Nach Rettung aus Riesending-Höhle Geschafft! Höhlenforscher erholt sich in Klinik

Rettungskräfte laden nahe des Eingangs zur Riesending-Höhle Ausrüstung in einen Hubschrauber. Foto: Nicolas Armer Foto: dpa

Nach 274 Stunden ist der verletzte Forscher Johann Westhauser gerettet – und „wohlbehalten“ in der Klinik in Murnau. Ein beispielloser Hilfseinsatz hat es möglich gemacht.

 

München/Berchtesgaden - Um 11.44 Uhr erblickte Johann Westhauser im Alter von 52 Jahren gestern ein zweites Mal das Licht der Welt: In diesem Moment erreichten die Retter mit dem schwerverletzten Höhlenforscher in der Trage den Ausgang der Riesending-Höhle. Geschafft: 274 Stunden nach seinem Unfall im tiefsten Inneren der gewaltigsten Höhle Deutschlands ist der Verletzte geborgen und im Freien.

Es war der Satz, auf den alle gewartet hatten: „Der Verunglückte ist an die Oberfläche gebracht worden und wird notfallmedizinisch versorgt“, simste die Bergwacht um kurz vor zwölf. Eine erlösende Botschaft.

Die Bergwacht veröffentlicht Video-Material von der bewegenden Szene. Erst sieht man die Helfer, in allen möglichen Sprachen durcheinander redend, manche haben ein italienisches „Soccorso Speleologico“ oder ein kroatisches HGSS-Logo auf ihrer schlammverschmierten Jacke – aber alles läuft Hand in Hand. Dann ruft einer: „Der Johann ist superfit! Ihr könnt euch freuen! Alles gut!“ Jubel bricht aus, die erschöpften Retter umarmen sich, mancher wischt sich Tränen aus den Augen. Dann kommt die Trage ans Tageslicht, Johann Westhauser liegt in einem rot-blauen Sack, die Augen geschlossen, womöglich medikamentös ruhigestellt. Sofort wird er zu einem Helikopter der Bundespolizei transportiert. Nicht von einzelnen Männern getragen, sondern weitergereicht von einer großen Menschenkette.

Auf dem Flug stabilisiert sich Westhauser, erzählt später Nico Petterich, der Arzt, der im Helikopter dabei war. Der Verletzte wurde in die Unfallklinik Murnau gebracht. „Er hat sogar Scherze gemacht. ,Kannst du den Piloten bitten, dass er noch über das Stöhrhaus fliegt?’“, zitiert Petterich den Verletzten. Und er habe höher gelegt werden wollen, damit er nach den fast zwei Wochen in Dunkelheit etwas sieht. Westhauser habe ihm den Dank an alle Helfer mitgegeben. „Er hat meine Hand genommen und gesagt, dass er jeden einzeln anrufen wird.“ Da hat Westhauser wohl noch nicht gewusst, wie viele Menschen dabei waren. „Das war eine Mammutaufgabe. 728 Rettungskräfte waren im Einsatz, davon 202 in der Höhle direkt“, sagt Norbert Heiland, Chef der bayerischen Bergwacht. „Der Patient ist wohlbehalten in der Klinik angekommen. Damit haben wir unser wesentliches Ziel erreicht.“ Heiland: „Die Retter haben geschuftet, die haben dort Höchstleistungen gebracht. Die Besten der Höhlenrettung in Europa waren hier versammelt. Hier ist ein Kapitel alpiner Rettungsgeschichte geschrieben worden.“ Journalisten stehen auf und applaudieren, das gibt es bei Pressekonferenzen sonst nie.

Über 1000 Meter tief, 19 Kilometer lang: Die Riesending-Höhle wartet mit Superlativen auf. Und der Unfall, als Westhauser bei einem Steinschlag ein Felsbrocken am Kopf traf, war noch hinter Biwak 5 passiert. Die Helfer zogen, schoben und hievten die Trage sechs Tage lang durch das unterirdische System.

Die letzten Passagen waren die härtesten. Oft geht es da senkrecht nach oben. Es ist dunkel, verwinkelt, rutschig und extrem eng. Da wird das Bugsieren eines Schwerverletzten in seiner Trage zur mühsamen Millimeter-Arbeit.

