Residenztheater Nils Strunk spielt Don Karlos

Gefangen zwischen Spitzen und Kanten ist Nils Strunk in der Rolle des Don Karlos. Foto: Matthias Horn

Im Residenztheater spielt Nils Strunk die Titelrolle in Martin Kušejs Inszenierung von „Don Karlos“

Was tief im Innern vor sich hin tobt, kommt in heutigen affektkontrollierten Zeiten eher selten zum Vorschein. Oder gibt es doch noch eine Kunstform, in der die Gefühle lauthals überschwappen dürfen? Damals zumindest, im 18. Jahrhundert, herrschte der epochemachende Sturm und Drang, so auch in Schillers dramatischem Gedicht „Don Karlos“, das 1787 in Hamburg uraufgeführt wurde.

Zwar steht Schillers Stück an der Schwelle zur nüchterneren Weimarer Klassik, aber sein Titelheld macht seinen Emotionen doch herzlich viel Luft. Eine Kostprobe: „Süßes, seelenvolles Mädchen! Anbetungswürdiges Geschöpf!“, schwärmt Don Karlos die Prinzessin Eboli an. „Ich stehe ganz Ohr – ganz Auge – ganz Entzücken – ganz Bewunderung. Wer hätte Dich gesehn, wer unter diesem Himmel dich gesehn, und rühmte sich, er habe nie geliebt?“

Verbindlich ist die Begeisterung nicht: Don Karlos liebt eigentlich seine Stiefmutter, Königin Elisabeth, die sein Vater, der König von Spanien, zur Frau genommen hat, einige Zeit, nachdem Karlos leibliche Mutter bei dessen Geburt starb. Karlos verliert an der Prinzessin Eboli schnell sein Interesse. Und auch die Liebe zur Königin hält nicht an.

Ein Emotionsbündel

Diese Sprunghaftigkeit kann Nils Strunk durchaus nachvollziehen. Er spielt jetzt Don Karlos unter der Regie von Martin Kušej am Residenztheater – und vergleicht seine Figur mit Shakespeares Romeo, der seine Freundin, die schöne Rosalinde, in Sekundenschnelle vergisst, als er Julia sieht. „Man kennt das ja“, so Strunk, „du verliebst dich in jemanden, und wenn dieses Gefühl erwidert wird, kann es sein, dass man das Interesse verliert.“

Als „Emotionsbündel“ hätte er zu Beginn der Proben den Don Karlos gemeinsam mit der Regie angelegt, aber erlebte dann die Wechselhaftigkeit solcher Anweisungen: „Vor ein paar Tagen hat Martin zu mir gesagt, brems’ dich ein: Don Karlos ist nicht nur ein Emotionsbündel. Ich war konsterniert, verstand aber, dass das zum Probenprozess gehört. Am Anfang musste ich mit ganzem Herzen in die Emotionen reingehen, damit ich diese Amplituden erlebe. So kann ich jetzt die Gefühle glaubhaft deckeln und sie werden damit glaubhafter.“

Ach was, Leidenschaft! Hingabe!!!

Das Textlernen war für ihn weitgehend Wiederholungsarbeit, hatte er doch schon im Herbst 2016 den Don Karlos am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden unter der Regie des dortigen Intendanten Uwe Eric Laufenberg gespielt. „Es ist jetzt natürlich einiges anders: die Regie, die Kollegen, die Textfassung. Bei den Proben gingen manche Gedanken bei mir weiter im Kopf, weil wir in Wiesbaden an anderen Stellen gekürzt haben. Don Karlos ist jetzt, würde ich sagen, ein wenig aggressiver, im ursprünglichen Wortsinn von ,aggredi’: auf etwas zugehen. Er ist in seinem Handeln direkter, klarer.“

Von Leidenschaft möchte Nils Strunk dabei nicht unbedingt sprechen. „Jeder Fernsehkoch kocht heute mit Leidenschaft. Ich finde ‚Hingabe’ passender. Leidenschaft impliziert Leiden, was dich eher bremst. Wer will schon leiden. Don Karlos gibt sich wirklich hin, da folge ich Schiller gerne.“

Wofür Karlos die inneren Leinen loslässt, verändert sich im Laufe des Stücks. Zu Beginn bittet ihn sein Jugendfreund, der Marquis von Posa, in die Provinz Flandern zu gehen, um dort Statthalter zu werden und die kurz vor der Rebellion stehenden protestantischen Niederländer mit politischem Geschick zu besänftigen. Erst später rückt diese Aufgabe wieder in den Vordergrund.

