Nach Raserunfall in Laim Chefausbilder Gerd Enkling im Interview: So verfolgt die Polizei Raser

Gerd Enkling Foto: Nicolas Armer/dpa

Ein Autofahrer flüchtet vor der Polizei und tötet dabei einen Jugendlichen. Hätten die Beamten den Raser fahren lassen sollen oder nicht? Der Chefausbilder erklärt.

 

München - Nach dem tödlichen Raserunfall in München ist die Polizei in die Kritik geraten. Den Beamten wurde vorgeworfen, den 34 Jahre alten Autofahrer gehetzt und damit den Unfall provoziert zu haben. Die Münchner Polizei hat dies zurückgewiesen. Nun erläutert Bayerns Polizei-Chefausbilder Gerd Enkling im Interview der Deutschen Presse-Agentur, nach welchen Regeln Verfolgungsfahrten ablaufen.

Der Raser war am vergangenen Freitag kurz vor Mitternacht auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle mit bis zu 100 Stundenkilometern durch München gerast. Er erfasste zwei 14 und 16 Jahre alte Jugendliche. Der 14-Jährige starb im Krankenhaus, die 16-Jährige wurde schwer verletzt. Am Freitag soll am Unfallort mit einer Mahnwache an die Opfer erinnert werden.

Gerd Enkling ist Leitender Polizeidirektor beim Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei in Bamberg. Er schult als Chefausbilder die angehenden Streifenbeamten im Freistaat. Die Bereitschaftspolizei hat mehr als 7.800 Beamte und ist auch wesentlich für die Ausbildung junger Polizisten zuständig. Die Fortbildung im Bereich der Einsatzfahrten wird für die Beamten in Ausbildung zentral von der Bereitschaftspolizei geleistet.

Welches Verhalten lernen die angehenden Polizisten in Bayern, wenn ein Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle Gas gibt und flüchtet? Sollen Polizisten in diesem Fall eher sofort die Verfolgung aufnehmen oder eher Kollegen benachrichtigen, die den Flüchtenden dann an anderer Stelle stoppen sollen?
Die Beamten in Ausbildung werden geschult, die jeweilige Situation im Einzelfall zu beurteilen. Von Bedeutung ist dabei insbesondere, ob der betroffene Verkehrsteilnehmer vom äußeren Anschein her die polizeilichen Anhaltesignale unter Umständen nicht bemerkt hat oder ob er ganz bewusst davon fährt und dabei auch sehr deutlich die Geschwindigkeit erhöht. Im zweiten Fall muss es für die Polizeibeamten als Fakt angesehen werden, dass der Betreffende ab diesem Zeitpunkt eine hohe Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt.

Zum einen da er sich der Polizei zu entziehen versucht und dabei mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit den geltenden Verkehrsregeln (zum Beispiel rote Ampeln, Stoppschilder, straßenbedingte Geschwindigkeitsbeschränkungen) keine große Beachtung schenken wird. Zum anderen, weil diese Flucht ja aus einem bestimmten Grund verhindern soll, dass die Polizei ihn kontrolliert (zum Beispiel Verschleierung einer erheblichen Straftat, Alkohol- oder Drogenfahrt, bestehender Haftbefehl). In allen Fällen ist aber eine polizeiliche Nachfahrt nach Möglichkeit durchzuführen. Dies natürlich unter Beachtung der Verhältnismäßigkeit aber auch soweit dies geboten erscheint unter der Verwendung von Sonder- und Wegerechten.

Wenn ein Fahrer verfolgt wird und der Flüchtende dies bemerkt: Gibt es statistische Erkenntnisse oder Erfahrungswerte darüber, ob solche Autofahrer dann eher aufgeben oder eher noch schneller fahren, um auf jeden Fall zu entkommen?
Durch die Bayerische Bereitschaftspolizei werden keine dahingehende Statistiken geführt. Die Erkenntnis, dass zu hoher Druck zu schnellerem Fahren, aber auch zur Fluchtaufgabe führen kann, ist bekannt und wird in der Unterrichtung thematisiert. Es ist aber auch erwiesen, dass ein entsprechend Flüchtender, der sich einer Polizeikontrolle bewusst entzogen hat, immer davon ausgeht, dass er verfolgt wird beziehungsweise intensiv nach ihm gefahndet wird. Von diesem Aspekt her wird er immer versuchen, so schnell wie möglich vom Ausgangsort wegzukommen, was in jedem Fall eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit nach sich ziehen wird.

Gibt es spezielle Schulungen wie beispielsweise praktische Sicherheitstrainings, damit die Beamten Verfolgungsfahrten erlernen können?
Unter den verschiedenen Elementen der Fahrausbildung, die die Beamten zur Bewältigung von Verfolgungsfahrten vorbereiten, ist insbesondere das Training am Verkehrstrainingssimulator hervorzuheben. Hierbei lernen die Beamten in Ausbildung in realistischen Bedingungen die Herausforderungen von Fahrten unter Verwendung von Sonder- und Wegerechten kennen und meistern. Dieses Training ist vorgeschriebenes Element des Ausbildungsplanes und findet unter Betreuung von speziell dafür fortgebildetem Ausbildungspersonal statt.

 

2 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading