Münchner Literaturfest Was Ingo Schulze beim forum: autoren plant

Der Dresdner Schriftsteller Ingo Schulze. Foto: dpa

Ingo Schulze wird Kurator des kommenden „forum: autoren“ beim Münchner Literaturfest und will 1989 ins Zentrum stellen

 

Zum zehnten Mal erhält im kommenden Herbst ein Künstler die Gelegenheit, einen Teil des Literaturfests selbst zu gestalten. Das „forum: autoren“ wird dann von Ingo Schulze geleitet, der sich in seinen Romanen schon häufig mit dem Untergang der DDR und der Entwurzelung von Menschen in einem neuen System befasst hat. Er rückt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, das Jahr 1989 ins Zentrum seines Mini-Festivals, will dabei aber auch weit über Deutschland hinaus blicken. Er hat dafür das Motto „Einübungen ins Paradies. Fragen an die Welt nach 1989“ gewählt.

AZ: Herr Schulze, das Literaturfest beginnt am 13. November, vier Tage nach dem 30. Jahrestag des Mauerfalls.
INGO SCHULZE: Wir beginnen mit dem Festival in dem Moment, in dem der maximale Punkt der thematischen Erschöpfung erreicht ist. Keine Sorge, das ist uns bewusst. Aber 1989 steht ja für weit mehr als den Fall der Mauer. Es sind damals Grundlagen geschaffen worden für die Welt, in der wir leben und deren Widersprüche wir auf vielfältige Art diskutieren können.

Hatten Sie im Herbst 1989 sofort das Gefühl, Weltgeschichte zu erleben?
Ich war ja nicht in Berlin und habe den Mauerfall eher verschlafen. Ich habe zunächst gedacht: Jetzt fahrt doch nicht alle in den Westen, kommt doch lieber weiter zu unseren Demos. Ich war am 2. Oktober 1989 zum ersten Mal bei einer Demo in Leipzig dabei – und da wurde über den Köpfen der Menschen ein Spruchband weitergereicht: „Visafrei bis Shanghai“, das war für mich schon ein historisches Erlebnis.

Waren Sie dort schon optimistisch, dass sich bald etwas ändern würde?
Seit Gorbatschow, aber auch durch die Ereignisse in Polen und Ungarn war jedem in Ostdeutschland klar, dass sich etwas ändern würde. Nur dachte ich halt, das würde sehr viel langsamer gehen und vor allem innerhalb der sozialistischen Ordnung stattfinden. Der Deckel war bei uns ja wirklich sehr lange drauf. Ich war im Sommer 1989 in Leningrad, da herrschte eine Stimmung der Offenheit, die es bei uns noch gar nicht gab.

Wie lange hielt Ihre Euphorie an?
Es gab ständig euphorische Momente und unentwegt Momente der Überforderung. Weil wir ja glaubten, im Neuen Forum alles noch einmal neu erfinden zu müssen. Jede Sitzung war eine kontroverse Sache, wir kannten uns kaum, hatten ja auch wenig Erfahrungen. Am 6. Dezember hatten wir die Stasi besetzt und ohne Rundfunk bis zum Abend eine Demo organisiert. Da gab es zum ersten Mal die Rufe: „Deutschland einig Vaterland.“ Ich dachte: Was sind denn das für Spinner? Ich dachte damals noch, dass eine Koalition aus SPD und Neues Forum die Regierung übernehmen würde. Der 18. März 1990 markiert dann für mich den Verlust von Hoffnung und Illusion: die ersten freien Wahlen. Nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass das Neue Forum 2,9 Prozent der Stimmen bekommt und die Blockflöten von der Ost-CDU über 40 Prozent. Auf einmal waren die, die im Herbst noch auf der anderen Seite des Tisches gesessen hatten, die Wahlsieger.

Was glauben Sie: Haben die meisten Menschen im Westen die Ostdeutschen vor allem deswegen nicht richtig verstanden, weil ihr eigenes Leben einfach bruchlos weiter ging?
Ich bin davon überzeugt, dass es auch im Westen viele Brüche gab. Die ganze politische Kritik an den Fehlern der Bundesrepublik war doch über Nacht verstummt. Es gab keinen Raum mehr für solche Diskussionen. Das hat ja ganz Europa betroffen. Nehmen Sie doch mal Italien: Eine Idee wie der Sozialismus war dort plötzlich vom Tisch. Darüber wollte keiner mehr reden. Es fehlte plötzlich fast überall die Alternative. Ganz nach dem Motto: Politik braucht man ja jetzt fast nicht mehr, wenn man die Ökonomie gut macht. Das wurde eine Selbstverständlichkeit.

