Pasinger Traumlage Historischer Hof: Hier vergammelt ein Münchner Kleinod

Der historische Perlschneiderhof an der Westseite des Manzingerwegs. 1.770 Quadratmeter groß ist der bewachsene Garten rund ums Haus – mitten auf der idyllischen Würminsel. Foto: AZ/iko

Der Stadt gehört der Hof in Pasinger Traumlage zur Hälfte. Dass bis heute nichts passiert ist, hat wohl auch mit der Rücksicht auf den Wahlkampf zu tun. Jetzt macht die ÖDP Druck.

 

München - Still und verlassen steht er da unter dichten Bäumen, der Perlschneiderhof. Im vorderen Teil das Wohnhaus von 1850, hintendran die langgezogene Scheune. Auf dem Dach liegt Moos, etliche Schindeln fehlen. Drumherum liegt ein 1.770 Quadratmeter großer wilder Garten, umzäunt von einem Jägerzaun. Und umflossen von zwei Armen der Würm. "Privatgrundstück", steht auf mehreren Schildern.

Pasinger Kleinod: Zur Hälfte städtisches Eigentum

Was einen staunen lässt: Das verlassene Bauernhaus steht nicht irgendwo am Münchner Stadtrand, sondern in allerbester Lage, 350 Meter vom Pasinger Bahnhof und 550 Meter vom Einkaufszentrum Pasing-Arcaden weg. Mitten auf der idyllischen Würminsel.

Wie kann denn sowas sein? Wer nachforscht, kann eigentlich nur den Kopf schütteln. Denn, unterm Strich, ist es – auch – die Stadt München, die hier ein historisches Kleinod in Bestlage ungenutzt vor sich hingammeln lässt. Der Perlschneiderhof ist zur Hälfte nämlich städtisches Eigentum. Die Stadt hat das Teilgrundstück in den 1950er Jahren einer von zwei Schwestern abgekauft. Die andere Hälfte gehört heute dem 75-jährigen Erben aus der Linie der zweiten Schwester, der in einem Pflegeheim im Münchner Westen wohnt, und den ein ehrenamtlicher Betreuer vertritt, der langjährige Freund der Familie Peter Bock.

Seit Jahren schon will die Stadt seine Hälfte ankaufen – eigentlich. Um das Anwesen in die Grünanlage am Manzingerweg einzubinden und um eine "einheitliche Grünflächengestaltung zu realisieren".

Streit um Verkaufspreis der zweiten Hälfte

Das Problem ist nur: Die Vorstellungen, was diese Hälfte wert ist, klaffen um Welten auseinander. 32.300 Euro hat die Stadt 2013 als Kaufpreis angeboten, eine Summe, die das städtische Bewertungsamt als angemessen angab, weil das Gebäude zwar Bestandsschutz hat, man auf dem Grundstück (das als "allgemeine Grünfläche" im Flächennutzungsplan stehe) aber nicht neu bauen dürfe. "Eine Unverschämtheit", befand Betreuer Peter Bock mit Blick auf die Traumlage an der Würm, die stattliche Größe des Grundstücks und die Tatsache, dass das Haus nach einer Renovierung erhalten und genutzt werden kann. Er lehnte ab.

Als Reaktion flatterte ihm 2016 Post ins Haus, in der ihm eine von der Stadt veranlasste Zwangsversteigerung angekündigt wurde. "Ich war fassungslos", berichtet Peter Bock, "und habe das von einem Anwalt stoppen lassen." Als Bock wenig später entnervt einer Kaufsumme von 40.000 Euro zustimmte, stoppte ihn das Betreuungsgericht, das die Summe eklatant zu niedrig befand und ein neutrales Gutachten forderte.

Und siehe da: Im Oktober 2017 bezifferte ein externer Gutachter den Wert des Gesamtanwesens, gemessen am Bodenrichtwert, auf eine ganz andere Summe, nämlich auf 515.000 Euro. Womit die Stadt also rund eine Viertelmillion Euro an den Erben zu zahlen hätte. Das Papier weise "erhebliche fachliche Mängel" auf, argumentierte nun das für städtische Immobilien zuständige Kommunalreferat und lehnte seinerseits ab.

