Sanft von der Todesfurcht lösen Die große Samurai-Ausstellung in der Kunsthalle München

Ein Wandschirm mit kämpfenden Samurai aus der Mittleren Edo-Zeit, dem frühen 18. Jahrhundert. Foto: The Ann & Gabriel Barbier-Mueller Museum, Dallas

Mit der Pracht der unerschrockenen Samurai lebt in der Kunsthalle München das japanische Rittertum wieder auf.

 

München - Ausgerechnet die zarte Kirschblüte haben sie sich als Symbol gewählt. Nicht nur aus westlicher Sicht bringt man die rosa-weißen Blättchen schwerlich zusammen mit diesen erbarmungslosen Kämpfern in ihren furchteinflößenden Rüstungen.

Wie von einem anderen Stern scheinen die Samurai auf der Erde gelandet, so kommt es einem jedenfalls in der Kunsthalle München vor, wo jetzt die "Pracht des japanischen Rittertums" im Zentrum steht.

Es reicht ja schon die bloße Montur, um Eindruck zu machen. Fratzen blicken einem da unter irren Hauptauswucherungen entgegen, und bis hinunter zu den gar nicht mehr so ritterlichen Puschen breitet sich eine sagenhafte Komposition kunstvoll verarbeiteter Metalle, Stoffe, Hölzer und Leder aus. Dagegen sind selbst die üppig ziselierten Repräsentationsharnische des europäischen Hochadels eine puristische Angelegenheit.

Von Texas nach München: Samurai Exponate aus der Edo-Zeit

In dieser Konzentration bekommt man das selten vorgeführt. Mehr als 100 Exponate sind aus Texas nach München gereist, und in Dallas ist das Museum von Ann und Gabriel Barbier-Mueller noch lange nicht geplündert. Wer bei diesem Namen stutzt, liegt richtig. Barbier-Mueller kommt aus einer alten Schweizer Sammlerdynastie: Großvater Josef Müller interessierte sich für die klassische Moderne, Antikes und Afrikana; Vater Jean Paul pflegte dieses Erbe weiter – unter dem Titel "Kunst über Grenzen" war die potente Kollektion 1999 im Haus der Kunst ausgestellt.

Und Enkel Gabriel hatte sich als Teenager in eine dunkelblaue Samurai-Rüstung in einer Pariser Galerie verguckt. So erzählt es der mittlerweile 62-jährige Wahl-Amerikaner aus Genf, der seine riesige Sammlung nach den USA nun auch durch Europa touren lässt.

Und München macht im deutschsprachigen Raum den Anfang. Wobei man beim Glanz des Aufgebots durchaus versucht ist, vor allem das Märchenhafte dieses Ritterkults zu sehen. Das Gros der Objekte stammt aus der "guten alten" Edo-Zeit, also aus der überwiegend friedlichen Ära kultureller Blüte, die um 1600 mit der Einigung des Reiches beginnt und 1868 durch die radikale Öffnung des Landes endet.

Prunkvolle Rüstungen der Samurai-Fürsten

Tatsächlich haben die Samurai die Geschichte Japans schon vom 12. Jahrhundert an maßgeblich geprägt. Der göttliche Tenno thronte zwar ganz oben in der Hierarchie, doch die eigentliche Macht lag bald beim Ritteradel, angeführt vom alles beherrschenden Shogun. Der ließ die Daimyo, das waren die Samurai-Fürsten, alle zwei Jahre in der 1603 gegründeten Hauptstadt Edo in voller Montur aufmarschieren.

Und nur das Allerbeste war gerade noch gut genug. Das zeigen reich ornamentierte Brustpanzer mit Nieten in floraler Anmutung, lackierte Rockteile und Krägen aus Seidencrêpe, aber auch Ärmel, auf die goldene Pflaumen oder Kirschblüten gemalt sind, und genauso ein aufwendiger Schenkelschutz aus überlappenden Lederplättchen und endlosen weiteren Details.

Die Helme sind dann kaum mehr zu überbieten. Da ziehen die Kunsthandwerker alle Register. Ob Hirschgeweihe wuchern oder eine überdimensionale Falkenfelder in den Himmel ragt, ob Muscheln und Meereswellen die Form dominieren oder eine Aubergine – je exotischer und geistreicher, desto besser. Manches schaut aus wie die Konstruktion eines Horror-Wolpertingers, und womöglich hatten die Samurai am Ende mehr Witz, als man das von diesen unerbittlichen Generälen erwarten würde.

Loyalität und Tugend - Verklärung des japanischen Ritterkultes

Weniger amüsant ist dagegen die Tatsache, dass solcher Prunk viele Familien in den Ruin trieb. Und ein Samurai hatte loyal zu sein, aufmucken sah der Ehrenkodex – Bushido – nicht vor. Andererseits bestimmt dieses rigide Festhalten an Regeln und Tugenden wie Tapferkeit und Ehrbewusstsein bis in unsere Tage die Vorstellung vom edlen Kämpfer.

Befördert wurde diese Verklärung freilich auch von Romanen und Kinofilmen wie Akira Kurosawas glorreichen "Sieben Samurai" aus den 50ern oder "Der letzte Samurai", in dem Hollywoodstar Tom Cruise bald wie ein Einheimischer das Schwert schwingt.

Samurai: zwischen Künsten und Klingen, Schönheit und Brutalität

Dabei vergisst man die schöngeistige Seite der Samurai. Literarische und wissenschaftliche Bildung ist so wichtig wie der Umgang mit den Waffen, und es sind die fürstlichen Daimyo, die die Künste fördern und Dichtung, Kabuki-Theater oder die Tee-Zeremonie bis in die letzten Mikro-Gesten hinein verfeinern.

Unwillkürlich fragt man sich, wie dieser hochkultivierte Lebensentwurf und die damit verknüpfte Schönheit mit der unbeschreiblichen Brutalität zusammengehen. Aber das ist wahrscheinlich schon zu viel der Emotion. Denn wie die Kirschblüte sanft und lautlos zur Erde gleitet, so muss sich auch ein Samurai frei von Todesfurcht vom Dasein lösen. Den stolzen Kriegern, die sich jedem Fortschritt verschlossen, hat auch diese Haltung irgendwann das Genick gebrochen.


"Samurai. Pracht des japanischen Rittertums", bis 30. Juni, Kunsthalle München, Theatinerstr. 8, täglich von 10 bis 20 Uhr, Katalog (Hirmer) 35 Euro.

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