Oktoberfest-Aus nach 83 Jahren Bräurosl-Wirt gibt Zelt auf und glaubt: "Die Wiesn fällt auch 2021 aus"

, aktualisiert am 06.07.2020 - 22:32 Uhr
Die Heides werden sich nicht mehr mit der Bräurosl für die Wiesn bewerben. (Archivbild) Foto: imago/Michael Westermann

Bis 1936 reicht die Oktoberfest-Tradition der Familie Heide: Nun gibt sie die Bräurosl auf. Georg Heide (67) glaubt, dass auch 2021 keine Wiesn stattfinden wird.

 

München - Sie schauen sehr ernst aus. Als die Wirtsleute und Nun-nicht-mehr-Wiesnwirte Georg Heide und seine Tochter Daniela vor die Presse treten, sieht man ihnen an, wie sehr sie mit dieser Entscheidung gerungen haben. Georg Heide kämpft offenbar mit den Tränen, als er gefragt wird, wie er sich fühlt. Er schluckt mehrmals, dann antwortet der 67-Jährige: "Müde und schwer. Aber ich denke, es war die richtige Entscheidung."

Das Oktoberfest war sein Leben – und das seiner Familie. Urgroßvater Georg Heide hatte die Bräurosl 1936 übernommen. Auf ihn folgte nach dem Zweiten Weltkrieg Wiesn-Legende und Sprecher der Wiesnwirte Willy Heide. Er initiierte auch das Platzkonzert vor der Bavaria. Renate und Georg Heide führten das Hacker-Pschorr-Festzelt seit 2002, dann stieg mit Daniela und Pascal Heide die vierte Generation mit ein.

Oktoberfest 2021: Wirtefamilie Heide gibt Bräurosl ab

2019 wird nun als das letzte Bräurosl-Jahr in die Familiengeschichte eingehen. Als Hauptgrund nennen Heides das finanzielle Risiko. Zehn Mitarbeiter müssten das ganze Jahr bezahlt werden, um die (mindestens) 16 Tage Oktoberfest zu planen und zu organisieren. "Wir sind ein Familienunternehmen. Wie soll man diese Kosten gegenfinanzieren?", fragt Tochter Daniela (38). "Das ist für uns finanziell nicht rechenbar." Georg Heide (67) sagte zur AZ: "Ich denke, es wird zwei Jahre keine Wiesn geben. So ein Zelt ist wahrscheinlich eine Virenschleuder – das muss man wohl so sehen."

Selbst wenn die Wiesn in kleinerer Form wieder stattfinden könne, zweifelt er daran, dass sich der Aufwand lohne: "Es fehlen die Touristen, die unheimlich wichtig sind. Außerdem werden wahrscheinlich viele Firmen wegbleiben, weil sie Angst um ihre Angestellten haben", mutmaßt Heide.

Und ständig wäre die Angst vor Corona-Infektionen da: "Jetzt haben sie gerade eine Cateringfirma zugesperrt, die das Klinikum Großhadern beliefert. Stellen Sie sich vor, sie sperren bei uns zu – oder gleich die ganze Wiesn..." Für all das gebe es keine Versicherung. Derzeit könnten ja nicht einmal Musiker in seinem Biergarten auftreten. "Ich will nicht der Tönnies vom Würmtal werden", sagt Heide.

Paulaner-Brauerei dankt Wirten in Statement

Eigentlich wollten Brauerei und Wirtefamilie heuer mit einem nagelneuen Zelt ins nächste Jahrzehnt starten. Das Zelt ist fertig. "Alles war in den Startlöchern.", sagt er. Nur neue Westen für die Musiker und Schankkellner sowie neue Dirndl für die Bedienungen hätten bestellt werden müssen. "Gott sei Dank haben Stadt und Regierung rechtzeitig angekündigt, dass die Wiesn heuer ausfällt."

Für die Familie ist das neue Zelt nun eine Möglichkeit, die Notbremse zu ziehen. Denn heuer hätte ein neuer Vertrag unterschrieben werden müssen. Anders gesagt: Steigen die Bräurosl-Wirte jetzt aus, werden sie nicht vertragsbrüchig. "Es ist niemand geschädigt worden", sagt Georg Heide. Für zehn von 30 Mitarbeitern bedeutet das Aus auf der Wiesn allerdings die Kündigung. Als ein möglicher Nachfolger wird Lorenz Stiftl („zum Spöckmeyer“) gehandelt.

Paulaner-Chef Andreas Steinfatt hatte noch versucht, Familie Heide umzustimmen und Wiesnwirte zu bleiben. "Ich bin ziemlich geschockt gewesen", sagt er in einer Videobotschaft aus dem Urlaub. Aber er akzeptiere und respektiere die Entscheidung. "Die Freundschaft bleibt bestehen", versicherte er.

Familie Heide will sich künftig ganz auf ihre Gaststätte "Heide Volm" direkt am S-Bahnhof in Planegg konzentrieren. Der weitläufige Grund und das Wirtshaus gehören der Familie. Aus der ehemaligen Großgaststätte soll ein Kleinod im Würmtal mit "leicht gehobener traditionell-bayerischer Gastronomie" werden, kündigt Daniela Heide an.

Das gesamte Areal am S-Bahnhof wird derzeit umgestaltet. Ein neuer Busbahnhof ist entstanden. Die Familie wollte auf ihrem Grund ein Hotel bauen. Stattdessen soll nun ein Gebäude mit Geschäften und Parkdeck gebaut werden, darüber soll ein Supermarkt einziehen. Im Dachgeschoss sind außerdem sechs Wohnungen geplant.

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