Philosoph im AZ-Interview Eilenberger: "Hoeneß steht nicht für die Zukunft des Vereins"

Philosoph Wolfram Eilenberger (Mitte) über Uli Hoeneß (l.) und Freiburgs Trainer Christian Streich. Foto: firo/GES/augenklick, Michael Heck

Wolfram Eilenberger ist Philosoph, Fußball-Junkie und Bayern-Fan – und das als Freiburger. In der AZ spricht er über seine Leidenschaft, die Trainersuche bei Bayern und seine Sicht auf den Klub-Präsidenten.

 

Wolfram Eilenberger (45) hat mehrere Bücher veröffentlicht. Das neueste, "Zeit der Zauberer", erscheint am 10. März. Seine Leidenschaft ist die Anwendung philosophischer Gedanken auf die heutige Lebenswelt – auch auf den Sport.

AZ: Herr Eilenberger, wie wird man als Freiburger eigentlich zum Bayern-Fan?
WOLFRAM EILENBERGER: Ich bin in Karlsruhe aufgewachsen, und zwischen dem KSC und den Bayern bestehen ja enge organische Verbindungen, vor allem was die Transferpolitik angeht. Mit acht, neun Jahren gibt es ja meist so epische Duelle, die einen dann für die eine oder andere Mannschaft begeistern; bei mir war das HSV gegen Bayern – und als Süddeutscher kann man nicht für Hamburg sein.

Ihre frühen Bayern-Helden?
Rummenigge, Breitner, Lerby. An Rummenigge habe ich meinen ersten Fanbrief geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich auch Linksaußen bin.

Sie haben auch im Verein gespielt?
FC Germania Friedrichstal, bis ich 20 war, auch in Auswahlen. Zum Profi hat’s nicht gereicht. Dann kam die Philosophie ins Spiel... Da musste ich mich entscheiden, denn Verbands- oder Oberliga ist schwer vereinbar mit einer studentischen Existenz.

Wie verfolgen Sie den Fußball heute?
Ich bin manischer Fernsehkonsument, schaue nichts anderes als Fußball im Fernsehen, ich würde auch zweite mexikanische Liga schauen.

Hat Sie die Reaktivierung von Jupp Heynckes überrascht?
Ich sehe eine erfreuliche Konsolidierung der Mannschaft, die Anfang der Saison auseinanderzubrechen drohte. Die Idee, Heynckes zu reaktivieren, fand ich weniger absurd als viele andere. Natürlich ist es ein Zeichen von Hoffnungslosigkeit oder Entscheidungsenge, auf Heynckes zurückzugreifen. Aber es war die richtige Entscheidung für die Art und Weise, wie Hoeneß den Verein sieht und offenbar auch weiterhin führen will.

Hoeneß will nicht akzeptieren, dass für Heynckes nach der Saison Schluss ist.
Ich finde es nicht anständig, ihn in eine permanente Dementierungsschleife zu zwingen. Es ist auch ethisch nicht anständig, diese Forderung nochmal in den Raum zu stellen. Heynckes hat die Entscheidung zur Rückkehr nicht aus eigenen Stücken getroffen, sondern aus einer freundschaftlichen Verbindung zu Hoeneß. Ihn jetzt weiter überreden zu wollen: Ich würde sowas übelnehmen.

Hoeneß sagt, er habe keinen Plan B.
Da muss man sehen, ob das nicht ein Ablenkungsmanöver ist. Vielleicht beschäftigt man die Medien, um mehr Zeit für Entscheidungsprozesse zu haben.

Auf dem Rücken von Heynckes...
Es besteht auch die Möglichkeit, dass alles ein abgekartetes Spiel ist, das Heynckes mitspielt.

Eilenberger: "Herrn Kovac könnte ich mir vorstellen"

Wen können Sie sich als Nachfolger vorstellen?
Wen ich mir nicht lange gut vorstellen kann, ist Herr Tuchel. Er steht für eine Form von Trainerselbstverständnis, die nicht kompatibel ist mit den Ansichten von Hoeneß. Tuchel wäre jemand, der nicht nur eine Mannschaft führt, sondern den Verein als Konzept sieht und führen will, bis zur Neugestaltung von Trainingsgelände und Umbaumaßnahmen der Gesamtstruktur. Das würde ihm Hoeneß nicht zugestehen, was sehr schnell sehr große Reibungen erzeugen würde. Hoeneß hat den Anspruch, dass die Gestaltungsmacht bis in die Mannschaft hinein bei ihm bleibt, und damit sind moderne, ambitionierte Trainer nicht mehr d'accord.

