NSU-Morde Münchner Polizei betrieb Döner-Bude

Tatort Trappentreustraße: Hier ist Theodorus Boulgarides 2005 erschossen worden. Um seinem Mörder auf die Spur zu kommen, betrieben Ermittler selbst einen Imbiss. Foto: Petra Schramek

Erst jetzt wird bekannt: Nicht nur in Nürnberg, auch in München haben Ermittler einen Imbiss betrieben, um die NSU- Mordserie aufzuklären.

München - Der Spott an die Adresse der Behörden ist nach der Serie von kapitalen Fehleinschätzungen und Pannen bei der Jagd nach den „Döner“-Mördern (zehn Tote) fast unvermeidbar. Eines jener Kapitel, die dazu regelrecht auffordern, ist der hanebüchen wirkende Versuch, mit einer von der Polizei betriebenen Imbiss-Bude den Tätern auf die Spur zu kommen.

Wie jetzt im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags bekannt geworden ist, wurde die Strategie nicht nur in Nürnberg verfolgt. Auch in München stand so ein Ding.

Die skurrile Idee war die Folge der Unwissenheit über die tatsächlichen, nämlich neonazistischen Hintergründe bei der Mordserie, die ab September 2000 quer durch Deutschland ging. Über Bayern brach die Tod bringende Gewalt gegen ausländische Kleingewerbetreibende mit besonderer Intensität herein: drei Morde in Nürnberg, zwei in München. Die Behörden orientierten sich bei der Suche nach Motiven vor allem im Bereich der organisierten Kriminalität.

Dr. Walter Kimmel (59) ist oben angekommen. Justizministerin Beate Merk (CSU) hat ihn gerade zum Chef der Nürnberger Staatsanwaltschaft gemacht. Der offiziellen Mitteilung folgend ist seine Ernenung nur die logische Folge seiner bisherigen Tätigkeit, die zuletzt die des stellvertretenden Generalstaatsanwalts war. Zuvor, zwischen 2001 und 2008, leitete er die Abteilung zur Verfolgung der Organisierten Kriminalität.

Bei dem Leitenden Oberstaatsanwalt liefen auch die Drähte der einzelnen Ermittlungsbehörden zusammen, die mit der Mordserie zu tun hatten. Federführend war die Soko „Bosporus“, die in Nürnberg ihren Sitz hatte und durch Fahnder aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützt wurde. Die Gesamtverantwortung trug: Walter Kimmel.

Ob die Polizei oder die Staatsanwaltschaft auf die Idee mit den Imbiss-Buden kam, ist schwer zu sagen. Die jeweiligen Vertreter schieben sich in den diversen Untersuchungsausschüssen gegenseitig den Schwarzen Peter zu.

Die Grundidee war, den vermeintlichen Profikiller aus dem Mafia-Milieu aus der Reserve zu locken. Etwas anderes, als Organisierte Kriminalität hinter den Morden zu vermuten, kam den Ermittlern dabei nicht in den Sinn.

Die Methodik, die jetzt auch im NSU-Ausschuss des Landtags behandelt wurde und Süffisanz hervorrief, war um mehrere Ecken herum gestrickt. Um das Ziel zu erreichen, betrieb die Polizei mit einem V-Mann eine Imbissbude. Der bezahlte die Rechnungen der Lieferanten extra nicht – um eine Racheaktion der Unterwelt zu provozieren.

Walter Kimmel musste sich bei seiner Zeugenbefragung im Untersuchungsausschuss die Frage gefallen lassen, was passiert wäre, wenn der Killer tatsächlich aufmarschiert wäre. Scharfschützen rund um die Bude im Dauereinsatz?

Horst Arnold, Landtagsabgeordneter (SPD), Rechtsexperte und Mitglied des NSU-Ausschusses, will sich zu Details über die Sitzungen nicht äußern: „Das ist geheim.“ Immerhin bestätigt er aber, dass die Dönerbuden-Aktion in Nürnberg nicht die einzige dieser Art war. „Ja, auch in München wurde das gemacht“, sagte er.

Der Standort der etwas grotesken Tarnkappen-Aktion unterliegt ebenso der Geheimhaltung wie die Dauer und andere Details. In Nürnberg lief der polizeiliche Dönerverkauf fast ein halbes Jahr lang.

 

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