Protest gegen Spahn-Maßnahmen Teufelskreis Pflege: Weniger Personal macht mehr Fehler

Laura Hornsteiner (l.), Paula Gundi (r.) und einige Mitstreiter vor dem Schwabinger Krankenhaus. Sie protestieren gegen die von Gesundheitsminister Spahn festgelegten Personaluntergrenzen für Pflegekräfte. Foto: Julia Sextl

Protest vor dem Schwabinger Krankenhaus in München Das Maßnahmenpaket von Gesundheitsminister Spahn reiche nicht aus, um die Situation zu verbessern, heißt es.

 

München - Eine Mogelpackung – so nennen die Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte, Patientenberater und Gewerkschafter, die am Donnerstag vor dem Schwabinger Krankenhaus protestiert haben, die Maßnahmen und Pläne in Sachen Pflege von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

"Es gibt nach wie vor kein Gesetz, dass die Untergrenzen bei der Personalausstattung wirklich regelt", sagt etwa Peter Friemelt. Er ist im Gesundheitsladen München als Patientenberater tätig und bekommt viele der Probleme in Krankenhäusern hautnah mit – aus Sicht der Patienten.

Reduziertes Pflege-Personal und die Folgen

Eines davon: das reduzierte Pflegepersonal auf den Stationen. Seit 2013 das Vergütungssystem für Krankenhäuser auf Fallpauschalen umgestellt worden ist (Kliniken werden pro Fall bezahlt, unabhängig davon, wie kurz oder lang ein Patient im Krankenhaus bleibt), sei die Anzahl der Pflegekräfte sukzessive weniger geworden, berichtet auch Ingrid Seyfarth-Metzger.

Die Anästhesistin ist Mitglied im Seniorenbeirat in München, war lange Zeit im Krankenhaus tätig und kennt die Situation vor und nach der Umstellung. "Aber ich hatte nicht erwartet, dass es solche Auswirkungen hat", sagt sie. Doch diese seien enorm: "Zum Beispiel gibt es immer wieder Fälle, in denen private Kliniken pflegebedürftige Senioren gar nicht erst aufnehmen", sagt Seyfarth-Metzger.

Der Grund: Sie sind meist sehr betreuungsaufwendig – und damit nicht kostengünstig. Waschen oder Füttern, das braucht halt seine Zeit. Teils müssten die Rettungsdienste über eine halbe Stunde herumtelefonieren, bis sie einen Platz für solche Patienten finden, sagt Seyfarth-Metzger. Selbst wenn es sich dabei um einen Notfall handele wie etwa eine Lungenentzündung.

Volksbegehren "Stoppt den Pflegenotstand"

Das Problem ist der Politik bekannt: 2018 hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Verordnung für Untergrenzen beim Pflegepersonal in Kraft gesetzt. Zudem arbeitet die Regierung seit Sommer 2018 mit der "Konzertierten Aktion Pflege" an einer Weiterentwicklung. "Dafür, dass die Missstände so gravierend sind, passiert allerdings sehr wenig", sagt Seyfarth-Metzger.

Die Ärztin engagiert sich deshalb für das Volksbegehren "Stoppt den Pflegenotstand" in Bayern. Es fordert einen bayernweit verbindlichen Personalschlüssel für Pfleger und Schwestern ein – der deutlich über die Regelungen des Bundes hinausgeht. Ob dies überhaupt möglich ist, wird demnächst das Verfassungsgericht entscheiden.

Dabei drängt die Zeit, bekräftigten die Aktivisten des Volksbegehrens am Donnerstag bei ihrer Protestaktion. "In der Bevölkerung denken viele, die Untergrenzen fürs Pflegepersonal sind jetzt eine gute Regelung", sagt etwa Gewerkschafter Wim Windisch. "Aber die sollen ja nur die absoluten Notfälle verhindern."

Pflege: Viele steigen aus dem Beruf aus

Diese Verordnung sei nur eine "Beruhigungspille" für die Bevölkerung, sagt Patientenberater Peter Friemelt. Dabei bewirke sie teils genau das Gegenteil. Der Grund: Die bundesweit verbindlichen Untergrenzen gelten nur für vier Bereiche (Intensivstation, Geriatrie, Unfallchirurgie und Kardiologie) und müssen nur im Schnitt pro Monat eingehalten werden. Und teils würde dann Personal von anderen Stationen ohne Personalschlüssel abgezogen, so Friemelt.

Und genau hier beginnt der Teufelskreis: Weniger Personal bedeutet meist gestresstes Personal. "Und gestressten Pflegern können natürlich auch mehr Fehler passieren, das ist klar", sagt etwa Krankenschwester Laura Hornsteiner. Viele ihrer Kollegen stiegen aufgrund der Arbeitsbelastung aus dem Beruf wieder aus.

"Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei nur 7,5 Jahren", sagt die 25-Jährige. "Aus meinem Ausbildungsjahrgang zum Beispiel sind von 30 Leuten nur noch sechs aktiv in dem Beruf." Auch sie ist für die Gesundheitsbranche bald verloren: "Der Klinik-Alltag ist schon ziemlich abschreckend. Ich studiere jetzt Informatik."

Lesen Sie hier: Pflege in München - Unterwegs mit dem Ambulanten Pflegedienst

 

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