Polizistin in Kopf geschossen Die 23 Horror-Sekunden von Unterföhring

Der Beschuldigte Alexander B. vor Gericht. Foto: jot

Überwachungskameras haben aufgezeichnet, wie Alexander B. einem Polizisten die Waffe entreißt und damit auf eine Polizistin schießt. So lief der Tag vor Gericht.

München - Es sind verstörende Bilder, die da auf die Leinwand im Stadelheimer Gerichtssaal projiziert werden: Eine Polizistin und der Mann, der ihrem Kollegen gerade die Dienstwaffe entrissen hat, stehen sich nur wenige Meter voneinander getrennt Auge in Auge gegenüber. Beide haben ihre Pistole im Anschlag. Der Mann schießt. Die Polizistin Jessica L. wird am Kopf getroffen und fällt sofort nach hinten um.

Doch die erschreckende, Angst einflößende Szene ist keinem Tatort-Autor eingefallen, sondern die grausame Realität des 13. Juni 2017 auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Unterföhring. Aufgezeichnet gegen 8:30 Uhr von den Überwachungskameras, zusammengeschnitten von den Ermittlern. Es sind genau 23 Sekunden, die zwischen dem Entreißen der Waffe in einem Gerangel und dem Schuss auf die Polizistin liegen. Jessica L. überlebt, aber ihr musste ein Teil des Gehirns entfernt werden. Sie liegt im Koma und wird wohl ein Pflegefall bleiben.

Alexander B. hat geschossen  - und soll in die Psychiatrie

Die Bilder sind eindeutig. Alexander B. (38) hat geschossen. Aber er ist wohl nicht schuldfähig. Ein Gutachter hat bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Deswegen hat ihn die Staatsanwaltschaft nicht wegen versuchten Mordes angeklagt, sondern seine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt.

Als der Antrag im Sicherungsverfahren verlesen wird, sitzt Alexander B. ruhig und ohne eine Miene zu verziehen zwischen Dolmetscherin und Anwalt Wilfried Eysell. Der in Starnberg geborene, aber seit 36 Jahren in den USA lebende Elektriker spricht Deutsch mit starkem Akzent.

Keine Aussagen zur Sache

Zur Sache will er nichts sagen. Über seinen Lebenslauf gibt er aber Auskunft. Mit seinen Eltern war er zunächst nach Kalifornien, später nach Colorado gezogen, arbeitete dort 20 Jahre als Elektriker. Doch im Jahre 2011 durchlebte Alexander B. eine schwere mentale Krise. Mit einem waffenähnlichen Gegenstand sei er damals auf die Straße gegangen – um sich von der Polizei erschießen zu lassen. Einen Tag später habe er versucht, sich zu erhängen.

Eine Woche habe er danach in einer psychiatrischen Klinik verbracht. Aber den Ursachen der Suizidversuche kamen die Ärzte damals nicht auf die Spur. Im Frühjahr des vergangenen Jahres war er auf Europareise. In Athen kamen ihm "schlechte Gedanken". Als er spürte, dass etwas mit ihm nicht stimmt, habe er einen Flug nach München gebucht, statt wie geplant nach Prag zu reisen. In Dachau und Schwabhausen leben Verwandte von ihm. Die wollte er um Hilfe bitten.

An dieser Stelle setzt die Erzählung eines weiteren Opfers des 38-Jährigen ein: Florian P. (39). Der Musiker war auf dem Weg zur Arbeit, stieg in Ismaning in die S-Bahn und widmete sich seinem Handy. "Aus dem Nichts bekam ich drei bis vier Schläge voll ins Gesicht", erinnert sich der 39-Jährige. Andere Fahrgäste kamen ihm zu Hilfe, eine Frau verständigte die Polizei. Am Bahnhof Unterföhring stiegen alle aus.

Das stark blutende Opfer wurde zum Rettungswagen gebracht und medizinisch versorgt. Derweil nahm am Bahnsteig das Drama seinen Lauf.

Nach 23 Sekunden liegt die Polizistin am Boden

Zwei inzwischen eingetroffene Streifenpolizsten nahmen den Vorfall auf. Plötzlich stürzte sich Alexander B. auf den schreibenden Beamten, stieß ihn zu Boden. Im Gerangel entriss der Angreifer dem Beamten die Dienstwaffe. 23 Sekunden später lag Jessica L. getroffen am Boden.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

 

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