Rathaus Experten ermitteln den Wert der Nürnberger Kunstschätze

Erst seit einigen Jahren ist klar, dass dieses Gemälde im Germanischen Nationalmuseum ein echter Rembrandt ist. Das Bild, das in den Jahren 1629/ 1630 gemalt wurde, ist im Besitz der Stadt Nürnberg. Als Dauerleihgabe ist das auf 15 bis 25 Millionen Euro geschätzte Kunstwerk in der Meistergalerie zu sehen. Foto: dpa

Große Inventur in allen Museen, Amtsstuben und Depots: Etwa 100.000 historische Gegenstände gehören der Stadt. Die Stadtbibliothek „entdeckte“ schon Stücke für 4,3 Millionen in ihren Beständen

 

NÜRNBERG Dürers weltberühmte Kaiserbilder gehören auf jeden Fall dazu, das lange verkannte Selbstbildnis Rembrandts und der Sebastian-Altar von Hans Baldung Grien auch. Etwa 100.000 Kunstgegenstände besitzt die Stadt Nürnberg. Die wertvollsten sind in Museen ausgestellt. Andere hängen in Büros und Amtsstuben. Viele schlummern in Depots vor sich hin. 674 Millionen Euro soll der städtische Kunstschatz wert sein. Oder doch viel mehr? Das soll eine städtische Experten-Kommission ermitteln. Die Inventur dauert nun schon Jahre. Ein Ergebnis liegt aber noch nicht vor...

Dass es sich lohnen kann, die Kunstgegenstände genau unter die Lupe zu nehmen, zeigt das Beispiel Stadtbibliothek. Die hat ihre Bestände an wertvollen Büchern und Handschriften bereits neu bewertet. Dabei kam heraus, dass die wertvollen Stücke um 4,3Millionen Euro zu niedrig angesetzt wurden. Jetzt steht der Bücherschatz mit 150,4 Millionen Euro im Jahresabschluss auf der Habenseite!

Sehr zur Freude von Kämmerer Harald Riedel (SPD): „Je mehr Eigenkapital wir in der Bilanz stehen haben, desto besser ist es.“ Seit die Stadt Nürnberg vor vier Jahren die kaufmännische Buchführung eingeführt hat, wird auch das städtische Vermögen bewertet: die 16.000 kommunalen Grundstücke genauso wie die 1200 städtischen Gebäude – und die silbernen Serviettenringe im Museum Tucherschloss.

Ein Verkauf der Stücke zur Sanierung des Etats ist nicht geplant

„Weil wir eine der ersten Kommunen waren, die diese moderne Buchführung eingeführt haben, gab es damals noch keine so exakten Regeln“, erläutert Riedel. Städte, die später aufs neue System umstellten, hätten vergleichsweise höhere Werte in ihrer Bilanz stehen. Deshalb müssen die Nürnberger jetzt ihre Kunstgegenstände erneut unter die Lupe nehmen. Riedel: „Wir brauchen belastbare Werte für unsere Bilanz!“

Die Experten orientieren sich dabei am Kunstmarkt und den Versicherungssummen, die bei Ausstellungen bezahlt werden müssten. Doch für Matthias Henkel, den Chef der städtischen Museen, steht die Bewertung in Euro und Cent jedoch nicht so sehr im Vordergrund. „Eine solche Inventur war längst einmal fällig. Dabei können wir nun auch die Biografie der Werke nachvollziehen!“

Das setzt intensive Aktenrecherche voraus. Denn seit seiner Gründung 1852 war das Germanische Nationalmuseum (GNM) „die Stelle, wo die Stadt Nürnberg ihre Kunst abgegeben hat“, so Henkel. Erst seit 1951 gibt es städtische Museen mit eigenen Sammlungen. Die Kunstwerke im Eigentum der Stadt sind dem Germanischen als Dauerleihgaben geblieben. Dort sollen sie auch bleiben.

Allerdings soll ihr Wert die städtische Bilanz aufhübschen. Denn je mehr Eigenkapital die Stadt hat, desto höher ist ihre Kreditwürdigkeit. Und desto weniger müsste sie auf den Märkten an Finanzierungskosten zahlen, erläutert Riedel. Denn auch die Bonität von Kommunen soll bald von Rating-Agenturen eingestuft werden.

Die Neubewertung der Kunst sei solides Wirtschaften und habe „nichts mit kreativer Buchführung zu tun“, versichert Riedel. Auch versilbern will er den Kunstschatz nicht. Anders, als es sein Amtsvorgänger Wolfgang Köhler (CSU) einmal angedacht hatte. Obwohl die Stadt Nürnberg dann mit einem Schlag fast zwei Drittel ihrer Schulden von gut 1,1 Milliarden Euro los wäre. Riedel: „Ein Verkauf von Kunstwerken ist nicht geplant.“

Michael Reiner

 

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