Andere Kandidaten?
Herrn Kovac könnte ich mir vorstellen. Aber die Magie und das Geheimnis bei einem Trainer wie Heynckes ist, dass er in keiner Anerkennungsnot gegenüber den Spielern steht, ihnen nichts beweisen muss. Die Spieler müssen sich vielmehr ihm beweisen, jeden Tag. Da ist eine Hierarchie, ein gewachsenes Vertrauensverhältnis – eine ideale Position für die Mannschaft, wie sie sich jetzt zeigt. Eine Position, die Herr Ancelotti offenbar nie einnehmen konnte, und die auch jeder jüngere Trainer nicht würde einnehmen können. Insofern ist eine Entscheidung zu einem jüngeren Trainer sinnvoll gebunden an den Willen, die Mannschaft umzubauen und radikal zu verjüngen. Offenbar neigt Hoeneß nicht zur radikalen Entkernung, sondern will einen kontinuierlichen Erneuerungsprozess anlegen. Das macht die Trainersuche besonders schwierig.

Zumal es ein Deutscher werden soll.
Arsène Wenger spricht auch deutsch, aber ob er sich nochmal einen anderen Verein zumuten will? Wenn das Kriterium Deutschsprachigkeit ist, läuft vieles auf Herrn Kovac zu, eher als auf Herrn Tuchel.

Dann wäre da noch der Bundestrainer.
Ich glaube nicht, dass Hoeneß den Herrn Löw für einen genügend guten Trainer hält, dass es da eine Qualitätsskepsis gibt.

Eilenberger: "Streich ist eine Art zweieiiger Zwilling von Heynckes"

Jedenfalls wird ohne das Placet von Hoeneß und Rummenigge in den nächsten zehn Jahren beim FC Bayern nichts entschieden, korrekt?
ch glaube, dass Hoeneß in einer merkelartigen Anforderung steht, seinen Generalsekretär aber noch nicht benennen wollte oder konnte. Er muss seine Nachfolge regeln, hat schon mal den Zeitpunkt verpasst. Die Berufung von Herrn Salihamidzic zeigt das auch: Er ist nicht willens, einen Nachfolger aufzubauen, der ihm auch nur annähernd gewachsen wäre. Die Druckverhältnisse werden in den nächsten Jahren sehr stark steigen, weil Hoeneß zwar für die Gegenwart und eine große Vergangenheit steht, aber doch nicht plausibel für die Zukunft des Vereins. Hoeneß sollte sehen, dass das, was er jetzt tut, eine Laufzeit von maximal fünf Jahren hat und dass man konzentriert darüber nachdenken muss, wie der Verein nach der Hoeneß-Ära aussehen wird.

Dafür gibt es wenig bis gar keine Anzeichen.
Er wäre nicht der erste leitende Mensch, der den Willen nicht findet, die Macht, die er hatte, abzugeben. Ein gängiges Problem, das er wohl selbst gut kennt. Ich hoffe, dass er Menschen hat, die ihm dieses Problem klar vor Augen führen.

Auch in Freiburg gibt es eine sehr spezielle Figur. Wie erleben Sie Christian Streich?
Er ist eine Art zweieiiger Zwilling von Heynckes. Auch er muss niemandem etwas beweisen, hat eine einzigartige Souveränitätsposition und ein klares Bewusstsein, wer er sein will und insbesondere, wer er nicht sein will. Es ist schwer, sich Herrn Streich in Wolfsburg oder Leverkusen vorzustellen, weil er von Fußball auch etwas anderes will als materielle Genüsse. Die Verankerung, das Entwickeln von Spielern und die Idee, was ein Fußballverein noch sein kann – das ist ihm alles wichtiger. Das sehr beeindruckende Beispiel eines Trainers, der seinen Ort gefunden hat.

Lesen Sie hier: Heynckes über Lewy - "Nicht so viel diskutieren"

 

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