Oktoberfest 2013 Betrunkene Wiesn-Opfer: Helfer am "Kotzhügel"

Regina Steiner (rechts) und eine Kollegin reden mit einem verzweifelten Mädchen. Foto: Gregor Feindt

Oktoberfest: An den Wochenenden ziehen Streetworker von „Condrobs“ über den Rand der Wiesn – und kümmern sich um die Liegengebliebenen und Betrunkenen.

 

München - Regina Steiner und ihre Kollegen patroullieren auf der Wiese hinter der Wiesn. Hier landet das, was die Wiesn anspült, was liegen bleibt wie Strandgut. Steiners Aufgabe ist es, die Liegengebliebenen aufzusammeln. Sie und ihre Kollegen sind Streetworker von „Condrobs“, normalerweise auf der Feierbanane zwischen Maximiliansplatz und Sendlinger Tor unterwegs. Seit letztem Jahr kümmern sie sich auch auf der Wiesn, besser gesagt am Rande des Festes, um die Problemfälle.

„Wir schauen nach, ob die Leute noch ansprechbar sind, halten Männer auf, die Frauen auf dem Kotzhügel mit dem Handy filmen, führen Freunde wieder zusammen und gehen dazwischen, wenn ein Streit zu eskalieren droht“, sagt Frederik Kronthaler, verantwortlich für Jugendliche und junge Erwachsene bei Condrobs. Abends an den Wochenenden ziehen sie los, erkennbar an ihren olivfarbenen Jacken, auf denen „Respekt“ steht.

Ein bildhübsches junges Mädchen im rosa karierten Dirndl sitzt allein auf der Wiese und hält sich die Hände vors Gesicht. Sie weint. Regina und eine Kollegin hocken sich zu ihr. Das Mädchen zeigt ihnen seine Schürze: Klatschnass. Freunde haben ihr Bier drübergekippt, absichtlich. Deswegen weint sie. Aber sie reißt sich zusammen und wischt sich die Tränen von den Wangen.
„Sie war relativ nüchtern“, sagt Steiner. „Ihre Freunde waren in Reichweite, und zur Not findet sie auch allein heim.“

Ähnlich ist der nächste Fall, nur dass die Frau im Leopardendirndl, die hier kauert, nicht mehr relativ nüchtern ist. Der Streit mit ihrem Freund ist eskaliert, zurück zu ihm will sie nicht, und wie sie zum Hotel kommt, weiß sie auch nicht. Die Streetworker rufen ihren Freund an und lassen sich den Weg beschreiben. Sie wird es schaffen, die Streetworker lassen sie allein.

In einer wirklichen Notsituation bringen sie Frauen zum Servicepoint, zur „Sicheren Wiesn für Mädchen und Frauen“ – dort wird ihnen weiter geholfen.

Streetworker Sigi Gift versucht, einen Mann zu wecken, der reglos auf der Wiese liegt, das Gesicht im Gras vergraben. Der Mann springt auf und geht. „Oft denken die Leute, wir sind Security. Mir geht’s nur darum, zu checken, ob er noch ansprechbar ist.“

Verdienst und Trinkgeld: Das Gehalt der Wiesn-Bedienungen!

Die Streetworker beobachten noch ein Pärchen, um sicher zu gehen, dass der hemmungslose Zärtlichkeitsaustausch freiwillig geschieht, und ziehen dann weiter, zum nächsten Brennpunkt.
Hinter der Bavaria treffen sich Jugendliche zum Feiern. Hier haben sie den Blick über die Wiesn und mitgebrachte Getränke. „Für zehn Euro bekommen sie auch eine Flasche Wodka im Supermarkt“, sagt Frederik Kronthaler.

Weder für Bier noch für Wodka wären die beiden 15-jährigen Mädels alt genug, die hier seit Stunden mit ihrer Clique feiern. „Unser Job ist es aber, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, nicht, in solchen Fällen die Polizei zu holen“, sagt Regina Steiner. Sie redet mit den Mädchen über Alkohol, Verantwortung, dass man nicht zu viel trinken sollte, wenn man als Frau auf der Wiesn unterwegs ist.

So feiern die Promis im Hippodrom

Kollegen helfen währenddessen Carolina (Name geändert) aus Karlsruhe, die zwar nach drei Maß noch gute Laune hat, aber keine Ahnung, wo sie ist. Ein Freund holt die 22-Jährige nach einem Anruf ab. Carolina fällt allen dankbar um den Hals, und die beiden torkeln vondannen. „Das ist gut gelaufen“, sagt Kronthaler. „Es gibt auch Männer, die sagen: Hättet’s ihr die halt einfach liegengelassen.“

Am nächsten Kontrollpunkt, beim Spielplatz und den Passagen um das Möbelhaus Lutz, gibt es keinen Grund, einzugreifen. „Diese Wiesn ist sehr viel entspannter als die letztes Jahr“, sagt Sigi Gift. Die Streetworker werden trotzdem wieder da sein.

Nächstes Wochenende, wenn die Wiesn ihre Hinterlassenschaften auf den Hügel spült.

Hier finden Mädchen und Frauen Hilfe

Sexuelle oder körperliche Gewalt, Krisensituationen, zu viel Alkohol: Der „Security Point“ im Servicezentrum (hinterm Schottenhamel-Festzelt) ist täglich von 18-1 Uhr (samstags ab 15 Uhr) ein sicherer Rückzugsort für Frauen. Das kostenlose Angebot von AMYNA (Institut zur Prävention von sexuellem Missbrauch), Frauennotruf München und IMMA (Initiative Münchner Mädchen) hilft auch beim Wiederfinden von Freunden, kontaktiert Angehörige, ermittelt das Hotel, in dem die Frauen wohnen und begleitet sie bei Bedarf sicher dorthin oder zum Bahnhof. Grundsätzlich gilt: Bares, Schlüssel und Hoteladresse am Körper tragen, nicht auf dem Festgelände einschlafen und sich immer trauen, Nein zu sagen.

 

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