Stadtteilhistoriker Klaus Mai im Porträt "Die größte Leistung des Münchner Nordens ist die gelungene Integration"

, aktualisiert am 14.06.2016 - 15:13 Uhr
Klaus Mai mit seiner Lebensgefährtin Gerlinde vor dem „Gebückten Pferd“. Das Kunstwerk steht vor dem Kulturzentrum 2411, für das sich der Stadtteilhistoriker eingesetzt hat. Foto: Daniel von Loeper

Klaus Mai (SPD) ist Stadtteilhistoriker und forscht auch zum KZ-Außenlager Dachau-Allach. Nahe der Kristallsiedlung in Ludwigsfeld brachte er jetzt Grabungen zur NS-Zeit in Gang.

Hasenbergl - Das Hasenbergl ist seine Heimat: „Ich wohne im Park. Das sage ich immer. Denn wir haben hier gute Luft, kaum Verkehrslärm und tolle Freizeitreviere“, lobt Klaus Mai seinen unterschätzten Stadtteil.

Der Stadtteilpolitiker von der SPD, ist im Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl für die Kultur und das Budget zuständig.

Klaus Mai verblüfft mit seinem Wissen über die Geschichte des Stadtteils – der frühere Lehrer ist Experte für die Spuren des Zweiten Weltkriegs im Münchner Norden.

Er bietet Radtouren auf Spuren des NS-Regimes an und hält Vorträge im Karlsfelder Heimatmuseum, in der VHS, der KZ-Gedenkstätte Dachau und im NS-Dokumentationszentrum.

Den 64-Jährigen treibt das Schicksal seines Vaters: 1943 war Walter Mai, junger Wehrmachtsoldat in Leipzig, in einer „Sonderaktion Wehrmacht“ wegen hitlerfeindlicher Äußerungen verhaftet worden.

Er kam nach Dachau. „Mein Vater leistete im KZ Zwangsarbeit. Ärzte machten Malariaversuche an ihm und infizierten ihn mit Wundbrand. Nach dem Krieg brauchte er deshalb eine Hautransplantation am Bein“, erzählt sein Sohn.

Nach der Befreiung blieb der Vater in München, zieht mit seiner Frau und vier Kindern in eine Sozialwohnung im Hasenbergl .

Mit 60 200 Einwohnern ist der Bezirk Feldmoching-Hasenbergl der zweitgrößte in München. Seit acht Jahren arbeitet Klaus für die SPD im BA 24. Zuletzt hat er für den Bau des neuen Kulturzentrums 2411 an der Blodigstraße getrommelt.

Die große Volkshochschule darin ist sein zweites Zuhause. Einmal in der Woche kommt er vorbei. „Was brauchen die im Hasenbergl Kultur? Da leben doch eh nur Ausländer – gegen dieses blödsinnige Vorurteil habe ich gekämpft“, sagt Mai: „Und jetzt haben wir hier die zweitgrößte Münchner Stadtbibliothek mit den zweitmeisten Ausleihen!“, freut er sich.

Die Arbeit im Bezirksausschuss hält er entschieden hoch: „Der BA ist kein besonders wichtiges Gremium. Aber sie können den Bürgern mit ihren Problemen im Viertel nicht mit Phrasen antworten, wie anderswo in der Politik. Es geht im Stadtteilparlament um Lösungen und um ein gutes Zusammenleben.“

Klaus Mai mag, dass die Leute im Hasenbergl ehrlich sind. Viele Vertriebene aus dem Sudentenland, Schlesien und dem Banat haben nach dem Krieg im Viertel Fuß gefasst: „Die größte Leistung des Münchner Nordens ist die gelungene Integration von so unterschiedlichen Menschen. In meinem Haus wohnen zum Beispiel eine Apothekenhelferin aus dem Irak und ein Hausmeister aus Kroatien. Die Stimmung ist sehr familiär.“

Erst seit fünf Jahren, seit seiner Pensionierung vom Lehrerberuf, hat Klaus Mai Zeit für seine Geschichtsforschung. Die Verfolgung von sieben Familienangehörigen im KZ lässt ihn nicht los. Zwei Großonkel, politische Häftlinge – einer war Kommunist – wurden im KZ ermordet.

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Klaus Mai nimmt vor allem das fast vergessenen Außenlager des KZ Dachau unter die Lupe: Das KZ-Außenlager Dachau-Allach in Ludwigsfeld, wo ab Februar 1943 KZ-Häftlinge aus über 13 Nationen für BMW Flugmotoren herstellen.

Der Stadtteil-Historiker studiert Luftbildaufnahmen der Alliierten, er liest die Berichte von Überlebenden und stöbert in Bundes-, Landes- und Privat-Archiven: Dem Kriegsarchiv in Freiburg und dem Bayerischen Staatsarchiv in München in der Schönfeldstraße.

An der Granatstraße In Ludwigsfeld, vermutet der Experte auf dem Gelände des früheren OT-Lagers Allach-Karlsfeld noch Massengräber mit NS-Opfern: „Tote KZ-Häftlinge, die bei Kriegsende hier eilig verscharrt wurden oder nach der Befreiung an Schwäche und an Seuchen starben“, erklärt Mai.

Auf seine Initiative hin hat das Landesamt für Denkmalschutz jetzt hier mit archäologischen Grabungen begonnen - nahe der sogenannten „Kristallsiedlung“ in Ludwigsfeld, wo über 3000 Münchner leben.

Circa 100 Meter von der Grabungsstelle entfernt, steht die letzte erhaltene Lager-Baracke. Ab Herbst soll sie denkmalgerecht saniert werden, damit der TSV Ludwigsfeld sie weiter für seine Fußballer nutzen kann.

Klaus Mai findet das uneingeschränkt positiv: „Ein ehemaliger Häftling hat mir gesagt, es gäbe keine bessere Nutzung für diese alte KZ-Baracke, als für die Jugend“.

Daneben steht ein ehemaliges Kino von 1950. Das Gebäude wird nicht genutzt, steht aber unter Denkmalschutz. Klaus Mais Vorschlag: „Ich fände es passend, wenn BMW darin für seine jungen Ingenieure eine Ausstellung über das dunkelste Kapitel seiner Firmengeschichte einrichtet.“

Zwangsarbeit, Leichenberge, archäologische Grabungen: „Du sag einmal Klaus, meinst du wirklich, dass das alles notwendig ist?“, fragen ihn manchmal seine Vereinskollegen vom Kulturhistorischen Verein Feldmoching.

Aber der 64-Jährige ist ausdauernd in seinem Forscherdrang. Zweiflern antwortet er lakonisch: „Im Rückblick tendieren die Menschen dazu, Grausames zu verharmlosen. Das ist einfach so. Die Wirklichkeit wird immer unterschätzt.“

Seine fünf Ausstellungen zu NS-Stätten in München haben Staub aufgewirbelt - die ersten Ergebnisse der Ludwigsfelder Grabung stehen jetzt aus.

 

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