„Ich habe mich immer gefragt, worin sich Liebe und Politik überschneiden“, sagt Nils Strunk. „Ich denke, es liegt im Kämpfen. Karlos sagt einmal: Dreiundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit getan! Als Elisabeth sich ihm öffnet, ist der Kampf vorbei. Plötzlich interessiert ihn Flandern wieder. Im Grunde will er vor allem Macht über sich selbst gewinnen. Dazu muss er aber seinen Vater überwinden.“

Im Wust der Intrigen

Strunk hat mehrere Gegenparts in der Inszenierung, spielt zwar die Titelfigur, aber Schiller verteilt das dramatische Gewicht auf mehrere Hauptrollen. Nachdem Don Karlos in den ersten zwei Akten die Szenerie dominiert, rückt sein Vater, der König von Spanien, gespielt von Thomas Loibl, in den Fokus. Noch später übernimmt Franz Pätzold als Marquis von Posa das Heft: ein idealistischer Freidenker, der ähnlich wie die anderen für die Durchsetzung seiner Ziele zu unlauteren Mitteln greift.

Im Wust der Intrigen geht einiges schief, geheime Briefe erreichen den falschen Adressaten, die Missverständnisse häufen sich. So hat Schillers Stück auch komödiantische Momente, aber es wird doch vor allem Endzeitstimmung auf der Resi-Bühne herrschen. „Martin Kušej interessieren vor allem die Abgründe. Es gibt wenig Licht, viel Dunkelheit. Es geht in die Tiefe der Menschen.“

Mit dem Resi-Intendanten hat Nils Strunk schon bei „Phädras Nacht“ zusammengearbeitet – seine erste Arbeit als Ensemblemitglied am Staatsschauspiel. Zuvor hatte er zwei Jahre lang sein erstes Engagement in Wiesbaden. Sein Handwerk lernte er an der Berliner Ernst Busch Schule – und engagierte sich politisch, als es darum ging, dass die Sanierung der Schule auf der Kippe stand. Im Internet findet sich eine Rede, mit der er beim Berliner Theatertreffen 2012 gegen die Kulturpolitik der regierenden Berliner SPD protestierte.

Wahlwerbung für Martin Schulz

Ebenfalls im Netz findet sich ein Video von 2017, in dem Strunk gemeinsam mit Musikerkollegen Wahlwerbung für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz macht. So können sich die Allianzen ändern. „Ich habe Martin Schulz während des Wahlkampfs kennengelernt. Klar, er hat einige Fehler gemacht, war schlecht beraten. Aber er hat mich begeistert, weil er begeisterungsfähig war.“ Schon als Kind war Strunk an Politik interessiert, mit 13 Jahren demonstrierte er für die Antifa. Das Erste jedoch, was er, ja, mit Hingabe verfolgte, war die Musik. Er lernte früh Gitarre, Klavier und Schlagzeug spielen, hatte gar Didgeridoo-Unterricht. Fürs Theater hat er Stücke komponiert, in Genets „Der Balkon“ im Marstall ist er eine Art Bandleader.

Ein Musikprojekt verfolgt er derzeit mit dem Musiker Sebastian Fuchs. In „Glitzer!“ beschäftigen sie sich mit jener Kunstform, in der die Gefühle noch überschwappen dürfen: dem deutschen Schlager. Zwanzig eigene Lieder hätten sie bereits in ihrem Repertoire, so Strunk. „Der Abend ist eine Art Open Lecture mit Musik. Wir spielen unsere Songs und erklären, wie wir darauf gekommen sind.“

Um Pathos und Kitsch ginge es, auch um Ironie. „Aber die Reise geht immer automatisch von der Ironie in den Ernst. Die Songs sollen so gut wie möglich sein, da steckt viel Liebe drin. Der Schlager wird oft belächelt, aber so ein Lied wie ,Atemlos‘ von Helene Fischer musst du erstmal schreiben.“

Auf seinem Handy hat Strunk ein paar eigene Songs gespeichert. Eine Kostprobe: „Heute Nacht seh’ ich, hör’ ich, fühl’ ich nur noch dich. Deine Lippen, deine Augen, deine Haut. Heute Nacht, bis der Morgen graut.“ Klingt nicht ganz nach Schiller. Aber ein bisschen Sturm und Drang ist schon dabei. 

Residenztheater, Premiere am Donnerstag, 19 Uhr, Karten unter Telefon 21 85 19 40

 

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