Münchner Stadtmuseum Architekt Moritz Auer über die verschobene Sanierung

Zwischen den Gebäudetrakten des Stadtmuseums soll ein überdachtes Atrium und damit ein großzügiger Treffpunkt entstehen. Von hier aus gewinnt man einen Überblick über die durch Stege verbundenen Sammlungen. Foto: Auer Weber

Wenn die Sanierung des maroden Stadtmuseums für sechs Jahre gestoppt wird, können die Kosten am Ende auf 300 Millionen Euro ansteigen. Und mit der Wiedereröffnung wäre um das Jahr 2036 zu rechnen. Die AZ sprach mit dem Architekten Moritz Auer.

 

Die Verbindung zu München ist eine besondere. Mit Günter Behnisch und Carlo Weber hat Fritz Auer 1967 den Wettbewerb für das Olympiagelände gewonnen. Das war der Beginn einer respektablen Folge, die längst von den Söhnen Moritz und Philipp Auer fortgeführt wird. Schulen, den Zentralen Omnibusbahnhof und Campusanlagen hat das international agierende Büro Auer Weber hier gebaut, der Alte Hof wurde ergänzt, unübersehbar ist der Neubau des Hauptbahnhofs. Und in dieser Mischung bildet das Stadtmuseum eine Art Herzstück – auch, weil es für München, seine Identität, seine Geschichte steht. Umso mehr irritiert Moritz Auer der eben mal durch die grün-rote Mehrheit im Stadtrat beschlossene Sanierungsstopp.

AZ: Herr Auer, Sie kennen die Verantwortlichen für öffentliche Bauvorhaben. War mit einem Sanierungsstopp am Stadtmuseum zu rechnen?
MORITZ AUER: Überhaupt nicht. Wir haben das ja wie alle Beteiligten erst aus der Zeitung erfahren. Durch die Corona-Krise muss man natürlich damit rechnen, dass Projekte irgendwann nicht mehr stabil weiterlaufen. Aber dass es ausgerechnet das Stadtmuseum trifft und alle anderen Kulturprojekte ausgeklammert werden, hat uns schon sehr erstaunt. Zumal der Schnitt in eine denkbar schlechte Phase fallen würde.

Welche?
Die Entwurfsplanung – wir sprechen im Planungswesen von der Leistungsphase 3 – wäre im September abgeschlossen. Das würde mit einer weiteren Kostenberechnung einhergehen. Jetzt kurz davor abzubrechen, macht keinen Sinn. Und interessant: Vor genau einem Jahr, am 24. Juli, wurde die Generalsanierung mit einem klar formulierten Kostenziel von 203,5 Millionen Euro im Stadtrat beschlossen. Bei einer so langen Pause wird das kaum zu halten sein.

Planungsstopp wäre ein Problem: "Es hängen viele Experten an dem Projekt"

Weil danach vieles neu geplant werden muss?
Das hängt davon ab, wie dieser Stopp konkret aussieht. Aber wenn der Stadtrat im Herbst einen totalen Schnitt beschließt und die Planungen nicht weiterlaufen, wird es extrem schwierig. Denn wer weiß, ob dann noch dieselben Fachleute zur Verfügung stehen. Sei es in den städtischen Referaten, bei den Ausstellungsgestaltern von Atelier Brückner oder bei uns. Und es hängen ja noch viele weitere Experten am Projekt.

Müsste man sich das Know-how mühsam wieder erarbeiten?
Wenn Sie das ein paar Jahre betreuen, entwickeln Sie ein immenses Detailwissen. Das kann man nicht dokumentieren. Und es müssen sich wieder neue Teams bilden. Außerdem ist damit zu rechnen, dass sich Bauvorschriften verändert haben. Das heißt, dass sich beispielsweise Brandschutzvorschriften verschärfen können, dass es bei technischen oder auch energetischen Anforderungen höhere Auflagen gibt. Diese Verordnungen werden ja ständig strenger. Und wie das dann wieder mit dem jetzt erarbeiteten Konzept zusammengeht, ist schwer zu sagen. Man kann jedenfalls nicht nahtlos an die Situation vor der Zäsur anknüpfen.

Stadtmuseum München: Mehrkosten zwischen 50 und 100 Millionen Euro?

