Nicole Knörr hatte Magersucht "Ich habe am Tag nur noch fünf Kalorien gegessen"

Nicole Knörr (21) aus der Schweiz hat ein Buch über ihren schweren Weg durch die Magersucht verfasst. "Magere Jahre" erscheint am 18. September. Foto: Nicole Knörr

AZ-Interview mit Nicole Knörr: Die 21-Jährige aus der Schweiz hat ein Buch über ihren schweren Weg durch die Magersucht verfasst. "Magere Jahre" erscheint am 18. September.

 

AZ: Frau Knörr, eigentlich fragt man eine Frau weder nach dem Alter noch nach dem Gewicht. Trotzdem: Verraten Sie es?
NICOLE KNÖRR: 
Ja. Ich wiege jetzt zwischen 53 und 55 Kilo. Das gilt laut Body-Mass-Index (BMI, d. Red.) als normal.

Das war nicht immer so. Sie waren jahrelang schwer magersüchtig. Wie dünn waren Sie damals?
Das Gewicht nenne ich nie – denn sonst könnten Betroffene dem nacheifern. Das habe ich bei meinem Klinik-Aufenthalt erlebt: Ich war damals die Leichteste und einige wollten so dünn werden wie ich. Aber den BMI sage ich.

Und der war?
Grundsätzlich sagen Mediziner: Fällt der BMI unter zwölf, ist das lebensgefährlich. Unter zehn ist es eigentlich nicht mehr möglich zu leben. Mein BMI war unter neun. Der Arzt hat damals zu mir gesagt, es sei ein Wunder, dass ich noch lebe.

Wann hat die Magersucht bei Ihnen angefangen?
Das war im Jahr 2010, ich war damals 13 Jahre alt.

So früh?
Ja, das ist aber nicht ungewöhnlich. Meistens beginnt diese Krankheit zwischen zwölf und 18 Jahren.

Flucht in die Magersucht

Was war der Auslöser der Krankheit?
Ich hatte dramatische Erlebnisse, kann aber nicht mehr dazu sagen. Man will sich dann in die Magersucht flüchten, sich beweisen, dass man die Kontrolle hat, aber: Eine Essstörung löst keine Probleme. Es macht nur mehr Probleme.

Sie schreiben, Betroffene sind als Kind oft perfektionistisch und sehr selbstkontrolliert. Waren Sie auch so?
Eigentlich nicht. Ich wurde im Kindergarten als hochintelligent eingestuft. Deswegen habe ich mich aber in der Schule extrem gelangweilt, habe den Unterricht geschwänzt und war faul (lacht). Aber was ich sicher war, ist willenstark und stur. Auch das ist typisch für Magersüchtige.

Wie hat sich die Krankheit entwickelt?
Erst habe ich weniger gegessen und Essenslügen erfunden. Ich habe zum Beispiel gesagt, ich esse bei einer Freundin oder ich lerne während dem Essen – dann habe ich die Mahlzeit mitgenommen und weggeworfen. Mit der Zeit wurde aber jedem klar, dass ich nirgends mehr anständig esse, dann war es jedoch schon zu spät. Es kamen zwar immer Kommentare wie "Iss doch etwas!“ – aber das reichte einfach nicht.

Wie haben Sie auf solche Aufforderungen reagiert?
Wenn mich meine Familie darauf angesprochen hat, bin ich aggressiv geworden und habe herumgebrüllt. Das hat meinen Angehörigen natürlich auch Angst gemacht.

Kleidung aus der Kinderabteilung

Was haben Sie damals überhaupt noch gegessen?
Drei Deziliter fettfreie Bouillon am Tag. Das waren fünf Kalorien. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nur noch in Kindergrößen gepasst.

Nur fünf Kalorien? Hat man da nicht riesigen Hunger?
Man gewöhnt sich an das Gefühl. Ich habe aber wirklich rund um die Uhr an Essen gedacht. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Sobald ich etwas zu lesen begonnen habe, waren meine Gedanken sofort wieder beim Essen. Da ich aber nicht essen wollte, musste ich mich ablenken.

Und wie?
Ich habe ständig Kalorien gezählt. Im Internet habe ich mir dazu von allen möglichen Lebensmitteln die Kalorienangaben herausgesucht und habe sie wie eine Fremdsprache gelernt. Ich habe auch jede Kalorie notiert. Auch wenn es nur zwei Kalorien waren, das war mir wichtig.

"Küchbücher-Lesen war mein Essen"

Aber wenn man sich vom Hunger ablenken will, warum beschäftigt man sich dann nur noch mit Essen?
Dazu gibt es Studien: Wenn der Körper extrem hungert, dann denkt das Gehirn nur noch an Nahrung, bis wir sie bekommen. Ich musste also an Essen denken, habe aber nichts zu mir genommen. Ich habe dann stundenlang Kochbücher angestarrt – als Ersatz. Oder ich habe auch extrem viel gekocht und gebacken – und zwar so viel, dass es niemand essen konnte. Ich selbst hätte aber niemals davon probiert.