Im Wahlkampf: Stadtratsantrag zum Hof zurückgenommen

Im August letzten Jahres folgt die bemerkenswerteste Episode in dieser Geschichte. Stadtrat Johann Sauerer, damals noch Mitglied der CSU-Fraktion, formuliert den Stadtratsantrag "Perlschneiderhof retten". Er will von Kommunalreferentin Kristina Frank (CSU) wissen, wie weit die Kaufverhandlungen denn nun sind. Es gebe "die Befürchtung", schreibt er in seiner Begründung, "dass das historische Gebäude dem Verfall preisgegeben" und hinterher einfach geräumt werden soll. Die CSU-Fraktion, der dämmert, dass die Tonlage dieses Antrags ihrer Referentin und OB-Kandidatin im Wahlkampf auf die Füße fallen könnte, pfeift Sauerer zurück.

Flugs lässt das Kommunalreferat den Antrag umformulieren – als eher harmlose Anfrage an den Oberbürgermeister. Eingebracht wird am Ende weder die eine noch die andere Fassung, die Papiere verschwinden in der Schublade.

Weiteres Gutachten zum Verkehrswert geplant

Bis heute ist nicht allzu viel vorangegangen. Man hat sich verständigt, dass eine dritte Bewertung des Verkehrswerts eingeholt werden soll. Vom Gutachterausschuss für Grundstückswerte, der zwar ans Kommunalreferat angeschlossen ist, aber dessen Gutachter "neutral" seien. "Wir sind dort nicht weisungsbefugt", erklärt eine Referats-Sprecherin auf Anfrage.

Als Auftraggeberin soll wohl die Stadt die Kosten des Gutachtens übernehmen. Die Geschäftsstelle des Gutachterausschusses hat allerdings mitteilen lassen, dass "die Gutachten-Erstellung wegen des starken Arbeitsanfalls rund zehn Monate dauern" könne, so ist im Schriftverkehr nachzulesen.

ÖDP: "Jahrelanges Vertrödeln und Verschleppen" beenden

Der Stadtrats-ÖDP, der Stadtrat Johann Sauerer inzwischen angehört, reicht dieses "jahrelange Vertrödeln und Verschleppen" jetzt. Am Mittwoch will die ÖDP-Fraktion einen Stadtratsantrag einbringen, der dem nicht eingereichten CSU-Antrag vom vergangenen Sommer sehr ähnelt. Demnach soll die Verwaltung den Stadtrat informieren, wie weit die Kaufverhandlungen sind, diese "forcieren", das fehlende Teilstück des Hofs ankaufen und zügig sanieren.

"Wie wichtig dieses Gebäude für Pasing ist, hat das integrierte Stadtteilentwicklungskonzept (ISEK) bereits 2012 festgestellt", heißt es in der Begründung. "Wir brauchen wirklich dringend Räume und einen Treffpunkt für die Pasinger Vereine und Bürger", sagt ÖDP-Stadträtin Sonja Haider. "Es darf einfach nicht sein, dass die Stadt so ein Filetstückchen jahrelang ungenützt lässt, bis es in sich zusammenfällt, nur weil man hier beim Ankauf mit dem Geld knausern will."

Geht es nach Johann Sauerer, könne die Stadt gern auf ein weiteres teures Gutachten verzichten. "Ich finde eine Viertelmillion Euro für ein Grundstück an der Würm so nah am Ortskern, samt historischem Bauernhaus darauf, nicht überbezahlt", erklärt er der AZ. "Wir sollten schleunigst diesen Ankauf beschließen und mit der Renovierung beginnen."


Der Perlschneiderhof: Wo Schweine kastriert wurden

Die Geschichte des Perlschneiderhofs zeichnet das Pasinger Archiv nach. Demnach wird der Hof schon im 16. Jahrhundert in den Kirchenbüchern erwähnt. Damals wurden hier Schweine kastriert – daraus leitet sich auch der Hofname ab. 1823 ersteigert die Pasinger Familie Senft den Hof, es entstehen Pferdestallungen und eine Warenhandlung. In den 1950er Jahren gehört das Anwesen den Senft-Schwestern Anna und Maria. Maria verkauft ihren Anteil an die Stadt, Anna zieht mit ihrem Mann Alois Kohlpaintner ein. Nach Annas Tod heiratet Alois wieder. Philomena Kohlpaintner will die an die Stadt verkaufte Hälfte zurückkaufen, um ein Behindertenheim zu bauen, scheitert aber. Als sie 2006 mit 86 Jahren stirbt, erbt ihr Sohn (heute 75).

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