Programm trotzt Corona CSD-Samstag in München: Politisch wie nie

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
MunichKyivQueer demonstriert im Rahmen des Christopher Street Day (CSD) am Marienplatz. Wegen Corona demonstrieren und feiern Kleingruppen 2020 unter dem Motto "Gegen Hass. Bunt, gemeinsam, stark!" Foto: Lino Mirgeler/dpa

Politischer Protest in Zeiten von Corona: Mit einem Livestream und zahlreichen kleinen Kundgebungen demonstrieren Menschen beim Christopher Street Day (CSD) in München.

 

München – Der Christopher Street Day (CSD) war in diesem Jahr politisch wie nie. Nicht das Quietschbunte, Schrille stand im Vordergrund, sondern die vielen Themen, die queere Menschen in unserer Stadt umtreiben.

Diese Themen haben etwa 50 Gruppen in Kleinstdemos auf die Straße getragen. Wer am Samstag in der Innenstadt unterwegs war, traf da nicht nur politische Parteien in Regenbogenfarben, sondern auch Unternehmen und viele Organisationen und Vereine, die sich für LGBTI* (Lesben, Schwule, bi, trans* und inter* Menschen) einsetzen.

Derweil waren ab 12 Uhr bis spät in die Nacht auf www.csdmuenchen.de in einem Livestream Diskussionen, Gespräche und ja, natürlich auch Dragqueens und grell geschminkte Musiker zu sehen.

CSD 2020: Munich Kyiv Queer

An vielen Orten auf der Welt leiden LGBTI* unter Entrechtung, Verfolgung und Übergriffen. Die Kontaktgruppe Munich Kyiv Queer setzt sich speziell für queere Menschen in der Ukraine ein. 2013 fuhr erstmals eine Delegation aus München zur Prideweek nach Kiew. "Damals waren etwa 100 Menschen unter starkem Polizeischutz auf dem CSD. Im vergangenen Jahr waren wir 8.000 bis 10.000 Menschen in Kiew“, sagt Stefan Block.

In diesem Jahr musste auch in Kiew der CSD ausfallen, aber wie in München fanden Aktionen im Internet statt. Doch der Austausch der Partnerstädte beschränkt sich nicht nur auf den CSD: "Wir besuchen uns auch unterm Jahr, machen Chormusik zusammen, Theaterprojekte oder Ausstellungen", sagt Block.

CSD 2020: Letra – Beratungsstelle des Lesbentelefons 

Ihre Kinder mussten Nakku und Olivia in Uganda zurücklassen. Wie so viele lesbische Frauen, sind aus dem Land geflohen, in dem lesbische Frauen verfolgt, verprügelt und vergewaltigt werden. "Ich kann es nicht glauben, dass die deutschen Behörden daran zweifeln, dass eine Frau lesbisch ist, weil sie verheiratet ist und Kinder hat. In Uganda werden wir zwangsverheiratet. Und auch lesbische Frauen wünschen sich Kinder", sagt Nakku, die vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen ist.

Wer sich mit den Frauen unterhält, die auf dem Marienplatz für ein Bleiberecht für Geflüchtete demonstrieren, der kann ihre große Verzweiflung darüber spüren, dass Freundinnen im Kirchenasyl ausharren müssen oder jeden Moment mit ihrer Abschiebung in ein Land rechnen, in dem sie als Lesben Freiwild sind. Und: "Nicht jede hat die Möglichkeit das Land zu verlassen, viele Frauen leiden noch in unserer Heimat und auch uns ist das nicht leichtgefallen, weil wir die zurücklassen mussten, die wir lieben", sagt Olivia.

CSD 2020: Diversity at school

Wann hast du dich geoutet? Wie haben die Leute in der Schule reagiert? Was hat deine Familie gesagt? Das sind typische Fragen, die der Student Marius Weiß (24) von Schülern gestellt bekommt. Er ist Teil des Projekts "Diversity at school".

