Oktoberfest Ozapft is - mit 19 Schlägen

Beim Dekorieren ihrer weltberühmten Anzapf-Boxe legen die Festwirte Peter (r.) und Christian Schottenhamel selbst Hand an. Foto: Petra Schramek

Das älteste und traditionsreichste Zelt, das erste mit elektrischem Licht: Wie die Wiesn-Wirte Peter und Christian Schottenhamel zur berühmten Anstich-Zeremonie in ihrem Festzelt kamen.

Unvergessen jener Freitag anno 1993, der Freitag vor der Wiesn. "Wir standen Kopf, als der damals neue OB Christian Ude zum ersten Mal anzapfen sollte", erzählt Wiesn-Wirt Peter Schottenhamel und lacht: "Damals fanden wir's gar nicht lustig. Erst am Vortag des Wiesn-Starts fiel jemandem ein, dass Ude Linkshänder ist."

Was nicht unbedingt dramatisch klingt, hätte im Schottenhamel-Festzelt zu einer kleiner Katastrophe werden können. Schliesslich zapft das Stadtoberhaupt traditionell in diesem Zelt das erste Fass an, um dann mit dem Ausruf "Ozapft is!" die Wiesn offiziell zu eröffnen. Die Bilder werden weltweit übertragen - und 1993 hätte es beinahe nur Rückenansichten des Oberbürgermeisters gegeben.

"Wir hatten die Tribüne für die Fotografen und TV-Teams wie eh und je aufbauen lassen, doch ein Linkshänder schlägt ja von der anderen Seite", sagt Schottenhamel: "Nachts wurde noch die ganze Anzapfboxe komplett umgebaut." Und die Welt bekam OB Ude doch noch von vorne und nicht von hinten zu sehen.

Durch das alljährliche oberbürgermeisterliche Anzapfen wurde das Schottenhamelzelt zu einer weltberühmten Institution. Zu verdanken hat das die Wirte-Familie dem legendären Oberbürgermeister Thomas Wimmer. Der hatte dereinst gar nicht die Absicht gehabt, eine Anstich-Zeremonie einzuführen. Die ergab sich 1950 durch Zufall: Beim Wiesn-Wirte-Einzug hatte der "Wimmer Dammerl" seine Kutsche verpasst. Michael Schottenhamel (der Grossvater des jetzigen Festwirts Peter Schottenhamel) liess den OB in seine einsteigen - und auf der Fahrt kam's spontan zu der Idee, dass doch statt des Wirts auch Wimmer anzapfen könne. Gesagt, getan. Der beliebte OB griff im Schottenhamelzelt zum Schlegel und schlug immer wieder auf den Wechsel: ganze 19 Mal!

"Anders als die Oberbürgermeister, die nach ihm kamen, hat er ja auch nicht üben können", sagt Peter Schottenhamel, der das "Anzapf-Zelt" bereits höchst erfolgreich in vierter Generation führt, seit 1989 gemeinsam mit seinem Cousin Christian. Das Wirte-Duo steht in der fast fertig aufgebauten Anzapfboxe, auf die am Samstag wieder die Welt blickt. Die Vorfreude steht den beiden Wiesn-Wirten ins Gesicht geschrieben. "Wir freuen uns riesig, dass es bald losgeht", sagt Christian Schottenhamel, und sein Vetter nickt: "Es macht einen schon stolz, Wirt dieses traditionsreichen Festzeltes sein zu dürfen."

Dieses ist das älteste und traditionsreichste Festzelt auf der Theresienwiese. 1867 fing alles mit einem Bretterschuppen hinter dem Königszelt an. Nicht einmal 50 Leute passten in die damals von Michael Schottenhamel erbaute Bierbude. 1908 brach er alle Rekorde - mit dem ersten Wiesn-Zelt, das elektrisches Licht hatte und stolze 8000 Plätze. Den Rektor der Universität inspirierte das dazu, seine Vorlesungen dort abzuhalten. Seither ist die Schottenhamel-Festhalle traditionell das Lieblingszelt der Studentenverbindungen. Seit jeher wird hier ausgiebig gefeiert, geschlemmt und geflirtet. Eine riesige Kontaktbörse!

Peter Schottenhamel blättert in einem Fotoalbum. "Wir durften schon mal die norwegische Königin in unserem Zelt begrüssen, und David Copperfield wollte es schon mal wegzaubern", erzählt er mit leuchtenden Augen: "Wunderbar war auch, als Zubin Mehta, der damalige Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, plötzlich unsere Blaskapelle dirigiert hat. Ein unvergessliches Erlebnis!" Und eine weitere Episode in der langen Schottenhamel-Chronik, die in drei Tagen fortgeschrieben wird - mit dem berühmten Anstich-Zeremoniell in der legendären Anzapf-Boxe.

Alle Infos rund ums Zelt

Größe: Rund 6000 Plätze im Schottenhamelzelt und 4000 draußen im Garten.

Spezialität: Spanferkel, Jungschweinebraten, Ente sowie Hendl, mit Butter gegrillt - und für den großen Hunger: die ganze Putenkeule vomRost mit Kartoffel- Gurkensalat.

Publikum: Im „Anzapf- Zelt“ treffen sich (in fescher echter Tracht, versteht sich) die Münchner, die die Wiesn-Tradition lieben. Außerdem gilt die Schottenhamel- Festhalle als „Zelt der Jugend“.

Annette Baronikians

 

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