Neuer Mordverdächtiger in Haft Mordfall Peggy: Die Wende

So sah Peggy aus, als sie 2001 verschwand. Foto: dpa

Haben Sie diesmal den Richtigen? Ein 29-Jähriger steht unter dem Verdacht die neunjährige 2001 ermordet zu haben. Der Mann sitzt in Haft – wegen Kindsmissbrauchs seiner eigenen Tochter.

 

Bayreuth – Sitzt tatsächlich der Falsche für einen Mord hinter Gittern, den er nie begangen hat? Die Staatsanwaltschaft Bayreuth ermittelt im Fall der verschwundenen Peggy (9) aus Lichtenberg (Oberfranken) jetzt gegen einen Mann (29) aus der Nähe von Halle – wegen Mordverdachts! Das bestätigte der Chef der Bayreuther Staatsanwaltschaft, Herbert Potzel, Antenne Bayern. Hinter Gittern sitzt derzeit – noch – der behinderte Gastwirtssohn Ulvi K. (36), der in einem umstrittenen Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist.

Holger E. aus der Nähe von Halle, der zum engeren Freundeskreis der Familie von Peggy gehörte, war bereits kurz nach dem Verschwinden des Mädchens im Mai 2001 ins Visier der Ermittler geraten. Der Kripo war das merkwürdige Verhalten von Holger E. nicht entgangen, der Peggy wiederholt in Lichtenberg besucht hatte und sehr vertraut mit ihr war. Er bezeichnete sie schon damals als eine Art Schwester und erklärte damit, warum er an einer Kette um seinen Hals ein Foto von Peggy trug.

Als Verdächtiger schied er damals aber nach kurzer Zeit wieder aus. Seine Mutter, mit der er auf einem kleinen Bauernhof lebte, hatte ihm unter anderem ein Alibi geliefert, das glaubwürdig erschien. Recherchen zufolge sind die Ermittler inzwischen aber davon überzeugt, dass Holger E. damals gelogen hat. Seine perversen Neigungen gegenüber Kindern wurde erst im Frühjahr bei einem Prozess in Halle deutlich. Holger E. wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht sprach ihn schuldig, dass er seine eigene, zur Tatzeit erst zwei Jahre alte Tochter missbraucht hatte. Zusätzlich ermitteln die Staatsanwaltschaften in Bayreuth und Halle gegen ihn wegen weiterer Missbrauchsfälle. Eine der Taten soll Holger E. inzwischen bereits eingeräumt haben.

Unabhängig von der neuen Entwicklung liegt im Fall Peggy seit dem Frühjahr bereits ein Wiederaufnahmeantrag bei der Bayreuther Justiz. Ein Behördensprecher hatte angekündigt, dass eine Entscheidung darüber, ob der Prozess gegen Ulvi K. neu aufgerollt wird, im Oktober verkündet wird. Der Gastwirtssohn, der sich geistig auf dem Stand eines etwa zehnjährigen Kindes befindet, war 2004 vom Landgericht Hof zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er sitzt seitdem in der geschlossenen Abteilung des Bayreuther Bezirkskrankenhauses.

Der Fall Peggy – Eine Chronologie:

7. Mai 2001: Peggy wird letztmalig auf dem Heimweg von der Schule gesehen.

Mai 2001: Wochenlange Suchaktionen der Polizei – auch die Bundeswehr hilft mit – bleiben ohne Erfolg.

August 2001: Der geistig behinderte Gastwirtssohn Ulvi K. wird festgenommen. Er gesteht, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben. Für den mutmaßlichen Zeitpunkt des Mordes an Peggy hat er aber ein Alibi.

22. Oktober 2002: Die Behörden präsentieren den 24-jährigen Gastwirtssohn als mutmaßlichen Mörder.

28. Februar 2003: Die Staatsanwaltschaft in Hof erhebt gegen ihn Anklage wegen Mordes.

7. Oktober 2003: Am Landgericht Hof startet der Prozess.

28. Oktober 2003: Nach nur fünf von 16 geplanten Verhandlungstagen platzt der Prozess wegen fehlerhafter Besetzung der Strafkammer.

11. November 2003: Das Verfahren beginnt erneut.

30. April 2004: Nach 26 Verhandlungstagen wird Ulvi K. wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, ins Bezirksklinikum Bayreuth eingewiesen.

17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge will nach einem AZ-Bericht seine Aussage widerrufen.

4. April 2013: Der Anwalt Michael Euler reicht beim Landgericht Bayreuth den Antrag auf Wiederaufnahme des Falls ein. Der Jurist glaubt, genug entlastende Beweise vorlegen zu können.

22. April 2013: Die Polizei sucht wieder nach der Leiche Peggys. Hinweise führten die Ermittler zu einem Anwesen in Lichtenberg.

Mai 2013: Es werden dort Knochen gefunden, die aber nicht von Peggy stammen.

August 2013: Peter H. (54), der Mann, der mit seiner Aussage dazu beitrug, dass Ulvi K. als Mörder verurteilt wurde, Jahre später seine Aussage dann aber widerrief und dem Wiederaufnahmeverfahren einen entscheidenden Impuls gab, stirbt an den Folgen eines Gehirntumors.

 

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