Neue AZ-Serie Nah am Himmel: Das ist Münchens erstes Hochhaus

Mit Spitzhacke und Schaufel: Die Baugrube hebt sich 1927 nicht von alleine aus. Hier entsteht Münchens erstes Hochhaus. Foto: Stadtarchiv München

Die Stadt tut sich mit dem Bauen in die Luft schwer. Schon vor 90 Jahren sind Wolkenkratzer unbeliebt. In der neuen AZ-Serie "Nah am Himmel" zeigen wir, wo sie gelungen sind – und wo nicht.

 

München - Die Münchner haben ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu ihren Hochbauten. Nicht erst seit der neuerlichen Hochhausstudie aus dem Planungsreferat wird um jedes Stockwerk gerungen. Bereits beim ersten – und lange Zeit einzigen – Hochhaus der Stadt gab es viel Kritik.

Mit gerade Mal 45 Metern Höhe und zwölf Stockwerken ist das Technische Hochhaus an der Blumenstraße keiner der herausragenden Wolkenkratzer, wie sie in den 20er Jahren in anderen Metropolen entstanden. Bereits 1921 hatte sich der damalige Oberbaurat Fritz Beblo im Stadtrat für die Errichtung sogenannter "Turmbauten" ausgesprochen.

Der Bau großer Bürohochhäuser sei geeignet, "zur Belebung der Bautätigkeit beizutragen und durch die Schaffung von Räumen für Handel und Industrie ein wichtiger Faktor zur Hebung des Wirtschaftslebens zu werden".

Das Hochhaus sollte "im Straßenbild künstlerisch befriedigen"

Der Stadtrat stimmte ihm zu, formulierte aber einige Einschränkungen für Bauvorhaben dieser Art. Zum Beispiel müsse der architektonische Aufbau "in Höhe und Form sowohl für die Fernwirkung wie im Straßenbild künstlerisch befriedigen". Darüber hinaus sollten sie die 99-Meter-Marke der Frauenkirche nicht überschreiten.

Die Entstehungsgeschichte des architektonischen Münchner Wahrzeichens hat allerdings nur am Rande mit der aufkeimenden Hochhaus-Hysterie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu tun. Der Versuch, Wohn- und Arbeitsraum in zentraler Lage zu schaffen, spielte in den anfänglichen Plänen des Architekten Hermann Leitenstorfer eine untergeordnete Rolle.

Er war schon seit 1919 mit dem Projekt zwischen Blumenstraße und Unteranger betraut. Dort plante er die Erweiterung eines städtischen Verwaltungsgebäudes, das alle technischen Ämter der Stadt unter einem Dach vereint. Ursprünglich sollte der Komplex nur acht Geschosse haben, weil die Stadtplaner in der Folgezeit mehr Platz brauchten, erhöhte Leitenstorfer seinen Entwurf um vier Geschosse.

Einer der wenigen Paternoster in München

1928 gewann er die Ausschreibung. Das Preisgericht urteilte, dass das Hochhaus "eine willkommene Dominante im Stadtbild schaffen würde". Zu avantgardistisch sollte der Bau allerdings nicht werden. Während die Bauhäusler in anderen Städten mit modernen Baukonzepten experimentierten, wählte München im neuen Bauen seinen bekannten Sonderweg.

Noch allzu gut erinnerten sich die Stadtobersten an die blutig niedergeschlagene rote Räterepublik. Der Wunsch nach Traditionellem und der Hang zum Bewahren schlägt sich in den folgenden Jahren bis in die Baugruben durch. Trotz des modernen Korpus in der zur damaligen Zeit recht neuen Stahlbetonskelettbauweise, sollte sich das Hochhaus durch seine Rohziegelverkleidung optisch ins umliegende Viertel einfügen.

Der schwere Sockel am Boden sowie die Ecktürme verweisen auf das alte Angertor, auf dessen Grund das Technische Rathaus steht. Innen bringt (wenn er dann wieder repariert ist) noch immer einer der wenigen erhaltenen Paternoster die Mitarbeiter des Referats für Stadtplanung und Bauordnung in die oberen Geschosse.

"Ein Musterbeispiel neuzeitlichen Zweckstils"

Im Oktober 1929 wurde das Hochhaus nach nur zwei Jahren Bauzeit eingeweiht. Dem Architekten wurde einerseits vorgeworfen, er habe ein "Hochhaus im amerikanischen Stil" gebaut. Andererseits wurde das Gebäude als "ein Musterbeispiel neuzeitlichen Zweckstils" ("Bayerische Staatszeitung") gelobt. Als späterer Stadtbaurat und Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule (TH) war Leitenstorfer maßgeblich an der Gestaltung der Stadt beteiligt. Sein bekanntestes Vermächtnis bleibt bis heute: das Ziegel-Hochhaus.


Lesen Sie demnächst, welche Büro-Giganten das Stadtbild prägen und wie umstritten sie sind.

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