Münchner SPD-Politiker auf Flüchtlingsschiff Markus Rinderspacher: "Wir hatten Todesangst"

Markus Rinderspacher im Gespräch mit einem Flüchtling auf der "Eleonore". Foto: Privat

Markus Rinderspacher erlebte dramatische Stunden auf einem Flüchtlingsschiff vor Sizilien. Hier erzählt der Münchner SPD-Politiker, was er erlebt hat.

 

München - Markus Rinderspacher (SPD) ist Vizepräsident des Bayerischen Landtags und europapolitischer Sprecher seiner Fraktion. An Bord des deutschen Flüchtlingsschiffs "Eleonore" gewann er beängstigende Eindrücke.

AZ: Herr Rinderspacher, Sie sind nach einer turbulenten Nacht in einem Hafen angekommen. Wo sind Sie?
MARKUS RINDERSPACHER: Mit aller Kraft sollte verhindert werden, dass die "Eleonore" in den Hafen von Pozzallo einläuft, aber die Hartnäckigkeit von Kapitän Klaus-Peter Reisch hat dazu geführt, dass das Schiff nun doch anlegen konnte. Das war auch dringend notwendig.

Wann sind Sie auf die "Eleonore" gekommen?
Ich war seit Sonntag Abend dort. Im Zuge eines "Crew Member Exchanges" konnte ich mit drei Ärzten auf das Schiff kommen. Noch als Fraktionsvorsitzender habe ich ja vor einem Jahr Kapitän Klaus-Peter Reisch mit dem Europa-Preis der SPD-Landtagsfraktion ausgezeichnet. Seither haben wir einen guten Kontakt.

Rinderspacher: "Die hygienischen Zustände waren katastrophal"

Was fanden Sie an Bord vor?
Die Situation war dramatisch. Auf einem 20 Meter langen Mini-Boot waren 104 Flüchtlinge, darunter 30 unbegleitete Minderjährige. Fast alle aus dem Südsudan, zwei aus dem Tschad und zwei aus Ägypten. Alle kauerten seit sieben Tagen und acht Nächten auf dem Deck. Jeder hatte nur 0,46 Quadratmeter Bewegungsfreiheit. Keiner konnte mit ausgestreckten Beinen schlafen. Die hygienischen Zustände waren katastrophal.

Aber es kam noch dramatischer...
...in der Nacht zum Montag kam es zu einem Sturm, der den Kapitän veranlasst hat, den Notstand auszurufen und mit Italien Kontakt aufzunehmen. Er konnte es nicht mehr verantworten, das Schiff auf hoher See zu lassen. Zunächst waren die Flüchtlinge noch an Deck, mussten dann aber wegen der meterhohen Wellen, die über das Boot schlugen, unter Deck gehen. Dort mussten 80 Menschen in einem Räumchen kauern. Das waren beängstigende Zustände. Ich neige nicht zu Übertreibungen, aber viele auf dem Boot – auch ich selbst – hatten in diesen Stunden wirklich Todesangst. Deshalb war es richtig vom Kapitän, den Notstand zu erklären. Das Schiff hätte keine 24 Stunden länger auf hoher See sein können.

Was bedeutet "Notstand"?
Es ist die Vorstufe zu SOS. Wenn eine schwierige Situation eingetreten ist, die nicht mehr beherrschbar ist, sind andere Schiffe beziehungsweise die nächste Küste aufgefordert, Hilfe zu leisten. Dem haben sich die italienischen Behörden zunächst verweigert. Obwohl ihm die Einfahrt in die Zwölf-Meilen-Zone bei Strafe von einer Million Euro nach dem jüngst verabschiedeten Salvini-Gesetz verboten war, hat der Kapitän das Schiff in den Hafen gesteuert. Als das Schiff schon in Sichtweite der Küste war, haben die italienischen Behörden insoweit eingelenkt, dass sie das Schiff in Hafen geleitet haben.

Rinderspacher: "Ich werde auf jeden Fall als Crew-Member wieder mit dabei sein"

Und dann?
Hier werden jetzt alle Papiere überprüft, teilweise auch die von Journalisten, was ich sehr schlecht finde. Videomaterial wird beschlagnahmt. Eine Kehrtwende der italienischen Flüchtlings- und Migrationspolitik kann ich noch nicht erkennen. Ich begrüße aber, dass am Ende doch noch die Menschlichkeit über die Sturheit des ehemaligen italienischen Innenministers Salvini gesiegt hat. Ich hoffe, dass damit auch das Signal verbunden ist, dass die neue Regierung Seenotrettung künftig nicht mehr kriminalisiert. Seenotretter retten Leben unter Einsatz ihres eigenen, wovon ich mich überzeugen konnte.

Sie konnten mit Flüchtlingen reden. Warum haben sie das Risiko auf sich genommen?
Ich kann aus nächster Nähe berichten, dass es sich nicht um Wirtschaftsflüchtlinge handelt. Ich war als Augenzeuge bei der ärztlichen Versorgung dabei. Dabei wurden mehrere Schusswunden bei den Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Sudan notärztlich behandelt. Ich finde, es ist ein Gebot der Menschlichkeit, dass Europa Seenotrettung als staatliche Aufgabe versteht, anstatt private Seenotretter zu kriminalisieren.

Kapitän Reischl braucht jetzt wieder ein neues Schiff, oder?
Die "Eleonore" gehört dem Kapitän Klaus-Peter Reisch. Sein ursprüngliches Schiff "Lifeline" wurde im letzten Jahr von Malta beschlagnahmt und liegt dort noch im Hafen. Die "Eleonore" ist ein neues Schiff, das wohl abermals von den italienischen Behörden beschlagnahmt wird. Ein neuer Spendenaufruf ist wohl für die Mission "Lifeline" und für ein neues Schiff notwendig. Ich werde auf jeden Fall als Crew-Member wieder mit dabei sein.

Lesen Sie hier: Rettungsschiffe "Eleonore" und "Mare Jonio" dürfen anlegen

 

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