Neue ARD-Serie Elmar Fischer über „Unsere wunderbaren Jahre“

Christel Wolf (Katja Riemann) leidet unter den „eigenen“ Wegen, die ihre Töchter gehen. Und sie weiß von den schmutzigen Nazi-Aufträgen der Firma. Foto: WDR / UFA Fiction / Wolfgang Ennenbach

Zwischen Aufbruch und Nazi-Vergangenheit: Die ARD-Serie „Unsere wunderbaren Jahre“ nach dem Bestseller von Peter Prange ist große, intelligente TV-Unterhaltung

 

Der ARD-Dreiteiler „Unsere wunderbaren Jahre“ erzählt von drei Schwestern, die ihre Träume im zerstörten Nachkriegsdeutschland verwirklichen wollen. 1948 leben Margot (Anna Maria Mühe), Ulla (Elisa Schlott) und Gundel (Vanessa Loibl) als Töchter des Fabrikanten Eduard Wolf (Thomas Sarbacher) und dessen Frau Christel (Katja Riemann) in der sauerländischen Kleinstadt Altena. Durch einen Deal des windigen Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner), ehemaliger Ortsgruppenleiter der NSDAP, erhascht der in den Augen britischer Besatzer unbelastete Wolf mit Böcker den Auftrag, die Münzen der kommenden D-Mark zu prägen.
Zuhause häufen sich die Konflikte: Margot, die älteste und Mutter eines Sohnes, soll ihren im Krieg vermissten Ehemann und SS-Soldaten Fritz vergessen. Ulla möchte lieber in Tübingen Medizin studieren, als einmal die Firma zu übernehmen. Letzteres würde Gundel gerne tun, aber ihr Vater traut ihr das nicht zu. Regisseur Elmar Fischer inszenierte die packende Familiengeschichte und eindrucksvoll bebilderte Geschichtsstunde.

AZ: Herr Fischer, was hat Sie an „Unsere wunderbaren Jahre“ besonders gepackt?
ELMAR FISCHER: Ich habe mich zunächst gefragt, was die Geschichte denn mit meinem Leben zu tun hat und mit unserer heutigen Zeit. Da bin ich schnell auf zwei Punkte gekommen: Das eine ist die Verstrickung mit dem Nazi-System und die Schuld, die diese Menschen teilweise mit sich herumtragen und an die sie gar nicht rangehen wollen. In einer Zeit wie heute, in der die AfD wieder solchen Erfolg verzeichnet, ist das spannend, da genau hinzuschauen. Das andere ist der ökonomische und menschliche Aspekt. Die Menschen hatten kurz nach Kriegsende nichts außer ihrer Zuversicht und ihrem Optimismus. Und wenn man sieht, was die dann daraus geschaffen haben, dann setzt das diese Empörung und auch Wut, die heute in der Gesellschaft ist, in einen ganz anderen Bezugsrahmen und macht sie vielleicht auch ein bisschen unverständlicher. Wir haben nach einer neuen Studie den dritthöchsten Lebensstandard weltweit und dennoch herrscht eine Empörung über die Zustände. Wenn man schaut, woher wir kamen und wo wir nach 75 Jahren stehen, kann dieser Film doch auch ein Beispiel geben, wie man sich innerlich disponieren kann.

Sie sind 51 Jahre alt und haben logischerweise für die Fünfziger Jahre kein authentisches Lebensgefühl. Hatten Sie großen Respekt davor, eine Zeit zu inszenieren, die Sie selbst nie erlebt hat?
Totalen Respekt. Da war ich natürlich sehr dankbar um die lange Vorbereitungszeit. Ich habe vielgelesen und mir Filme aus der Zeit angeschaut, zum Beispiel „Sündige Grenze“, der ist nach heutigem Verständnis ein Arthouse-Film. Horst Buchholz tritt dort noch als Komparse auf. Es war für mich sehr gewinnbringend zu sehen, wie die Leute in diesen Filmen gekleidet waren, wie die geredet haben. Ich habe auch viel Musik gehört aus der Zeit. Wir verwenden im Film Hans Albers‘ Lied „...und über uns der Himmel“, das hat richtig Chansoncharakter.

