Politik Piratenpartei in Bayern: Freibeuter im Freistaat

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Hier tagen Piraten. In der Neuhauser Kneipe "Wendlinger" versammeln sich Mitglieder und Sympathisanten der Partei zu einem Stammtisch. Rund 50 Münchner sind gekommen und diskutieren bei Bier und Hamburgern. Zwischendurch wird viel getwittert. Foto: Sigi Müller

Nach dem jüngsten Wahlerfolg sind die Piraten im Aufwind. Auch in Bayern setzen sie die Segel. Ein Abend an Bord.

 

MÜNCHEN - Mit so viel Andrang hatte der Kreisvorsitzende Holger van Lengerich nicht gerechnet. Schätzungsweise 20 bekannte und 30 neue Gesichter entdeckt er im Nebenraum des Wendlinger in Neuhausen. Ein orangenfarbener Wimpel auf dem zusammengeschobenen Tisch und einige Laptops und Tablet-Computer lassen erste Rückschlüsse darauf zu, wer sich hier zum Stammtisch trifft. Die Münchner Piraten können heute nicht jedem einen Sitzplatz anbieten, viele stehen an der Wand. Es riecht nach Hamburgern und Kässpatzen. Viele Neue haben sich an einem Tisch zusammengefunden. Schüchterne Kontaktaufnahme. Die meisten sind allein gekommen.

„Nachdem die Piraten in Berlin so erfolgreich waren, habe ich mir im Internet das Programm angeschaut. Die setzten sich für die Bürger ein“, sagt Tina H. Die 58-Jährige ist nach einem Schlaganfall arbeitslos und fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. Am Freitagabend ist sie das erste Mal bei einer politischen Partei.

Es ist vor allem laut beim Piratenstammtisch. Alte Freibeuter haben ihre Runninggags, die ruft man sich auch über mehrere zusammengeschobenen Tische zu. Der Fernseher von der Wahlparty letzte Woche steht auch noch. Bevor der offizielle Teil los geht, werden Grüße aus Berlin ausgerichtet. Der Landeschef hat getwittert.

Am Freitag feiern sich die Piraten nochmal selbst. Zeitungen in Mosambik, Korea und Griechenland haben über den Erfolg der Partei in Berlin berichtet. Die New York Times auch. „Die anderen Parteien schippern auf ihrem Traumschiff dem Sonnenuntergang entgegen“, formuliert es der Kreisvorsitzende überspitzt.

Politik gemacht wird an diesem Abend nicht. Die Neuen stellen sich vor, Holger van Lengerich merkt sich tapfer die Namen. Emotional wird über die Legalisierung von Cannabis diskutiert. Mit flapsigen Einwürfen der Alt-Piraten: „Kneipenschlägereien von Betrunkenen gibt es zu Hauf. Aber wer hat schon mal einen aggressiven Kiffer gesehen, außer er hat kein Gras mehr.“ Der junge Mann, der diesen Einwurf bringt, kifft laut eigener Aussage nicht. Er wollte den Bürgern wieder mehr Eigenverantwortung zurückgeben und die Konsumenten entkriminalisieren.

Wer zu emotional diskutiert, wird von den Alt-Piraten sanft in die Schranken gewiesen. Nachher sei noch Zeit, in „Kleingruppen“ weiterzudiskutieren. Man müsse weg vom Emotionalen, ein Thema von allen Seiten beleuchten und dann einen Programmantrag daraus machen, erklärt man ihnen.

Bei diesen modernen Cyberspace-Piraten spielt sich das alles im Internet ab. Über das so genannte Piratenpad arbeiten mehrere Parteimitglieder in Echtzeit zusammen an Programmanträgen oder Pressemitteilungen. Viele kennen sich nur aus dem Netz. Wenn’s mal brenzlig wird, wildern die Landesverbände auch mal in fremden Gewässern. Heuer waren die Münchner Piraten schon im benachbarten Ländle. Unterschriftensammeln, so dass die Piraten auch in Baden-Württemberg zur Wahl zugelassen werden. Und in Berlin waren sie viel. Einige haben sich Urlaub genommen für den Berliner Wahlkampf. Gelohnt hat es sich ja.

Deshalb werden später am Abend Sprüche geklopft. „Piraten, das ist ja ein kontrovers diskutierter Parteiname“, sagt Benjamin Ölke, dessen Gesicht man vom Wahlwerbespot 2009 kennt. „Vielleicht benennen wir uns in FDP um, der Name wird ja bald frei“. So schräg die Piraten sind, mit der Politik ist es ihnen ernst. Gefragt, was das denn mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auf sich hat, das die Piraten fordern, erklärt der 29-jährige Ölke: „Wir sind eine neue – so ungern ich das Wort mag – progressive Kraft. Deshalb ist es unsere Aufgabe, politische einiges in Frage zu stellen, dazwischen zu grätschen.“ Das mit dem Grundeinkommen sei eine Berliner Forderung. Hier in München sammeln die Piraten Unterschriften für ein Volksbegehren gegen Studiengebühren.

Tina H., die durch ihre Arbeitslosigkeit auf einmal viel Zeit hat, will sich jetzt mit einsetzten für frei zugängliche Bildung. In der ersten Semesterwoche will sie jeden Tag am Infotisch vor den Universitäten stehen. Eine Herzenssache für die ehemalige Vertriebsassistentin, die gleich zu Hause einen Mitgliedsantrag ausfüllen wird. Im Internet, natürlich.

 

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