Neu im Kino Peter Simonischek über "Crescendo"

Peter Simonischek als nachdenklicher Dirigent zwischen israelischen und palästinensischen Musikern in einer Szene des Films „Crescendo“. Foto: Oliver Oppitz/Camino Filmverleih

In Dror Zahavis Film „Crescendo“ spielt Peter Simonischek den deutschen Dirigenten eines Jugendorchesters aus Israelis und Palästinensern

 

Inspiriert von Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra erzählt Dror Zahavi im Ensemblefilm „Crescendo“ von jungen Musikern aus Palästina und Israel, die gemeinsam auf neutralem Boden in Südtirol proben, um mit einem Konzert ein Zeichen für den Frieden zu setzen. Der Österreicher Peter Simonischek („Toni Erdmann“) spielt einen berühmten Dirigenten, der durch die Kraft der Musik versucht, Vertrauen zwischen den beiden Gruppen zu schaffen, Vorurteile und Misstrauen abzubauen. Für Simonischek eine Paraderolle.

AZ: Herr Simonischek, was war ihre erste Reaktion auf das Drehbuch?
PETER SIMONISCHEK: Ich habe es auf die Rolle hin gelesen und gemerkt, dass die sich primär in der Funktion als Dirigent erschöpft und nicht in den Konflikt eingebunden war. Aber eine wunderbare Szene reizte mich. Der Dirigent Eduard Sporck, ein emeritierter Professor, erfährt als Erwachsener, dass ihn seine Nazi-Eltern in die Obhut einer Bäuerin gegeben haben und begegnet seiner „Ziehschwester“, hört von ihr etwas über seine Kindheit. In der letzten Drehbuchfassung war diese Dialogszene gestrichen. Ich war enttäuscht und habe Regisseur Dror Zahavi nachts um drei Uhr eine Mail geschickt, um abzusagen. Morgens um sieben Uhr haben wir uns auf einen Kaffee getroffen und dann habe ich gemerkt, wie er für diesen Film brennt und bin doch nicht ausgestiegen. Also habe ich mich nicht für die Rolle, sondern für den Film entschieden. Jetzt bin ich froh darüber.

Wie schafften Sie das Dirigieren?
Ich habe so viele Freunde bei den Berliner und Wiener Philharmonikern, da durfte ich mir keine Blöße geben und habe fleißig geübt. Ein Coach hat mich während des Drehs begleitet.

Kann die Musik, die Kunst eine Brücke schlagen?
Natürlich kann sie das. Das war das Spannende bei den Dreharbeiten. Die einen kamen aus Ramallah oder Ostjerusalem, die anderen aus Tel Aviv, sie stiegen in dasselbe Flugzeug und kamen gemeinsam an. Ihren klugen Umgang mit dem schwierigen Konflikt in der Region kann man nur bewundern. In den Pausen hockten sie zusammen, musizierten und sangen gemeinsam, hatten so viel Spaß miteinander ob beim Essen, Trinken oder Zigarettenrauchen. Diese jungen Menschen verfügen über eine traumwandlerische Sicherheit, bestimmte Themen auszuklammern. Die anfängliche Distanz schwand schnell. Deshalb war das Schlimmste dann eine Szene, in der sie sich gegenseitig beschimpfen, ihre Wut rauslassen sollten. Eine brisante Situation. Da habe ich eine Veränderung gespürt, eine Angst vor der Szene, eine Verstörung. Einer hat sich sogar auf das Klo verkrochen, weil er nicht mitmachen wollte.

Nach Ihren Erfahrungen mit den jungen Musikern: Ist Frieden im Nahen Osten nur eine Utopie oder auch greifbar?
Wollen Sie das wirklich hören?

Ja.
Es stehen massive wirtschaftliche Interessen dahinter, dass diese Region nicht zur Ruhe kommt. Ein riesiger Markt für Waffen. Die orthodoxe Partei ist so stark, dass keine Entscheidung ohne sie in der Knesseth getroffen werden kann. Die jungen Leute sind nicht gut auf diese Fundamentalisten zu sprechen, so jedenfalls mein Eindruck. Man fragt sich, wieso haben die so gar keine Stimme? Eine Demokratie zeigt ihre Stärke im Umgang mit Minderheiten. Und da liegt einiges im Argen. Selbstverständlich möchten wir alle an einen Frieden glauben. Nur jeder, der sich ernsthaft darum bemüht hat, bezahlte das bisher mit seinem Leben, in den eigenen Reihen. Ich vergesse nicht, was mir mein Vater gesagt hat, der sechs Jahre in der Deutschen Wehrmacht war: „Merke dir eines mein Junge, alles ist besser als Krieg“.

