NS-Dokumentationszentrum München Sonderausstellung: Wie der Hass der Nazis immer weiter wirkte

Das NS-Dokuzentrum an der Brienner Straße ist bei den Münchnern beliebt. Jetzt gibt es eine neue Sonderausstellung. Foto: NS-Dokuzentrum

Eine neue Schau im NS-Dokuzentrum zeigt Kontinuitäten der NS-Ideologie – bis hin zu Franz Josef Strauß, dem NSU und der AfD.

 

München - "Deutsche! Wer mit dem Leid der Vergangenheit und der Angst vor dem Krieg Schindluder treibt, ist ein Brunnenvergifter." Dieser Wortlaut erzeugt ein suggestives Grundrauschen, das an NS-Propaganda erinnert, stammt aber aus einer Rede von Franz Josef Strauß im Jahr 1980.

"Brunnenvergifter" ist ein seit dem Mittelalter gängiges antisemitisches Stereotyp; darum ist das Plakat mit dem Strauß-Zitat nun im NS-Dokumentationszentrum zu sehen. Denn der einstige Bundesminister und bayerische Ministerpräsident erklärte schon 1969: "Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen."

Neue Schau: "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge"

Um dies zu verhindern, gibt es das NS-Dokumentationszentrum. Der Lern- und Erinnerungsort zur NS-Geschichte untersucht in der neuen Sonderausstellung "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge" Struktur und Wirkmacht schrittweiser gesellschaftlicher Ausgrenzung von Minderheiten. Im Vordergrund steht die Frage, "ob und inwiefern die gesellschaftliche Polarisierung in den Jahren vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten mit unserer Gegenwart verglichen werden kann, soll – oder sogar muss." Dabei will die Schau "vergleichen, ohne gleichzusetzen".

Der Titel nimmt Bezug auf den österreichischen Stummfilm "Stadt ohne Juden" von 1924. Die Verfilmung des gleichnamigen Buches von Hugo Bettauer war eine satirische Fiktion über die Vertreibung der Juden aus der Metropole "Utopia", die man heute "nicht mehr ohne das Wissen über die Schoa" sehen könne, so Kurator Hannes Sulzenbacher. Er hat die Schau mit Barbara Staudinger und Andreas Brunner erarbeitet.

In mehreren Stationen kann der Besucher die Eskalationsstufen verfolgen: von der Polarisierung und Suche nach einem Sündenbock über Empathie-Verlust und Brutalisierung zum Ausschluss der "Anderen". Den Film-Szenen werden historische Bilder und Dokumente gegenübergestellt – teils aus Weimarer Republik und NS-Zeit, teils aus Nachkriegs-BRD und Gegenwart.

Vergleich zwischen NS-Zeit und Gegenwart

Unter dem Schlagwort "Polarisierung" gibt es ein Quiz, in dem man diskriminierende Äußerungen heutigen Parteien zuordnen muss. Da stellt sich heraus, dass Alltagsrassismus kein Alleinstellungsmerkmal rechter Parteien ist, sondern weit in die Mitte schwappt – ob bei Horst Seehofer oder Boris Palmer.

Und das braune Gedankengut der Flugblätter und Klebemarken der Weimarer Republik kommt heute als Hass-Postings und Sticker daher. Was einst der "Freifahrschein nach Jerusalem" war, ist 2015 das NPD-"Rückflugticket in die Heimat". Ein besonders übles Machwerk ist das Brettspiel "Pogromly", das die NSU-Mitglieder in den 1990er Jahren in Anlehnung an Monopoly erstellten.

Ausstellung im NS-Dokuzentrum - Empathie-Verlust und Brutalisierung

Empathie-Verlust bedeutet, diverse Minderheiten nicht mehr als Menschen zu sehen – was schon vor 1933 vorbereitet wurde. Da blickt man etwa in Paul Schultze-Naumburgs perfiden Bildband "Kunst und Rasse" von 1928, in dem er Menschenbilder von als "entartet" diffamierten Künstlern Fotografien von geistig Behinderten gegenüber stellt.

Die "Brutalisierung" verbildlicht nicht nur eine Film-Szene, in der ein älterer Jude verprügelt wird, sondern auch historische Aufnahmen von Grabschändungen und Bücherverbrennungen. Daneben erinnern Objekte an die Brandanschläge auf Wohnhäuser türkischstämmiger Familien in Mölln und Solingen von 1992 und 1993, bei denen acht Menschen ums Leben kamen und neun teils schwer verletzt wurden.

Die Schau, die im Kontext des Hauses steht, zeigt wiederum auch Listen mit Namen einiger der 2.559 aus München deportierten und ermordeten Juden. Und man liest die letzte Widmung von Lydia und Moriz Einstein, ehe sie im KZ starben, an ihre beiden Kinder in England. Aber "Die Stadt ohne" macht auch deutlich, dass es vor jeder weiteren Eskalationsstufe einen Ausweg gibt.


Bis 10. November, Di – So 10 bis 19 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm unter www.nsdoku.de

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