Münchner Volkstheater Stefanie Sargnagel über das Oktoberfest und ihr Stück "Am Wiesnrand“

Die österreichische Autorin und Künstlerin Stefanie Sargnagel, die mit bürgerlichem Namen Stefanie Sprengnagel heißt. Foto: Horst Ossinger/dpa

Stefanie Sargnagel hat sich auf dem letzten Oktoberfest herumgetrieben und daraus den Theatertext "Am Wiesnrand" für das Volkstheater draus gemacht

 

Unaufhaltsam erobert sich Stefanie Sargnagel diverse Bühnen. 2016 gewann sie den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihren Gewinnertext "Penne vom Kika" adaptierte die Regisseurin Christina Tscharyiski zu einer Theaterrevue mit dem Titel "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis". Das Stück war auch bei "Radikal Jung" im Volkstheater, wo es den Publikumspreis gewann.

Im Auftrag des Volkstheaters hat Sargnagel nun letztes Jahr ausgiebig das Oktoberfest besucht, um aus ihren Erfahrungen einen neuen Theatertext zu destillieren: "Am Wiesnrand" wird morgen im Volkstheater uraufgeführt, Regie führt erneut Christina Tscharyiski.

AZ: Frau Sargnagel, waren Sie im letzten Jahr zum ersten Mal auf dem Oktoberfest?
STEFANIE SARGNAGEL: Nein, ich hatte schon mal eine Lesung in München und war dann mit ein paar jungen, linken Frauen spätabends für eine halbe Stunde dort, aber dann wurde auch schon wieder zugesperrt. Mir hat es aber damals schon gefallen. Ich mag solche Massenveranstaltungen sehr, weil man die Menschen dabei gut beobachten kann.

Ihr Blick ist dabei sicherlich kritisch.
Nicht unbedingt. Ich bin gar nicht so anti, wie man glauben könnte. Prinzipiell würde ich mich als Menschenfreundin bezeichnen. Ich finde auch am Oktoberfest schön, wie die Leute ihre Masken fallen lassen, wie sie eskalieren. In anderen Schichten kann man vielleicht schneller diese Enthemmung sehen, aber dass das Bürgertum sich dermaßen demaskiert, habe ich sonst nirgends erlebt.

In Österreich gibt es solche alkoholgeschwängerten Feste nicht?
In Österreich trinkt man schon gerne. Aber diese Art von Vernichtungstrinken habe ich dort noch nicht gesehen. Dass selbst ein Firmenchef sich volllaufen lässt und nicht mehr gehen kann, weshalb ihn seine Freundin oder Frau stützen muss, ist schon einzigartig und finde ich auch rührend. Insgesamt offenbaren die Leute auf dem Oktoberfest sehr schnell ihre Wünsche und Hoffnungen, ihre ganze Verletzlichkeit. Dabei sieht man ganz viele weinende Frauen – so zeigen die ihre Gefühle, auch ihre Trauer. Die Männer hingegen zeigen ihre Penisse. Das ist dann wohl ihre verletzliche Seite.

Wurden Sie öfters angegrabscht?
Angegrabscht nicht, aber dafür, dass ich eher abgefuckt angezogen war, wurde ich überraschend oft angemacht und komisch angesprochen. Ich wurde vorab gewarnt, dass es gefährlich sei, alleine als Frau aufs Oktoberfest zu gehen. Mir kam das fast so vor, als würde ich jetzt alleine nach Saudi-Arabien fahren – ja die Codes einhalten und ja nicht auffallen!

Aber Sie waren dann doch nicht lange alleine.
Nein, das ist ja auch das Schöne: Dass man sich auf dem Oktoberfest aufgehoben fühlt. Mein Plan war auch, dass ich jemanden aufreißen wollte. Das ist ja immer der Plan im Leben. Zumindest unbewusst. Und auf der Wiesn gibt es nun mal eine große Auswahl an willigen Männern. Da braucht man nur alleine dazustehen und schon wird man angesprochen, wieso man denn so alleine dasteht.

Und, hat es geklappt?
Ja. Jeden Abend.

Bitte?
Nein, das war ein Scherz. Aber ich behaupte, ja.

Gab es denn nichts, was Ihnen in diesem Großrausch übel aufgestoßen ist?
Doch, natürlich. Rassistische oder sexistische Übergriffe finde ich natürlich schlecht, aber gleichzeitig finde ich es interessant, wie sich das auf dem Oktoberfest zeigt. Am Schlimmsten fand ich ein Paar, wo er ihr sagte, dass sie gleich zu Hause ihre Abreibung bekommt. Da wurde die häusliche Gewalt schon mal angekündigt. Dabei waren die jung, attraktiv und sahen wohlhabend aus.

Trotz solcher Beobachtungen klingt es aber so, als ob Sie das Oktoberfest eher umarmen.
Ja, das ist auch so. Man kann aber nicht sagen, dass "Am Wiesnrand" ein liebevoller Abend wird. Der ist bei aller Liebe auch irgendwie gehässig. Das heißt, es können sich schon einige beleidigt fühlen, obwohl ich es sehr nett meine... Mich hat auch positiv überrascht, dass das Oktoberfest wirklich multikulturell ist. In Österreich kann man die meisten Trachtenfeste dem rechtskonservativen Spektrum zuordnen. Beim Oktoberfest sieht man aber auch alternative Leute, viele migrantische Jugendliche, Menschen mit verschiedenen Hautfarben, ohne dass die unbedingt Touristen sind. Auch die queere Wiesn hat mir gut gefallen: Auf den ersten Blick sieht das aus wie der Rest der Wiesn. Erst auf den zweiten sieht man dann, dass die Leute sich dort gleichgeschlechtlich begrabschen.

