Obdachlosen-Lager Isarbrücken-Räumung: Ortsbesuch bei den Bewohnern

László (l.) und Chris leben seit zwei Jahren unter der Wittelsbacherbrücke. Jetzt sind sie und ihre Sachen geräumt worden. Foto: Daniel von Loeper

Die Stadt hat die wilden Camps unter den Isarbrücken aufgelöst. Die AZ war dabei – und hat sich von den Bewohnern erzählen lassen, dass sie schnell wiederkommen wollen.

München - Eine Ratte rennt auf den Wohnzimmertisch zu, wo Teelichter und Zigaretten im Dunkel unter der Wittelsbacherbrücke leuchten. "Die Ratten kommen nur, wenn ihnen kalt ist oder wir Essen stehen gelassen haben", sagt Chris. Sein Kumpel László (beide Namen geändert) lacht und sagt: "Micky Maus."

László und Chris warten auf ihren Sofas darauf, geräumt zu werden. Sie sind die einzigen Obdachlosen, die trotz Räumungsankündigung in ihrem Lager geschlafen haben. Es ist 6.30 Uhr in der Früh, immer wieder fahren Autos auf dem Radlweg vorbei. Chris weiß genau, welches Auto von der Stadt, von der Straßenreinigung oder eben von der Polizei ist.

Stadt-Mitarbeiter werfen Habseligkeiten weg

"Die von der Straßenreinigung, die waschen sich hier auch einfach die Hände – mit unserem Duschgel. Fragen tun sie nicht", sagt Chris. Heute sagt keiner "guten Morgen" zu den beiden. Unter den Augen von etwa 20 Polizisten werfen ein Dutzend Mitarbeiter zusammengenagelte Europaletten, Planen, Matratzen, Stofftiere und randvoll gefüllte Tüten in die Container.

Sie beginnen bei der Reichenbachbrücke. Einige Bewohner aus dem Kälteschutzprogramm sind jetzt auch da. Sie wollten keine Konfrontation und haben deshalb nicht in ihrem Lager geschlafen. Dann zieht der Räumungstrupp weiter zur Wittelsbacher- und zur Brudermühlbrücke, begleitet von etwa 30 Unterstützern der Obdachlosen.

Bayernkaserne schmeißt die Obdachlosen morgens raus

László ist aus Ungarn, wo Obdachlosigkeit seit Oktober strafbar ist. Wer auf der Straße schläft, dem droht sogar eine Haftstrafe. László spricht kaum Deutsch, aber lacht viel. Chris hatte ein Drogenproblem, war schon mal im Knast und lebt seit zwei Jahren unter der Wittelsbacherbrücke.

Einige der Obdachlosen haben Forderungen formuliert, in denen es um eine würdige Unterbringung geht. Sie wollen sich ganzjährig und ganztägig in den Räumlichkeiten aufhalten können. Aus den Kälteschutzeinrichtungen wie in der Bayernkaserne werden sie in der Früh rausgeschmissen. Draußen warte oft die Polizei, die sie kontrolliere, erzählen sie. Diese Polizeikontrollen müssten aufhören.

Kälteschutz: Eine Zumutung

Zudem beschweren sich die Wohnungslosen, dass es nicht möglich ist, im Kälteschutz zur Ruhe zu kommen, weil sie mit ganz unterschiedlichen Menschen in einem Raum schlafen müssen – von denen viele klauen. Deshalb wünschen sie sich Spinde in den Einrichtungen. Und weil der Mensch was essen muss, auch Kochmöglichkeiten.

Die Obdachlosen haben sich auf die Räumung vorbereitet – die meisten zumindest. "Mein Schlafsack und mein Gaskocher sind das Wichtigste", sagt Chris. Trotzdem hat er einige seiner Habseligkeiten zu einem Kumpel gebracht: die große Gaskochplatte und einige Unterlagen. Der Rest steht in zwei Tüten neben dem Sofa, das Anwohner ihm geschenkt haben.

Chris: "Die Kälte spürst du nicht"

Unter dem Sofa liegt ein versiffter Teppich. Ginge es nach Chris, wäre der sauber. "Aber immer wieder laufen hier Leute durch oder legen sich hin." Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Aschenbecher. Chris und László aschen auch jetzt nicht auf den Boden. Was sie mit den Habseligkeiten ihrer Mitbewohner machen sollen, wissen sie nicht. Eine Frau ist auf Entzug. Einer der Männer seit Tagen verschwunden. Eine abgeschlossene Metallkiste, in der vermutlich auch Unterlagen von ihm sind, steht noch unter der Brücke. Unterstützer wollen sie in die Teestube in der Zenettistraße bringen, wo der Mann auch seine Meldeadresse hat.

Chris sitzt vor seinem Verschlag mit Matratze, der ihn vor Wind und Wetter schützt, und gibt der Reporterin Tipps gegen die Kälte: "Du musst einfach ein bisschen auf der Straße leben, dann spürst du die Kälte nicht mehr." Bis vor zwei Tagen hat er sogar auf seinem Sofa geschlafen. Nur Wind mag er nicht.

Das erste Mal wird ihnen alles genommen

Die Polizei hat sich links und rechts der Wittelsbacherbrücke aufgestellt. László schimpft auf Ungarisch leise vor sich hin, Chris schaut zu, wie seine Sachen in den Container fliegen. Die Nacht wird er woanders verbringen. Am Morgen will er aber wiederkommen, sich mit einer Plane einen kleinen Verschlag bauen und darauf hoffen, dass jemand eine Matratze spendet. Die Stadt jedoch appellierte gestern an die Münchner, genau das nicht zu tun. Ansonsten hat Chris ein bisschen Geld gespart, um sich eine Matratze kaufen zu können.

"Das ist nicht meine erste Räumung, die Stadt mistet hier immer wieder aus. Auch wenn sie uns noch nie alles genommen haben – so wie jetzt", sagt Chris. Er glaubt, dass unter dem Lager gegenüber ein fettes Rattenloch ist. Bevor das Räumkommando das öffnet, macht er schnell die Biege.


So argumentiert die Stadt

Eine Sprecherin des Sozialreferats erklärt der AZ auf Nachfrage: "Grundsätzlich ist das wilde Campieren in München nicht erlaubt. Wir haben in der letzten Zeit festgestellt, dass sich die Lager stetig vergrößert haben und bis zu 30 Personen unter einer Brücke gelebt haben. Das können und wollen wir nicht dulden, vor allem, weil wir die Menschen schützen wollen. Hier geht es nicht nur um die Kälte, sondern auch um ungeschützte Behausungen, die zum Beispiel durch Kochen in Brand geraten, und um Überfälle.

Es ist uns aber wichtig, diese Menschen nicht allein zu lassen und sie zu informieren. Deshalb sind vor der Räumung Streetworker unterwegs gewesen, die die Menschen über Möglichkeiten informiert haben: über die Teestuben, die sie untertags besuchen können, und natürlich auch über die Notunterkünfte und das Kälteschutzprogramm. Das kann jeder Wohnungslose nutzen. Da sind wir in München Vorreiter.

Wir kommen da aber auch an finanzielle Grenzen, wenn die Menschen Privatsphäre fordern. Gerade auch die Menschen aus Osteuropa müssen mit dem zurechtkommen, was wir hier bieten. Wir haben in München 9.000 Wohnungslose – das ist auch eine Frage der Finanzierung, wie wir die unterbringen können."

 

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