Die Ehrenamtler waren im vergangenen Jahr in etwa 200 Klassen, um die Schüler in Workshops über queeres Leben zu informieren, mit ihnen zu diskutieren und ihre Fragen zu beantworten. "Uns geht es darum, Akzeptanz zu schaffen. Wenn aufgeklärt wird, nimmt die Diskriminierung ab", sagt Weiß.

CSD 2020: Lesbensalon

Felicitas (54) und ihre Mitstreiterinnen sind solche Frauen, vor denen sich manche fürchten – und die man sich zum Vorbild nehmen sollte. Denn oft seit Jahrzehnten kämpfen die feministischen Frauen vom Lesbensalon für Frauenrechte, für die Rechte von queeren Menschen und für die Sichtbarkeit von Lesben - besonders im Alter. "Wir sind zwischen 54 und 90 Jahre alt und unser Thema ist das bunte Alter", sagt Felicitas.

Sie können von Zeiten erzählen, als "Lesbe" noch ein Schimpfwort war und die Frauenbewegung der 1960er sich bewusst entschieden hat, sich diesen Begriff zurückzuholen und positiv zu besetzten. Die Frauen vom Lesbensalon nennen sich selbst mit einem Augenzwinkern Sapphos, auch so ein alter Begriff für eine Frauenliebende. Das kommt von der antiken Dichterin Sappho, die auf Lesbos gelebt und gewirkt hat.

CSD 2020: NY.Club

Seit 30 Jahren ist der NY.Club nicht nur ein Ort zum Tanzen und Knutschen, sondern auch ein Schutzraum. Waren hier früher die Schwulen noch unter sich, hat sich der Club mittlerweile geöffnet "für alle, die gerne mit Menschen feiern", wie es Markus Wittig unter einer Discokugel in der Sendlinger Straße stehend so schön sagt.

Doch auch der NY.Club leidet massiv unter Corona. "Wir Clubs waren die ersten, die schließen mussten und werden die letzten sein, die öffnen dürfen", sagt Wittig. Die Altersvorsorge, die Chef Ken Koch derzeit in den Club pumpt, reicht noch bis Ende des Jahres. "Dann schaut es düster aus", sagt Wittig. Im Livestream am Samstagabend konnten die Fans des legendären Clubs wenigsten ein Stünderl ein NY-Gefühl haben, denn live aus dem Club wurde ein DJ-Set gespielt.

CSD 2020: Münchner Löwen Club MLC

Leder, Rubber, Sportswear, Handwerker, Hündchen: Bei den Münchner Löwen darf jeder seinen Fetisch leben. Nur: "Wir leiden natürlich extrem unter den Einschränkungen, weil unser Clubhaus seit dem Lockdown geschlossen ist", sagt Petplayer Alpha.


"Wir haben hier natürlich eine sexuelle Botschaft, aber mit Anstand", sagt Eddy, der Leder trägt. "Beim Fetisch geht es ja ums angezogen sein." Die Menschen in der Sendlinger Straße haben auf jeden Fall viele Fragen und die Hemmschwelle ist auch gleich niedriger, weil Alpha gar so ein lieber Hund ist.

CSD 2020: S'AG – Safety-Aktionsgruppe

Wenn nicht gerade eine Pandamie die Welt im Griff hat, ziehen die Ehrenamtler von der Safety-Aktionsgruppe durch die schwulen Bars und Clubs. "Wenn du Leute was getrunken haben und lockerer werden, dann trauen sie sich, auch Fragen zu stellen", sagt einer der Ehrenamtler.

Um drei Hauptthemen geht's den Herren mit den sehr blauen Jacken: Kondome, Prep – also Vorsorge vor einer möglichen HIV-Infektion – und Therapie bei einer Infektion. Solange sie ihre Kondome und Kaubonbons nicht im Münchner Nachtleben verteilen können, tanzen sie gutgelaunt in der Fußgängerzone. 

Lesen Sie hier: Was die queere Community in München fordert

11 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading