wird die Israelitische Kultusgemeinde im Juli 1945 neu gegründet. Von 1951 bis zu seinem Tod im Jahr 1969 ist er ihr Präsident.

Wiederaufbau der Synagoge in der Reichenbachstraße

Den wenigen Münchner Shoah-Überlebenden folgen in der Nachkriegszeit Tausende heimatlose Juden in die amerikanische Besatzungszone. Die Flüchtlinge, die überwiegend aus Osteuropa stammen, werden in sogenannten DP-Camps (Dis placed-Person-Lager) untergebracht. Viele warten dort auf ihre Ausreise nach Palästina oder in die USA. Sie bilden die Basis des jüdischen Nachkriegslebens in München.

Bis März 1946 wächst so die jüdische Glaubensgemeinschaft wieder auf 2.800 Mitglieder an. Was den Gläubigen in der Stadt fehlt, sind die Räumlichkeiten. Von den ehemals drei großen Synagogen hatten die Nationalsozialisten zwei komplett zerstört. Einzig die ostjüdische Hauptsynagoge in der Reichenbachstraße war – trotz Zerstörung – erhalten geblieben. Notdürftig wird sie schnell wieder instandgesetzt.

"Heute ist jüdisches Leben in München wieder sichtbar"

Am 20. Mai 1947 wird das Gotteshaus dann im Beisein des amerikanischen Militärgouverneurs für Bayern, Lucius D. Clay, mit einem Festakt eingeweiht. Clay drückt in seiner Ansprache die Hoffnung aus, dass die Wiedereröffnung "eine neue Ära des guten Willens und des gegenseitigen Verständnisses" markiert. Bis zum Umzug der IKG in die neu gebaute Synagoge am St.-Jakobs-Platz im Jahr 2006, ist das Gotteshaus im Gärtnerplatzviertel das Zentrum des jüdischen Lebens in der Stadt.

"Heute ist jüdisches Leben in München wieder sichtbar und wir befinden uns mit unserem Gemeindezentrum buchstäblich im Herzen der Stadt", sagt IKG-Präsidentin Knobloch, "aber wir müssen auch erleben, dass Teile der Gesellschaft nicht so weit sind wie die Architektur". Der zunehmende Judenhass und der Aufstieg der AfD seien schmerzlich und würden die Zukunft des jüdischen Lebens gefährden.

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