Waren Sie auch auf dem Kotzhügel?
Ja, relativ oft, weil das so vielversprechend klang. Aber zu meiner Enttäuschung ging dort alles recht zivilisiert zu. Die Leute chillen da eher. Die diversen Eskalationen fanden eher zwischen den Zelten statt.

Hatten Sie während Ihrer Recherche selbst mal einen Vollrausch?
Nein. Einmal vielleicht. Ich bin einfach scharfsinniger, wenn ich nicht besoffen bin. Wenn ich trinke, werde ich dumpf. Ich musste auch mal Fäusten ausweichen, und außerdem war ich sowieso berauscht von dem, was ich da sehen konnte. Ich trinke eigentlich nur, wenn ich mich langweile. Beim Oktoberfest wird man ständig gut unterhalten, allein durch die vielen Slapstick-Momente.

Zum Beispiel?
Ein Bild, das sich mir eingeprägt hat, war eine Frau, die vielleicht ein Meter sechzig groß war und an mir besoffen vorbei gewankt ist. Gleichzeitig balancierte sie eine riesige Tuba vor der Brust. Das war wie in einem Comic, so wie das Oktoberfest insgesamt wie ein einziger, langer Comic ist.

Christina Tscharyiski hat schon "Ja Eh! Beisl, Bier und Bachmann-Preis" inszeniert, dabei war die Wiener Schlagerlegende Voodoo Jürgens als musikalischer Unterhalter angeheuert. Jetzt sorgt die Band Euroteuro für den Sound des Abends. Klingt so, als ob das wieder eine Revue wird.
Ja, das ist glaube ich auch Christinas Stil und Ziel: dass es eine gute Show wird, nicht anstrengend, sondern unterhaltsam. Der Text bietet das auch an: Ich würde ihn als Gonzo-Reportage bezeichnen, die hin und wieder ins Fantastische abdriftet und insgesamt Platz für musikalische Einlagen gibt.

Was war der größte Wiesn-Hit für Sie?
Es gab tatsächlich ein Lied, das bei mir hängen geblieben ist, aber da musste ich eine Weile recherchieren, weil das von einer alten Volksmusik-Band ist, die gar nicht mehr existiert. Das Lied heißt "A Busserl reicht mir net". Ich war mir nicht sicher, ob ich den Text richtig gehört hatte; der klang zum Teil so, als ob er von einer Vergewaltigung handelt. Das fand ich schon sehr faszinierend.

Sie haben insgesamt dieses typisch österreichische Faible für Abgründe, beschäftigen sich gerne auch mal ausführlich mit Ausscheidungen und eher unangenehmen Dingen. Woher kommt das?
Das kann ich gar nicht so genau sagen. Wenn mich Leute fragen, wer mich geprägt hat, dann sind das schon so Künstler wie Manfred Deix oder Leute aus der österreichischen Kabarett-Szene, die schon in den Neunzigern groß waren, wie Hader, Dorfer oder Roland Düringer. In Österreich zelebriert man nun mal diese Grauslichkeiten, geilt sich daran humoristisch auf. Vielleicht ist das eine Tradition, die einfach immer weiter und weitergegeben wird.

Sie haben den Bachmann-Publikumspreis gewonnen, der Rowohlt-Verlag gibt Ihre Bücher heraus. Versaut der Erfolg nicht die Kunst?
Auf gewisse Art schon. Die Perspektive einer Callcenter-Angestellten, wie ich es früher mal war, ist sicherlich interessanter als die einer Autorin, die nur noch ständig auf Lesungen unterwegs ist. Künstlerinnen, die über ihr Künstlerinnen-Dasein schreiben, kennt man halt zur Genüge. So ein prekärer Job ist da viel interessanter, weil man mit unterschiedlichen Menschen Kontakt hat. Außer mit meiner Familie, die eher aus dem Arbeitermilieu stammt – meine Mutter ist Krankenschwester, mein Vater Handwerker – habe ich jetzt nur mit Künstlerinnen und Künstlern und praktisch nichts mit anderen Berufsschichten zu tun. Schon allein deswegen ist es sinnvoll, aufs Oktoberfest zu gehen.

Wie lautet denn der derbste Witz, den Sie kennen?
Witze kann ich gar nicht so gut erzählen, aber es gibt so Sprüche oder Ausdrücke, die mir gefallen. Dass man zum Beispiel, um jemanden zu beleidigen, sagt: "Du konnst mir den Orsch aussaufen".

Äußerst unangenehm. Man hat sofort ein Bild vor Augen.
Ja eben, ein fürchterliches Bild! Oder was ich an Österreich auch sehr gerne mag, ist dieser Umgang mit eher grindigen Sachen, die aber nett klingen. Wenn jemand wegen eines Schlaganfalls umkippt, sagt man zum Beispiel: Er hatte ein Schlagerl. Als wäre das was Süßes und Nettes. Oder Futlapperl für die Schamlippe. Das ist ein grässliches Wort, aber es hat auch was Verniedlichendes. Das finde ich schon lustig.    

Premiere morgen, 19.30 Uhr im Volkstheater. Restkarten evtl. an der Abendkasse, wieder am Freitag, 31. Januar sowie 5., 6., 16. Februar und im März, Karten unter Telefon 523 46 55


 
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