Oft nur "Attrappen" Ärger wegen MP3-Player in Drehorgeln

In immer mehr Drehorgeln kommt die Musik aus dem MP3-Player - im Gegensatz zu dieser. Foto: dpa

Der Fortschritt macht auch vor dem Leierkasten nicht halt. Oft kommt die Musik aus der Konserve. Wie Traditionalisten darauf reagieren.

Speyer -  Der Leipziger Joachim Petschat ist ein freundlicher älterer Herr, der sich voll und ganz der Drehorgel verschrieben hat. Seine Leidenschaft für Leierkästen hat ihn zum Chef des Clubs Deutscher Drehorgelfreunde (CDD) werden lassen.

Kurz vor dem Jahrestreffen am kommenden Wochenende in Speyer hat Petschat einen Trend aufgespürt, der ihm gar nicht behagt: Viele Drehorgelmänner ließen ihr Gerät heute ertönen, indem sie einen MP3-Player hineinlegten und laufenließen, berichtet er.

Für den gemütlichen Großvater aus Sachsen hört da der Spaß auf. „Das lehnen wir natürlich ab“, sagt Petschat. Hier werde nicht mehr mit Luft und Pfeifen gearbeitet wie bei normalen Drehorgeln. „Das sind nur noch Lautsprecher, nur noch Attrappen“, kritisiert er.

Zwar kämen die mit MP3-Playern ausgerüsteten Leierkästen gut an, sie produzierten aber drehorgeluntypische Geräusche. „Die haben Töne – da müsste eine Pfeife elf Meter lang sein“, sagt der Maschinenbauingenieur im Ruhestand. „Es ist eben keine Orgelmusik.“

Bei dem Club-Treffen am Wochenende in Speyer könnte das MP3-Thema für Zoff sorgen. Denn Petschat hat unter den rund 800 Clubmitgliedern eine Umfrage gestartet, um herauszufinden, wie sie zu der MP3-Geschichte stehen. Etwa zehn haben geantwortet.

30.000 Euro für eine Drehorgel

Die meisten seien der Ansicht, dass die MP3-Fraktion bei dem Treffen nichts zu suchen habe und nicht eingeladen werden solle, sagt er. Nur: Von den meisten Teilnehmern wisse man vorher nicht, was sie in ihren Geräten hätten. „Man erkennt es erst an der Fülle der Musik.“

Dabei hat es schon vor dem MP3-Thema High-Tech-Lösungen für Drehorgeln gegeben. So können die Leierkästen schon länger mit Mikrochips ausgerüstet werden, auf denen Platz für eintausend Lieder ist. Klassische Konzerte mit Musik von Bach, Mozart und Beethoven sind ebenso drin wie moderne Schlager. Den Gedanken, dass es da bis zum MP3-Player nur ein Schritt ist, will Petschat aber nicht gelten lassen.

Auf einen Player könne man noch mehr Musik packen als auf einen Chip, sagt er. Und außerdem funktioniere die Drehorgel mit dem Chip noch normal: Er steuere die Ventile, die dann die Luft für die Pfeifen freigäben. Der Player dagegen produziere „keine Orgelmusik“.

Und weshalb verfallen Drehorgelfans auf die Nummer mit dem MP3-Player? „Es könnte ein Kostenfaktor sein“, sagt Sina Hildebrand von der Fachstätte für historische Musikautomaten. Drehorgeln haben ihren Preis. Nach ihren Angaben sind Geräte ab etwa 3000 Euro zu haben, das könne bis 30.000 Euro gehen. „Es kommt ganz darauf an, wie exzessiv man es mit dem Hobby nimmt“, sagt die 34-Jährige. Sie findet es „eigentlich nicht ok“, mit einem MP3-Player loszuziehen. „Es ist eine Verdummung der Leute.“

Neben der Konserven-Musik macht Petschat auch der Nachwuchsmangel zu schaffen. Im vergangenen Jahr standen 25 Abgängen durch Austritt oder Tod von Mitgliedern nur zwölf Eintritte gegenüber.

Als „Lichtblick“ bezeichnet er einen 17-jährigen Schüler aus Bayern, der selbst komponiert und sogar schon eine Hymne für die Drehorgelfreunde verfasst hat. „Der ist jetzt ständig im Fernsehen.“

 

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