Und es hatte natürlich Auswirkungen auf die Literatur.
Viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Westen haben mir gesagt: Eure Biografien dürft ihr ja immer erzählen, wenn wir das tun, interessiert das überhaupt niemanden.

Stimmt, es wurde ja in der Kritik auch diskutiert, dass die spannenden Romane künftig nur noch aus Ostdeutschland kommen können. Westdeutsche Schriftsteller hätten ja nichts erlebt.
Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Letztlich setzt das doch immer voraus, dass du leiden musst, um gute Literatur schreiben zu können. Natürlich muss man Erfahrungen haben, um ein guter Autor zu sein, aber das ist etwas ganz anderes.

Jahrelang wurde von der Kritik der „große Wenderoman“ eingefordert.
Wie definiert man das eigentlich? Das sind doch Bücher, die meistens mit der Silvesternacht 89/90 enden. Ich stehe manchmal fassungslos vor sehr geschätzten und bewunderten Kollegen und frage mich: Warum hört ihr denn da auf zu erzählen? Warum interessiert euch das Neue nicht? Mich interessiert der Wechsel von Abhängigkeiten, der Wechsel von Freiheit. Der eigentliche Wenderoman, wenn man das fürchterliche Wort wirklich bemühen möchte, musste doch aus dem Westen kommen. Für uns war doch klar, dass sich alles geändert hat – absolut alles, auch die Liebe und die Luft und wie man spricht. Aber was war im Westen? Der für mich großartigste Roman der letzten Jahre ist daher Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“. Auch wenn es dort nicht um 1989 geht.

Die DDR wird als Stasi-Staat im Film und in der Literatur kanonisiert.
Es wurden Biografien bis heute durch die Stasi zerstört, es wäre ja verrückt, etwas anderes zu behaupten. Aber man kann doch auch zusätzlich das andere DDR-Leben erzählen, das normale. Ein Film wie „Das Leben der Anderen“ hat ein unglaublich starkes falsches Muster erzeugt. Das kann man dem Regisseur gar nicht zum Vorwurf machen, der Film ist halt nach Hollywoodkriterien entwickelt worden. Da stimmt so vieles nicht, was die DDR betrifft. Aber er ist dann die Blaupause geworden, der von Menschen, die die DDR nicht erlebt haben, für die Realität gehalten wird.

Was planen Sie für Ihr „forum: autoren“?
Ich kann noch keine konkreten Namen nennen. Ich werde mich jetzt noch stärker in die Thematik einarbeiten und mit ganz vielen Leuten reden. Hätten wir fast unerschöpfliche Geldmittel, so würde ich natürlich Autoren aus China, Vietnam, Russland, Indien, Südafrika holen und natürlich auch aus München, um darüber zu diskutieren, ob 1989 wirklich so spurlos an der Stadt vorbeigegangen ist. Spannend wären auch Schriftsteller aus Sarajevo. Für die begann das 20. Jahrhundert 1914 mit der Erschießung des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand und dessen Frau, und es endete vier Brücken weiter 1992 mit dem Bosnienkrieg. Mich interessiert, wie Menschen ihre Zeit einordnen und wo sie dort ihre Linien ziehen. Das schwankt nämlich. Zur Zeit ist ja auch 1979 in der Diskussion als ein Jahr, an dem die Welt von heute begann. Letztlich geht es darum, zu begreifen, in welcher Zeit man lebt und auf welche man sich bezieht.

Was meinen Sie konkret?
In der „SZ“ hat sich vor ein paar Tagen der ehemalige Chef der französischen Nationalbibliothek geäußert. Er sagte, die Gelbwesten bezögen sich nicht auf die Pariser Kommune, sondern auf die Französische Revolution. Geschichte ist immer ein wichtiger Bezugspunkt für die Gegenwart. Das sieht man ja auch an Pegida, die im Osten den Herbst 1989 für sich okkupiert.

Das klingt nach einem sehr politischen „forum: autoren“.
Es ist völlig unsinnig, Literatur als Illustration von gesellschaftlichen Prozessen zu nehmen. Ich muss jetzt schauen, wo man Autoren, aber auch Philosophen oder Soziologen findet, die bereit sind, über Zeitgrenzen nachzudenken und zu diskutieren – oder auch meine Fragestellung zurückweisen. Ich möchte nach diesem „forum: autoren“ einfach mehr über unsere Zeit wissen, das ist mir wichtiger, als meine Weltsicht bestätigt zu bekommen.

 

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