„Unsere wunderbaren Jahre“ spielt in einer nordrheinwestfälischen Kleinstadt, Sie sind auch in einer solchen aufgewachsen. Hilft das für ein besseres Verständnis?
Ja, sehr. Ich finde es viel spannender, so eine Geschichte in einer Kleinstadt zu erzählen, weil sich die Dinge viel mehr verdichten, viel enger zusammenrücken und eine andere erzählerische Kraft entfalten können. Außerdem ist es ja so, dass in Deutschland viel mehr Menschen in der Provinz als in den Großstädten wohnen. Filmisch gesehen ist die deutsche Kleinstadt aber ein wenig unterrepräsentiert.

Was ist die besondere Herausforderung, wenn man so einen historischen Stoff inszeniert?
Man muss versuchen, jeden Euro auf den Bildschirm zu bekommen. Es ist wahnsinnig schwer, diese Zeit zu erzählen, wenn man nicht die ausreichenden Mittel dafür hat. Wir mussten viel Kulisse computergenerieren, was übrigens teurer ist, als die meisten denken. Machbar war das ganze Unternehmen letztlich nur, weil wir in Tschechien spannende Drehorte gefunden haben, alte, verfallene Häuser stehen, manchmal auch unbewohnt, die man dann nach den Bedürfnissen des Films gestalten kann.

Peter Prange, die Drehbuchautoren Florian Puchert und Robert Krause und Sie zeigen uns die Lebensträume von drei jungen Frauen. Fehlt da nicht eine Frau im Team?
Das Team besteht ja nicht nur aus den von Ihnen erwähnten Männern, da steht ja eine ganze Armada von Menschen dahinter, an vorderster Front die WDR-Redakteurin Caren Toennissen, die UFA-Dramaturgin Lena Kammermeier und die Producerin Alena Jellinek. Und außerdem haben vor allem die Schauspielerinnen auch noch einmal ihre Sicht auf die Figuren mit eingebracht. Wir haben vor den Dreharbeiten fast ein halbes Jahr geprobt, auch anhand einer Figurenaufstellung die Psychologie erarbeitet und viel über den Stoff geredet – das fließt ja alles mit ein. Von daher: Ja, das Kernteam mag erst einmal männlich anmuten, aber so war es eigentlich nicht.

In der Serie sieht man viele bekannte Gesichter, aber auch Neuentdeckungen.
Wir haben niemanden besetzt, weil er prominent ist, sondern nur darauf geschaut, wer am besten zur Figur passt. Wir hatten einen quälend langen Castingprozess. Im heißesten Sommer, den dieses Land je hatte, habe ich 2018 in einem stickigen Studio in Potsdam 27 Tag lang gecastet. Das war wirklich Irrsinn. Ich muss aber sagen, dass sich der Aufwand gelohnt hat, ich bin wahnsinnig glücklich mit jeder Figur, mit jeder Besetzung. Es gehört auch Mut dazu, einer unbekannteren Darstellerin, wie es beispielsweise Vanessa Loibl noch war, eine so große Rolle anzuvertrauen. Das hat sich aber total ausgezahlt.

Glauben Sie, mit dem Film auch junges Publikum erreichen zu können?
Natürlich, wir können uns ja nicht nur auf die Leute stürzen, die im Film ihre eigene Jugend sehen. Das wäre ja viel zu schmal vom Zielpublikumskorridor her. Wir erzählen temporeich, ich finde auch, dass man als Zuschauer immer den Herzschlag der Heldinnen spürt. Und meiner Meinung nach können wir durchaus gegen junge Formate, die auf Netflix oder Amazon laufen, bestehen. Das ist auf jeden Fall unser Anspruch.

Wieviel Drehtage hatten Sie?
Mit großem Team waren das 78 Drehtage. Wir haben am 1. April 2019 angefangen und waren Ende Juli fertig. Das ist eine Wahnsinnsstrecke, das braucht einen langen Atem. Danach hatte ich zwei Wochen frei und war dann vom August bis in den Januar im Schneideraum und in der Postproduktion. Das waren insgesamt über zwei Jahre harte Arbeit, und dann ist es manchmal fast frustrierend, wenn Menschen Dir eine Nachricht schicken: „Hey super, habe die ganze Serie gestern Abend am Stück gesehen.“ Obwohl es natürlich auch eine Auszeichnung ist, dass die Serie so einen Sog erzeugt.
  
ARD, 18. März, 20.15 Uhr, Teil 2 am 21. März, und Teil 3 am 25. März, jeweils 20.15 Uhr. Die Serie ist vollständig in der ARD-Mediathek abrufbar

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