Premiere in der Schauburg Jan Friedrich über "Frühlings Erwachen"

"Frühlings Erwachen" in der Schauburg. Foto: Judith Buss

Warum die Schauspieler in der Schauburg bei Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ lauter Masken tragen

Frank Wedekind schrieb das Werk 1891 in München, aber seine Uraufführung fand erst 1906 unter der Regie von Max Reinhardt in Berlin statt. Allzu explizit hatte sich der Schriftsteller und Kabarettist nach Auffassung seiner Zeitgenossen über die Repressivität der wilhelminischen Gesellschaft im Allgemeinen und das Liebesleben ihrer heranreifenden Jugend im Besonderen geäußert. „Frühlings Erwachen“ ist längst ein moderner Klassiker und Schullektüre. Jetzt wird es an der Schauburg für die Betroffenen ab 14 Jahren aufgeführt. Vor der heutigen Premiere sprach die AZ mit dem Regisseur und Figurentheaterspieler Jan Friedrich.

AZ: Herr Friedrich, wann haben Sie sich entschlossen, Puppenspiel zu studieren?
JAN FRIEDRICH: Ich habe schon in meiner Jugend in Halle Theater gespielt. Dort gibt es auch ein bekanntes Puppentheater mit Abendspielplan. Deshalb war mir das Puppentheater nicht fremd. Eine Bekannte, die an der Ernst-Busch-Schule studierte, erzählte mir dann, dass die Abteilung für Puppenspiel noch Bewerber sucht. Ich habe vorgesprochen, wurde genommen und bin froh, nicht Regie studiert zu haben.

Warum das?
Zum einen merkt man meinen Inszenierungen den Hang zu anderen Formen an. Zum anderen ist es eine tolle Spielerausbildung. Ich habe das Gefühl, dass mir das bei der Regie sehr hilft. Durch diese Ausbildung finde ich eine gemeinsame Sprache mit den Schauspielern.

Vor einigen Tagen hatte Nikolaus Habjan im Marstall Premiere mit der Marivaux-Komödie „Der Streit“ als Figurentheater und das Publikum war hingerissen. Könnte das ein neuer Trend sein?
Ich sehe die formelleren Ansätze im Moment generell als Trend. Man braucht sich nur ansehen, was in den letzten Jahren zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde: Susanne Kennedy und Ersan Mondtag arbeiten formell, Claudia Bauer war im letzten Jahr eingeladen. Das sind alles Regisseure, die sich gerne Masken oder dem Maskenhaften bedienen.

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Was bedeutet das Puppentheater für Ihre Inszenierung von „Frühlings Erwachen“?
Wir machen hier kein Puppenspiel, sondern Maskentheater. Die Grundsetzung ist, dass alle Jugendliche sich zunächst als Kinderpuppen bewegen. Es ist also kein Puppentheater als solches, sondern die Schauspieler spielen Puppen. Das geht in das reine Schauspiel über, wenn die Masken fallen. Das passiert an den Stellen, wo die Triebe und die Natur zum Tragen kommen. Durch die Verfremdung wird es möglich, alle Themen, die einem heute veraltet vorkommen, tragbar zu machen. Mit den Babymasken werden die Dialoge der Jugendlichen darüber, dass sie nicht aufgeklärt wurden, wieder nachvollziehbar und sinnlich.

Zur Uraufführung galt das Stück als Pornografie. Was können Sie den Kids damit von heute erzählen?
Es hat sich viel geändert, aber ich würde trotzdem nicht sagen, dass die Jugendlichen heute einen besseren oder gesünderen Zugang zu ihrer Sexualität haben. Die Pornografie, die es heute gibt, verfremdet auch das Verhältnis zur eigenen Sexualität extrem. Bevor Jugendliche eigene Erfahrungen machen konnten, haben sie schon Bilder von Pornos im Kopf, die irgendwo kursieren. Auch, wenn sie alle aufgeklärt sind, sind sie ihrer eigenen, natürlichen Sexualität genau so fern wie damals.

Frank Wedekind bezeichnete das Stück als „Kindertragödie“. Zur Tragödie im klassischen Verständnis gehört eine schuldhafte Verstrickung der Handelnden. Welche Schuld haben diese Kinder auf sich geladen?
Gar keine. Es ist die Elterngeneration, die Dinge verschuldet, wodurch die Kinder sich in Schuld verstricken. Sie sind unschuldig, unwissend, naiv, und wo sie um Hilfe bitten, werden sie nicht erhört.

An den Inszenierungen von „Frühlings Erwachen“, die der Uraufführung folgten, beklagte Wedekind den schulmeisterlichen Mangel an Humor.
Auch mein Eindruck ist, dass Wedekind vor allem die Erwachsenenfiguren sehr karikaturistisch geschrieben hat, was häufig übergangen wird. Die Lehrergestalten und die Eltern sind Karikaturen. Wedekind verträgt sich mit dem Maskentheater gut, weil es eben diese Überhöhung, auch diesen Humor, den er sich wünschte, mit sich bringt. Es ist nicht unlustig, was wir hier machen.

Schauburg, Elisabethplatz, Premiere 19. Januar, 20 Uhr in der Großen Burg,, weitere Vorstellungen 20. Januar, 20 Uhr, 22. Januar, 11 Uhr, 4. Februar, 18 Uhr, Karten unter Telefon 23337155

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