Die heutigen Generationen haben das Schreckliche nicht erlebt.
Ich habe die Folgen erlebt, hatte das Glück quasi in der Stunde Null geboren zu sein. Alle waren überzeugt, es könne nur aufwärts gehen. Die Bedürfnisse waren da und man ist mit der Erfahrung aufgewachsen, dass es heute besser ist als gestern und morgen noch besser wird als heute. Ein überzeugendes Prinzip, solange die Bedürfnisse vorhanden sind. Irgendwann stellte sich heraus, das System funktioniert, aber die Bedürfnisse gehen uns langsam aus. Neue werden nur durch ein geschicktes Marketing geweckt. Es wäre blauäugig, darauf zu vertrauen, dass sich das von selbst regelt im besten humanen Sinne.

Schauen Sie pessimistisch in die Zukunft?
Ich bedauere es, dass ich nicht erleben werde, wohin die Zukunft letztendlich steuert. Ich würde gerne wissen, ob die menschliche Spezies die ist, die sich selber auslöscht. Das wäre eine unglaubliche Ironie, wenn der Mensch als begabtes Wesen den eigenen Untergang herbeiführt. Über die Egoismen wird man sich bestimmt noch wundern.

Wenn wir schon über Politik reden: Sollte ein Schauspieler öffentlich Position beziehen?
Der Schauspieler genießt in Österreich eine größere gesellschaftliche Reputation als in Deutschland. Deshalb kann man sich schon mal politisch äußern und landet auf einem prominenten Platz in der Zeitung. Aber wichtiger ist mir unsere Verantwortung gegenüber dem gnadenlosen Quotendenken, das zur Verblödung und zur Unmündigkeit der Menschen beiträgt. Wieso waren wir so überrumpelt von Trumps Sieg in Amerika oder vom Siegeszug der AfD? Wir Künstler sollten dieses Quotensystem hinterfragen oder auch mal unterlaufen. Ansonsten sind die Folgen für die Demokratie verheerend.

Der gesellschaftliche Trend geht zum „betreuten Denken“…
Der Terminus gefällt mir, den werde ich mir merken. Es gibt noch eine superlustige Definition: Wenn man einen jungen Schauspieler fragt, wie denn die Arbeit so war, sagt er „Na ja, betreutes Im-Stich-lassen.“

Sie sind Burgschauspieler, haben von 2002 bis 2009 den „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen verkörpert. Warum drehen Sie überhaupt Kino- und Fernsehfilme?
Ich bin einer der wenigen Schauspieler, die durchgehend Theater gespielt haben. Nach der Ausbildung bin ich nach St. Gallen gegangen, von da nach Bern und Düsseldorf, war an der Schaubühne in Berlin und jetzt seit 20 Jahren am Burgtheater. Ich wollte immer auf der Bühne vor Publikum spielen und hätte sie nie aufgegeben. Das finde ich immer noch attraktiv, obgleich es wesentlich weniger lukrativ ist. Nach dem Erfolg von „Toni Erdmann“ waren Journalisten irritiert über meine Filmografie, die an Kraut und Rüben erinnerte, auch von der Größe der Rollen. Das lag daran, dass sich meine Filme nach dem Zeitplan der Theater zu richten hatten.

Was macht für Sie der Reiz am Kino aus?
Wie am Theater: Mit guten Leuten zu arbeiten. Die Suche nach dem Außergewöhnlichen, nach dem Besonderen ist eine wichtige Antriebsfeder. Ich entscheide mich immer nach dem Bauchgefühl. Die Arbeit mit Maren Ade an „Toni Erdmann“ war großartig, meine bisher beste Erfahrung. Sie hat ein unbestechliches Gefühl für Wahrhaftigkeit und den authentischen Moment, dem ordnet sie alles unter, immer auf der Suche nach Direktheit, nach Leben.

Könnten Sie sich vorstellen, die Hände mal in den Schoß zu legen, nichts mehr zu machen?
Eine furchtbare Vorstellung! Ich habe einen der schönsten Berufe, hätte nur gern den Luxus, mehr Luft zu haben, mich mehr vorbereiten zu können. Oft kann man eine Sache nicht richtig genießen, weil schon die nächste ins Haus steht. Aber nichts machen? Auf keinen Fall. Ein Schauspieler, der nicht spielt, ist so gut wie nicht mehr existent.


 
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