Oder ein 180-Meter-Schacht, der an einem Stück bewältigt werden muss, eine Pause ist nicht möglich. Der Patient samt Trage (insgesamt 100 Kilo) musste hier frei schwebend hochgezogen werden – mit Muskelkraft. Eine Seilwinde mit Motor wäre zu gefährlich: Der Patient musste wegen seiner schweren Kopfverletzungen unbedingt vor Erschütterungen geschützt werden. Also gab es einen so genannten Pendelzug: Retter mussten sich als Gegengewicht zu Westhauser mit viel Fingerspitzengefühl den Schacht runterlassen, damit sich die Trage mit dem Verletzten am anderen Ende des oben befestigten Seils sachte nach oben bewegt.

Vor dem Schacht hatten die Rettungskräfte nochmal eine lange Pause eingelegt, länger als geplant. Um 5.30 Uhr setzten sie sich dann wieder in Bewegung. „Es war immer klar, dass Sicherheit vor Schnelligkeit geht“, so Bergwachtsprecher Roland Ampenberger. Insgesamt lagen die Rettungskräfte gut im Zeitplan: Manche Passagen dauerten länger als geplant, andere kürzer. Alle preisen die Teamarbeit.

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Die Rettungsaktion war beispiellos. Eine Aktion der Extreme in einer Höhle der Extreme – sie ist die tiefste und längste in Deutschland. Allein für den 1000-Höhenmeter-Aufstieg vom Talboden der Höhle bis ans Tageslicht braucht ein topfitter Höhlen-Profi zwölf Stunden. Sogar der Abstieg ist derart beschwerlich, dass der erste Arzt auf halbem Weg aufgeben musste. So dauerte es nach dem schweren Steinschlag zweieinhalb Tage, bis überhaupt der erste Mediziner bei dem Schwerverletzten eintraf. Und zwar so schwer verletzt, dass er mit seinem Schädel-Hirn-Trauma unter allen anderen Umständen sofort auf die Intensivstation gekommen wäre. Weil befürchtet wurde, dass wegen einer möglichen Schwellung des Gehirns der Schädel geöffnet werden musste, wurde auch ein spezieller Knochenbohrer nach unten geschafft.

Westhauser scheint die Tortur mental gut überstanden zu haben. „Er hat seine Arme in die Ärmel seines Schlafsacks gesteckt, damit er sie bewegen kann – und helfen, wenn es um das Bugsieren der Trage geht“, berichtete ein Bergwachtsprecher zwischendrin. Die Retter hatten ihm eine Art Motorradhelm aufgesetzt, um den verletzten Kopf zu schützen. An einer Stelle wurden Planen aufgespannt, um ihn vor einem Wasserfall zu schützen, durch den man durch muss – einem durchnässten Liegenden droht bei vier Grad rasch eine gefährliche Unterkühlung.

Rund 120 hochspezialisierte Helfer waren aus ganz Europa angereist, die meisten aus Italien, Österreich, Kroatien und der Schweiz. Manche sind von ihren Arbeitgebern freigestellt worden, andere haben ihren Sommerurlaub geopfert, um dem verletzten Höhlenforscher zu helfen. Ein Land allein, so die Bergwacht, hätte gar nicht genug spezialisierte Einsatzkräfte gehabt.

Aber natürlich sind auch viele Kosten angefallen: für die Bergwacht, für die Sanitäter, für die vielen Hubschrauberflugstunden, für den Einsatz der Bundespolizei, für die Materialschlacht. Die Frage, wer das zahlt, wurde nicht laut gestellt, solange erstmal das Wichtigste war, den Verletzten zu retten – jetzt dürfte sie wieder aufkommen. Und noch eine weitere Debatte hat schon begonnen: Innenminister Joachim Herrmann kündigte auf der Pressekonferenz in Marktschellenberg an, dass er den Eingang der Höhle verschließen lassen will – aus Sorge vor einem gefährlichen Tourismus Neugieriger. Er fürchte, dass jetzt EU-weit viele denken: „,Das muss ich mir jetzt anschauen, was da los war.’ Das führt dazu, dass Leute in die Höhle einsteigen, die überhaupt nicht die Fähigkeit haben. Dem vorzubeugen halte ich für absolut notwendig.“

 

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