Wie sehr treibt das die Kosten in die Höhe?
In der Vergangenheit konnte man mit einer Baupreissteigerung von moderaten 3 Prozent im Jahr rechnen. Durch den Bauboom beobachten wir Zunahmen von bis zu 6 Prozent. Mag sein, dass das durch konjunkturelle Einbrüche etwas abflacht. Aber wenn die ganze Maschinerie erst in sechs Jahren wieder anläuft, kommen Neuplanungen und Einarbeitungen auf uns zu, höhere Materialpreise und überdurchschnittlich gestiegene Kosten für die immer komplexer werdende Haustechnik. Das könnte Mehrkosten zwischen 50 und 100 Millionen Euro bringen. Und es ist davon auszugehen, dass das Museum erst um das Jahr 2036 eröffnet wird.

Das Ausweichquartier auf dem ehemaligen Arri-Gelände ist für zehn Jahre angemietet, das macht noch einmal 29 Millionen. Um zu sparen, wird viel Geld verbraten.
Wenn man nur an die kurzfristigen Einsparungen denkt, kommt man erst einmal durch die Legislaturperiode – nach dem Motto: Dieses Thema sollen dann andere lösen. Aber ist das verantwortungsvoll? Man muss das Ganze im Blick haben, deshalb braucht es zu dieser wertvollen Institution eine grundsätzliche Entscheidung. Es macht doch keinen Sinn, viele Beteiligte weiter planen zu lassen, wenn man dieses Projekt im tiefsten Inneren womöglich gar nicht realisieren will.

Das Potenzial des Münchner Stadtmuseums scheinen viele nicht zu kennen.
Man schaut heute immer nur auf die großen Ausstellungen. Aber wenn ich über Jahre mit einem maroden Bau beschäftigt bin, der einen Großteil meines Etats und meiner Ressourcen schluckt, kann ich keine großen, nach außen strahlenden Ausstellungen stemmen. Es gibt in München keine weitere Institution, in der es so explizit um die Geschichte der Stadt und um ihre Identität geht. Hier können Sie alle nur denkbaren Themen der Gegenwart und der Zukunft vermitteln und damit ein viel breiteres Publikum erreichen als in jedem anderen Museum. So ist ja auch das architektonische Konzept angelegt. Hier soll ein Forum für alle geschaffen werden. Das hat ja nicht zuletzt auch mit einem Bildungsauftrag zu tun.

In anderen Städten sind die Stadtmuseen anziehender

Für den hat sich die SPD mal ziemlich stark gemacht.
Ich verstehe ja, dass man in einer Krise überlegt, worauf man verzichten kann. Aber warum ausgerechnet auf dieses Haus? Warum hat diese Institution keine Lobby? In der Politik nicht – und scheinbar auch nicht in der Stadtgesellschaft, die aber genau hier im Mittelpunkt steht. Es gibt andere Städte, wo gerade die Stadtmuseen große Publikumsmagnete sind. Und jetzt haben Sie in München noch diese Lage. Wenn man das gut aufzieht, dann kann das nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für Touristen ein richtiger Anziehungspunkt werden.

Wenn nun in den maroden Gebäuden des Stadtmuseums einfach weitergemacht wird?
Dann muss man Geld in die Hand nehmen, um das Haus wenigstens rudimentär bespielbar zu halten und einigermaßen annehmbare Museumskonditionen zu schaffen. Es gibt einen großen Sanierungsstau, weil man immer von der großen Lösung ausging. Deshalb waren die Aufsichtsbehörden etwa bei den Fluchtwegen oder beim Brandschutz tolerant – aber eben unter der Bedingung, dass das bei der Generalsanierung den Bestimmungen angepasst wird.

Die Brandschutzanpassung wird nicht für ein paar Euro zu haben sein.
Diese Kosten kann man noch gar nicht beziffern, weil das bislang völlig ausgeblendet wurde. Das einfach so Weitermachen war ja keine Option. Es wurde nur das Nötigste gemacht. Aber die renovierten Liftanlagen oder Teile der Haustechnik wären bei einem stark verzögerten Baubeginn auch schon wieder veraltet.

Beißt sich da die Katze in den Schwanz?
Sparen kann man mit diesem Sanierungsstopp jedenfalls nicht. Und Konkretes wurde ja nicht einmal verhandelt. Deshalb hat mich auch erstaunt, mit welcher Leichtigkeit das eben mal entschieden wurde. So, als ginge es um eine Lagerhalle in der Vorstadt. Das kann in der Kulturstadt München doch nicht sein.    

Lesen Sie auch das Interview mit Frauke von der Haar, der Direktorin des Münchner Stadtmuseums


 
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