Sammelabschiebung nach Afghanistan Münchner Flughafen: Hier werden sie abgeschoben

Flughafen München: Neben den Migranten befinden sich zahlreiche Polizeikräfte im Bus. Foto: Michael Trammer/imago

Das Flugzeug mit 15 Migranten startete am Montagabend von München nach Kabul. Hunderte Demonstranten versammelten sich am Flughafen und protestierten gegen die vierte Sammelabschiebung nach Afghanistan.

 

München/Kabul - Zum vierten Mal sind abgelehnte Asylbewerber von Deutschland nach Afghanistan abgeschoben worden. Das Flugzeug mit 15 Migranten an Bord erreichte Kabul aus München kommend am Dienstagmorgen um kurz vor 7.00 Uhr (Ortszeit). Seit Dezember sind nun insgesamt 92 Männer nach Afghanistan zurückgeflogen worden.

Es handele sich "ausnahmslos um alleinstehende Männer", einige von ihnen seien in Deutschland straffällig geworden, hatte das bayerische Innenministerium am Montagabend mitgeteilt. Außer Bayern hatten sich an der Rückführungsaktion auch Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz beteiligt.

Erschöpft landen sie in Kabul

Der Sprecher des Flughafens in Kabul, Mohammed Adschmal Faisi, sagte, die Ankunft sei ruhig verlaufen. Die meisten Ankömmlinge wollten nicht mit Medien sprechen. Viele wirkten müde oder wütend. Unter ihnen ist Obaid Ros.


Obaid Ros verlässt nach seiner Abschiebung aus Deutschland das Gelände des Flughafens. Quelle: Mohammad Jawad/dpa

Der 24-Jährige aus der ostafghanischen Provinz Nangarhar sagte, er habe sieben Jahre lang in Landshut gelebt. Er habe Arbeit gehabt, habe Computer repariert. "Ich habe keine Ahnung, wieso sie meine Asylbewerbung gestoppt haben", sagte Ros. Als er von der bevorstehenden Abschiebung gehört habe, sei er geflohen, aber die Polizei habe ihn wieder eingefangen und drei Wochen lang festgehalten. Er werde trotzdem versuchen, nach Deutschland zurückzugehen. "Hier gibt es keine Sicherheit, keine Arbeit, kein Leben", sagte Ros.

Mehr als 300 Demonstranten in München

Die Abschiebungen sind umstritten, weil sich in Afghanistan der Konflikt zwischen Regierung und den radikalislamischen Taliban verschärft und es landesweit Gefechte und Anschläge gibt. In München versammelten sich am Montag gegen 19 Uhr etwa 300 Menschen zwischen den Terminals 1 und 2, um gegen die Abschiebung zu protestieren. "Wir wollen und können das nicht einfach so hinnehmen. Die humanitäre Situation in Afghanistan ist immer noch katastrophal!", rief der Bayerische Flüchtlingsrat im Vorfeld auf Facebook zur Flughafen-Demo auf.

In Frankfurt, Berlin, Karlsruhe und Stuttgart kamen Abschiebegegner zu Protestveranstaltungen zusammen.


Auch in Berlin versammelten sich Abschiebungsgegner. Quelle: Silas Stein/dpa

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte dagegen am Montag, "die Bewertung der aktuellen Sicherheitslage" durch Bundesinnenministerium und Auswärtiges Amt sei unverändert. Sie lasse Rückführungen in gesicherte afghanische Provinzen zu.

Von Seiten der Vereinten Nationen gibt es keine abschließende Bewertung, welche afghanischen Provinzen sicher oder unsicher sind. Die meisten Passagiere des vierten Fluges stammten zumindest nicht aus schwer umkämpften Provinzen, sagte ein Mitarbeiter des Kabuler Flüchtlingsministeriums, der ungenannt bleiben wollte. "Viele sind aus Kabul, andere aus Pandschir oder Parwan." Einige kämen allerdings aus unsicheren Provinzen wie Wardak oder Nangarhar. Auf dem dritten Abschiebeflug im Februar kam etwa die Hälfte aller Passagiere aus umkämpften Provinzen wie Urusgan, Kundus oder Paktia.

Das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha) hatte am Montag gemeldet, seit Jahresbeginn seien fast 50 000 Afghanen vor Gefechten zwischen Regierung und Taliban aus ihren Dörfern geflohen. Laut US-Militär kontrolliert die afghanische Regierung nur noch rund 57 Prozent des Landes, 15 Prozent weniger als Ende 2015. In Kabul, wo viele Abgeschobene erst einmal bleiben, gab es seit Jahresbeginn fünf große Anschläge mit mindestens 132 Toten und mindestens 347 Verletzten. Die Frühjahrsoffensive der Taliban steht kurz bevor.

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