Wie haben Sie sich gefühlt, wenn Sie dann doch etwas gegessen haben?
Ich habe mich satt gefühlt, und das war nicht in Ordnung. Man hört wirklich im Kopf diese kranke Stimme: "Iss nicht!" Ich unterscheide immer das gesunde und das kranke Ich. Bei jedem Essen musste das gesunde Ich das kranke erst besiegen.

Und der Kampf ist geschafft?
Ja. Ich rechne und zähle heute keine Kalorien mehr. Wenn ich Lust auf Eis habe – ich liebe Eis! – dann esse ich es. Ich ernähre mich immer noch gesund, wie ich es auch schon als kleines Kind gemacht habe. Aber ich bin glücklich und gesund.

Die heftigen Begleiterscheinungen

Sie hatten mehrere Rückfälle und haben auch noch Bulimie bekommen. Wie schwer war der Weg bis zur Heilung?
Ich konnte irgendwann gar nichts mehr. Treppensteigen war das Allerschlimmste. Und gleichzeitig hat mir mein Kopf immer gesagt, dass ich Sport machen muss. Es ist paradox. Ich habe mich zum Beispiel im Bad eingesperrt, um heimlich Sport zu treiben. Am Ende konnte ich dann nicht einmal mehr einen Löffel halten.

Hatten Sie auch noch andere Begleiterscheinungen?
Ich habe einen Flaum am Körper bekommen, weil er sich nicht mehr von innen wärmen konnte. Meine Körpertemperatur war am Ende bei 34 Grad. Obwohl Hochsommer war und ich ganz viele Schichten Kleidung getragen habe, war mir immer noch eiskalt.

Eiter am Herzen, Blase schwach

Und sonst?
Meine Blase war so schlecht, ich habe in die Hose gemacht und auch das Bett eingenässt. Meine Augen waren so trocken, dass ich kaum noch etwas gesehen habe. Wenn ich eine Wunde hatte, heilte sie fast nicht mehr. Ich hatte auch schon Knochenschwund. Weil meine Magersucht so extrem war, hatte sich um mein Herz bereits Eiter gebildet. Mit Medikamenten konnte verhindert werden, dass es mein Herz erdrückt. Die meisten sind sich nicht bewusst: Man stirbt nicht nur an Hunger, sondern weil der Körper versagt. Es ist eine Katastrophe.

Hatten Sie Angst zu sterben?
Eigentlich nicht. Ich wusste zwar, dass ich irgendwann verschwinden würde. Ich habe mir immer gedacht: Entweder es stoppt mich jemand, wenn es wirklich jemanden interessiert, oder dann bin ich eben weg.

Ihre Familie hat das aber ganz sicher interessiert.
Sie waren gegenüber der Krankheit ohnmächtig. Das geht vielen Familien so, wie sie uns in der Klinik gesagt haben: Viele Eltern fallen in so einer Situation in eine Art Ohnmacht. Sie fühlen sich wie gelähmt. Deswegen heißt es bei Magersucht auch: Nicht nur eine Person ist erkrankt, sondern die ganze Familie.

Emotionale Klinik-Einweiseung

Was hat Sie letztendlich dazu bewegt, diese Katastrophe zu beenden – und die lange Phase der stationären und ambulanten Therapien zu beginnen?
Als ich in die Klinik eingeliefert wurde, hatten wir eine Stunde Zeit zum Überlegen, ob ich bleibe oder nicht. Meine Schwester hat zu mir gesagt: "Wenn du jetzt Nein sagst, bist du morgen tot." Mein Vater sagte: "Ich will meine Tochter nicht verlieren." Meine Mutter hat nur geweint. Das war der schlimmste und zugleich beste Moment – ich habe begriffen, wie ernst es ist.

Was empfehlen Sie Familien von Betroffenen?
Wenn Angehörige etwas bemerken, immer aufmerksam bleiben. Und unbedingt zu einem Spezialisten gehen. Meine Mutter und auch die Familien anderer Betroffener sind erst zu einem Hausarzt gegangen – und die sind völlig überfordert mit so einer Diagnose. Wichtig ist auch, sich genügend Zeit zur Genesung zu nehmen. Ich hatte immer das Gefühl, ich darf nicht zu lange fehlen – aber es geht um das eigene Leben.

Warum haben Sie all das niedergeschrieben?
In erster Linie wegen der Angehörigen von Betroffenen. Ich wollte erklären, was ein Magersüchtiger denkt und fühlt. Ich habe die Hoffnung, dass wenn man weiß, was in einem Erkrankten vorgeht, ihn auch besser verstehen kann. Und die zweite Motivation waren andere Betroffene – ich will ihnen zeigen: Man kann es schaffen.

Und zum Schluss: Was ist heute Ihr Lieblingsessen?
Ich mag asiatisches Essen sehr gerne. Besonders gern Fried Reis (lacht).

 

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